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Vulkanausbruch : Die Eruption, die Europa zittern ließ

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Was vom Vulkan übrig blieb: Nach der Eruption verlor der heute noch 2850 Meter hohe Tambora seine Spitze und damit fast eineinhalb Kilometer an Höhe Bild: NASA

Es war die größte Eruption seit Menschengedenken: Vor 200 Jahren brach im heutigen Indonesien der Vulkan Tambora aus. Das hatte auch in Europa Folgen: Es brach das „Jahr ohne Sommer“ an.

          Thomas Stamford Raffles hatte es nach Jahren bei der britischen Ostindien-Kompanie zum Vizegouverneur von Java gebracht. Als er am 5. April 1815 in dem Ort Bogor südlich von Jakarta beim Dinner saß, hörte er zwei Stunden lang Kanonendonner, immer wieder. War das ein Piratenschiff? Oder fingen gar die Holländer an, ihre verlorene Kolonie zurückzuerobern? Es klang ganz nahe, kam aber aus 800 Kilometer Entfernung, was er freilich da noch nicht wissen konnte.

          Am nächsten Morgen fiel ein feiner Ascheregen. Im vulkanreichsten Gebiet der Erde war somit klar, dass der nächstgelegene Hausvulkan ausgebrochen war. Kein Grund zur Aufregung, auch wenn mittags die Asche die Sonne etwas verdunkelte. Man würde warten, was ankommende Schiffe zu berichten hatten - den Telegraphen gab es noch nicht.

          Doch am 10. April abends gab es mehrfach „ein wahrhaft erschreckendes Getöse“, das noch auf Sumatra in 2600 Kilometer Entfernung als naher Kanonenschuss interpretiert wurde. Rund um Raffles herum brachten Erdstöße die Häuser ins Schwanken. Anderntags wurde es dunkel, und der Ascheregen war beträchtlich. Ein Tsunami mit bis zu fünf Meter hohen Wellen überspülte die Küsten von Ostjava, Sumatra, Borneo und Celebes und riss Menschen und Vieh ins Meer. Seeleute berichteten, dass man die eigene Hand vor den Augen nicht mehr erkennen konnte. Doch nach zehn Tagen reinigte ein Regenguss die Atmosphäre wieder.

          Alle Berichte deuteten auf den Mount Tambora auf der fernen Insel Sumbawa hin, der schon im Vorjahr eine anhaltende Aschewolke ausgestoßen hatte. Dessen 4300 Meter hoher Gipfelkegel, ein wichtiger Orientierungspunkt der Seefahrer, sei wie weggeblasen. Raffles schickte zwei Segler mit Hilfslieferungen von Reis zum dortigen Hafen Bima los, die „Benares“ unter Kapitänleutnant Owen Phillips und die „Dispatch“.

          Je näher die Segler dem Ziel kamen, desto mehr Anzeichen für eine wahre Katastrophe gab es. Kilometerlange und meterdicke Schollen aus verbackenem Bimsstein trieben im Meer, vermengt mit Leichen, Tierkadavern sowie entrindeten Baumstämmen ohne Äste. Sie sollten die Schifffahrt noch vier Jahre lang behindern. Eine solche Scholle verirrte sich gar bis nach Indien in die Ganges-Mündung. Noch 30 Jahre nach der Eruption konnte der deutsche Arzt Franz Junghuhn die Ausbreitung des Ascheteppichs kartieren - auf einem Viertel der Fläche Europas.

          Die größte Eruption seit Menschengedenken

          In Bima angekommen, fand Phillips von den 70.000 Einwohnern der Insel Sumbawa nur noch wenige Überlebende - viele waren nach Java geflohen. Ansonsten sah er nur verbrannte Erde: „Noch immer stieß man auf Leichen, die längs der Straße auf den Feldern lagen, und auf Hügel, unter denen viele andere verscharrt waren. Die Dörfer zeigten sich ganz verlassen, die Häuser in Schutt verfallen, und die Menschen irrten umher, um sich Nahrung zu suchen.“ Den Radscha des Distrikts Sengari nächst dem Tambora versah er mit dringend benötigtem Reis. Dessen Tochter war bereits vor Hunger gestorben.

          „Am Abend des zehnten Aprils brachen drei gesonderte Flammensäulen nahe beim Gipfel des Bergs Tambora hervor“, heißt es in dem Augenzeugenbericht des Radschas, der erst ein Jahrzehnt später auf Deutsch zu lesen war. „Jede derselben erhob sich für sich zu einer beträchtlichen Höhe, wo alsdann ihre Spitzen sich in der Luft vereinigten und auf eine unordentliche Weise zusammenflossen. Wenige Minuten danach schien sich der Berg auf der Seite nach Senagir in eine Masse flüssigen Feuers zu verwandeln und nach allen Richtungen auszudehnen, bis um acht Uhr die Glut von der Masse der ausgeworfenen Steine ganz verfinstert wurde.

