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Von Paris nach Stuttgart : „Bienvenue TGV“

Mit Verspätung im schwäbischen Ziel Bild: dpa

In drei Stunden und 39 Minuten mit bis zu 320 Stundenkilometer aus der französischen Hauptstadt Paris nach Schwaben: An diesem Sonntag ist der erste reguläre französische Schnellzug eingefahren.

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          Um 11.21 Uhr kommt der silberne TGV im Stuttgarter Kopfbahnhof zu stehen. „Bienvenue TGV - auf die Gleise fertig los“ rufen die Cheerleader-Girls. Es ist der erste reguläre „TGV Est“, der in Stuttgart ankommt. „Der kommt scho“, sagte ein Mitarbeiter der Bahn den Wartenden auf dem Bahnsteig. Um 7.24 Uhr hatte der französische Schnellzug den Pariser „Garde de l´Est“ verlassen, 11.03 Uhr sollte er eigentlich in Stuttgart sein. Mit 18 Minuten Verspätung kommt er dann in Stuttgart zum Stehen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Es ist ein tolles Zeichen für Europa und zeigt wie Europa zusammen wächst“, sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger (CDU). Der Bahnvorstandsvorsitzende Hartmut Mehdorn, die Oberbürgermeister aus Stuttgart, Straßburg und zahlreiche Landesminister steigen aus dem Schnellzug und kämpfen sich durch die schwäbischen Bahnfans.

          Fast dreißig Jahre verhandelt

          Künftig soll der TGV in drei Stunden und 39 Minuten an Wochentagen drei Mal von Stuttgart aus nach Paris fahren und an Wochenenden zwei Mal. Zwischen Frankfurt und Paris verkehrt seit Inkrafttreten des neuen Fahrplans ein für die französischen Gleise umgebauter ICE. Er braucht nach einer weiteren Fahrplanumstellung im Dezember nur noch drei Stunden und 49 Minuten und verkehrt ab sofort drei Mal täglich.

          Fast dreißig Jahre haben Politiker über das Projekt verhandelt und fast ebenso lange Bahnmanager sowie Techniker der Deutschen Bahn AG und der staatlichen französischen SNCF gebraucht, um es zu realisieren. Lokführer mussten geschult werden, die Züge mit zusätzlichen Stromabnehmern ausgerüstet werden. Auch die Signaltechnik wurde angepasst.

          Strassburg als europäischer Verkehrsknotenpunkt

          Das Projekt „TGV est européen“ und der ebenfalls technisch modifizierte ICE 3 MF wurde 1992 von der deutschen und der französischen Regierung formal beschlossen im Gründungsvertrag von La Rochelle. Dann dauerte es noch einmal zehn Jahre bis zum Baubeginn, was auch an dem für die Franzosen ungewöhnlichen Finanzierungsmodell liegt: Erstmals beteiligen sich die Gebietskörperschaften an der Finanzierung.

          Frankfurt und Stuttgart rücken mit der neuen Verbindung nun näher an Paris heran, und die Hauptstadt des Elsass, Straßburg, ist von Paris aus nun in zwei Stunden und zwanzig Minuten zu erreichen. Strassburg wird damit und vor allem, wenn in etwa drei Jahren die TGV-Strecke Rhine-Rhone fertig ist, zu einem Verkehrsknotenpunkt im europäischen Schnellbahnnetz.

          In jedem Zug ist ein deutsch-französisches Schaffnerteam, auch gibt es in den ICEs und TGVs auf dieser Strecke an der Grenze keinen Wechsel im Lokstand mehr. Binationale Grenzstreifen, also Teams aus Beamten der deutschen Bundespolizei und der französischen „Police de l'air et des frontières“ (PAF), begleiten die Züge. Zwischen Baudrecourt und Vaires, wenige Kilometer vor Paris, beschleunigt der TGV auf 320 Stundenkilometer.

          Konkurrenz für den Flugverkehr

          Das gerade gegründete Gemeinschaftsunternehmen „Alleo“, das die Strecken Paris-Frankfurt sowie Paris-Stuttgart betreut, hat den Markt intensiv erforschen lassen: Es wird damit gerechnet, dass 75 Prozent der Kunden aus Deutschland kommen und 25 Prozent aus Frankreich. Die Strecke Frankfurt-Paris wird vermutlich zu 80 Prozent von Geschäftsleuten genutzt, die Strecke Stuttgart-Paris vor allem von Touristen und nur zu 40 Prozent von Geschäftsleuten.

          Der TGV und der ICE sollen vor allem dem Flugverkehr Konkurrenz machen, etwa 25 Prozent der Kunden sollen keine Umsteiger vom Flugzeug oder vom Auto sein, sie sollen neu dazu gewonnen werden. Bis zum Jahr 2010 soll die Rheinbrücke bei Kehl zweispurig und der Streckenabschnitt zwischen Kehl und Appenweier modernisiert sein. Wenn vielleicht im Jahr 2014 die Schnellstrecke Baudrecourt-Straßburg fertig ist und der TGV-Est auch dort mit 320 Stundenkilometern fahren kann, dann beträgt die Fahrtzeit aus der französischen Hauptstadt in die baden-württembergische Landeshauptstadt nur noch drei Stunden. Auch die Fahrtzeit von Paris nach Frankfurt würde sich dann noch einmal um etwa 20 Minuten verkürzen.

          Sechs ICE-Züge hat die Bahn AG für das französische Netz umrüsten lassen, jeder dieser „ICE 3 MF“ genannten Triebzüge kostete acht Millionen Euro. Für die Zulassung hat die Bahn 28 Millionen Euro ausgegeben, für den Ausbau der Infrastruktur weitere 570 Millionen. Die SNCF ließ 19 TGV-Züge umrüsten.

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