          Zwischen neun und zehn Uhr fing es an, Asche zu regnen, und gleich darauf erhob sich ein fürchterlicher Wirbelwind, welcher fast alle Wohnungen in Senagir niederstürzte und die Zimmer sowie alle leichteren Teile mit sich davonführte. Noch heftiger wütete er im Dorf Tambora, denn hier riss er die stärksten Bäume mit der Wurzel aus und führte sie, so wie Menschen, Pferde, Ochsen und was sonst, mit sich in den Lüften dahin.“

          Der Vulkan im Jahr 1988, fotografiert von der Universität von Rhode Island

          Etwa 12.000 Hitzetote waren zu beklagen. Dann raffte die Hungersnot noch 60.000 Bewohner der umliegenden Inseln dahin. Heute weiß man, dass es sich um die größte Eruption seit Menschengedenken handelte, Stufe sieben auf dem Vulkanexplosivitätsindex. Dagegen erreichte der Krakatau 1883 nur Stufe sechs, stand aber dank Telegraph sofort in den Zeitungen.

          Der mangelnde Nachrichtenwert von Problemen in den Kolonien war wohl einer der Gründe, warum ein Jahrhundert lang niemand den größten Vulkanausbruch mit der größten Klimakatastrophe in Verbindung brachte - zumal da sie erst ein Jahr später, 1816, stattfand.

          Die Tambora-Kälte vernichtete Sommerernten

          Erst 1920 wies der amerikanische Physiker William J. Humphreys in seinem Standardwerk zur Atmosphärenphysik auf den Zusammenhang hin. Der gigantische Auswurf des Tamboras sei mit 43 Kilometer Höhe bis in die Stratosphäre gelangt, wo sich ein Aerosol aus Schwefelsäure und Sulfaten so lange gehalten habe, bis es sich 1816 auch über die nördliche Hemisphäre ausbreitete. Dort habe es das Sonnenlicht abgeschirmt und die Tambora-Kälte hervorgerufen - übers ganze Jahr war es gemittelt bis zu fünf Grad kälter.

          Doch es sollte noch einmal lange dauern, bis die Ozeanographen Henry und Elizabeth Stommel das Thema 1979 mit ihrem Aufsatz „The Year Without a Summer“ im „Scientific American“ und mit ihrem Buch „Volcano Weather“ (1983) popularisierten. Seitdem reisen Forscher und auch Abenteuertouristen zum Tambora, von dessen Kraterrand mit mindestens fünf Kilometern Durchmesser noch 900 Meter zur Caldera abzusteigen sind. Jüngst haben amerikanische Archäologen das Dorf Tambora wieder ausgegraben. Das Interesse geweckt haben sicher auch die folgenreichen Eruptionen des philippinischen Pinatubo 1991 und des isländischen Eyjafjallajökull 2010 mit der Flugsperre.

          Zu den globalen Folgen der Tambora-Kälte fehlen noch Informationen aus vielen Ländern, etwa in Südamerika. Bekannt ist, dass die Schneefälle im Sommer in Neuengland und Kanada die Getreide- und Heuernte vernichteten. In Indien gab es drei Jahre lang Missernten. In Bengalen ließ die Hungersnot ein mutiertes Cholera-Virus wüten, das im Pilgertempo erst 1831 in Europa ankam. Selbst im sonst subtropischen Taiwan fiel Schnee. In China erfroren Wasserbüffel, der Jangtse überflutete sein Tal.

          Auch in Westeuropa wurde es ungemütlich. Im „Jahr ohne Sommer“ verdarb fast die ganze Ernte. Der Mensch aber verdrängt Unangenehmes schnell. Und es gab noch eine Ursache für das Vergessen: die ungewöhnlich dürftige Quellenlage. Die damaligen Tageszeitungen brachten zwar im Marktteil die enorm gestiegenen Preise für Getreide und Lebensmittel, doch verloren sie kein Wort über die Hungerkatastrophe, die mit einer glücklicherweise guten Ernte im Herbst 1817 wieder vorbei war.

          Aber es gab auch positive Folgen

          Es erklärt sich mit der damaligen Pressezensur, die offenbar verhindern wollte, dass das Plündern und Niederbrennen von Bäckereien und Mühlen durch die Hungernden Nachahmer fand. Erst Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Rückschau schriftliche Hinweise auf die Katastrophe. Das Wort „Pferdesterben“ fällt ebenfalls. Überliefert ist auch der Ausdruck „Achtzehnhundertunderfroren“ für das Jahr.

          Der deutsche Süden, aber auch die Schweiz waren besonders stark betroffen, da schon die Truppen der Napoleonischen Kriege die Vorräte der Bauern aufgebraucht hatten. Das russische Zarenreich war weniger geschädigt und konnte Getreide nach Baden, Württemberg und in die Schweiz verschiffen.

          Es gab durchaus auch positive Folgen der Tambora-Kälte: Der württembergische König Wilhelm I. stiftete das Landwirtschaftsfest auf dem Cannstatter Wasen und die Landwirtschaftliche Akademie im Schloss Hohenheim. Der badische Forstlehrer Karl Drais erfand das Urfahrrad - auch „Draisine“ genannt - als Ersatz für Reitpferde. Und nach der Motorisierung der automobilen Fortbewegungsmittel schafft es die Menschheit nun, womöglich in die nächste Klimakatastrophe zu knattern - mit dem Unterschied, dass sie dieses Mal selbstgemacht ist.

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