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Wave-Gotik-Treffen : Fressen die auch Katzen?

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Phänomen Steampunk: Mode aus der viktorianischen Zeit (19. Jahrhundert) kombiniert mit futuristischen Maschinen und Geräten Bild: dpa

Seit 25 Jahren trifft sich die Wave-Gotik-Szene in Leipzig. Die Anhänger der schwarzen Szene sind sehr vielfältig – ebenso die Gründe für den Erfolg des Musik- und Kulturfestivals.

          3 Min.

          Lack und Leder, bimmelnde Glöckchen, Irokesen – auf dem Wave-Gotik-Treffen (WGT) in Leipzig gibt es nichts, was es nicht gibt. Viele Besucher sind zwar einfach irgendwie schwarz gekleidet, aber es sind auch viele aufwendige Outfits zu entdecken:

          Undercut, ausladendes Kleid, irritierend weiße Kontaktlinsen sind Merkmale des Klassikers. „Gothic, grob gesagt“, beschreibt Judith aus Frankfurt am Main ihr Styling. „Aber das ist keine Verkleidung“, betont die 21 Jahre alte Frau. Wenn sie feiern gehe, trage sie diese aufwendige Kleidung. Im Alltag verdient sie ihr Geld als als technische Redakteurin in einer großen Firma. „Ein ganz normaler Büro-Job“, wie sie sagt.

          Militärische Kleidung ist auf dem WGT ebenfalls angesagt. Meist sind es Fantasie-Uniformen. Aber warum überhaupt in Uniform aufs WGT? „Vier Tage, acht Outfits – da gehört auch mal eine Uniform dazu“, sagt Julius. Für ihn sei es ein ironisch-modisches Statement, das ihm einfach gefalle. In seinem Job im Management eines Pflegeheims bleibe davon nichts mehr übrig. Dort erscheint er „ganz normal, mit Hemd und allem“.

          Pferdemasken, Gasmasken, Monstermasken – ein bisschen Grusel ist dabei, wenn die Maskenmänner und -frauen des Weges kommen. „Das ist so eine Art Hobby, ein Fetisch“, erklärt Thomas aus Chemnitz. Beim Reden macht er Schnaufgeräusche wie Darth Vader. Mehrmals im Jahr, immer auf größeren Veranstaltungen, sei er maskiert unterwegs, sagt der Werkzeugmacher.

          Viel Lack und hautenge Kleidung

          Wie aus der Zeit gefallene Menschmaschinen – so wirken die Steampunks auf dem Festival. „Steampunk ist die Idee, was gewesen wäre, wenn sie im Viktorianischen Zeitalter schon unsere Technik gehabt hätten“, erklärt der 55 Jahre alte Thomas. Mit seinen Freunden hat der Dresdner „Nautlilaus“ mit aufs WGT gebracht: Ein Wägelchen, das Musik spielt und mit allerlei älteren technischen Apparaturen bestückt ist. Es sei eine Hommage an Jules Vernes.

          Viel Lack, hautenge Kleidung, Perücken mit Plastik-Schläuchen in Signalfarben nennt man Cybergoth. Cindy aus Moers geht so zum WGT. „Mir gefällt das einfach“, sagt sie. Was genau stellen Cybergoths dar? „Das ist was Futuristisches, Zukunftsmäßiges, mit Computern.“ Manga, man kennt es in Leipzig gut von der Buchmesse, gehe auch in diese Richtung.

          Auch der deutsche Adel kommt auf das WGT. Manuela und Mike zum Beispiel vertreten ihn in opulenten Barock-Kostümen, mit Lockenperücke und weiß gepuderten Gesichtern. „Uns gefällt diese Zeit des Barock und Rokoko. Da war einfach alles schön: die Schlösser, die Kunst“, sagt Manuela. Neben dem WGT stehen für sie auch Barockfeste und -bälle im jährlichen Terminkalender.

          Nicht alles ist in ein Schwarz getaucht - auch wenn es das Markenzeichen für Gothic ist: Weiße Engelsflügel, weißes Kleid, blutroter Mund zeigen Wadim und Vanessa. „Das machen wir manchmal, extra in weiß zu kommen, als Provokation, um sich ein bisschen abzuheben“, sagt Wadim aus Bayern. Eine besondere Richtung sei ihre Kleidung nicht, sagt Vanessa. Doch ob schwarz oder weiß – eine Verkleidung sei ihr Outfit auf keinen Fall. „Es ist eine Lebenseinstellung. So fühle ich mich wohl.“

          Fünf Gründe für den Erfolg des Wave-Gotik-Treffens

          Das Wave-Gotik-Treffen feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Was 1992 mit 2000 Besuchern begann, hat sich zum weltgrößten Szene-Treffen mit alljährlich 20.000 Besuchern entwickelt. Noch bis zum 16. Mai feiern die Szene-Fans in Leipzig. Doch warum ist das WGT so erfolgreich?

          Erstens ist die Szene so groß wie unüberschaubar. Unbestritten ist das WGT das weltgrößte Treffen seiner Art. Doch was ist eigentlich die schwarze Szene? Diese Frage sei kaum „schlüssig zu beantworten“, schreibt der Kulturwissenschaftler und Szene-Chronist Alexander Nym. „Die Szene ist so vielfältig wie die Menschen, die sich ihr – aus welchen Gründen auch immer – verbunden fühlen.“ Unter einem schwarzen Schirm versammelten sich Kostüm-Freaks, Dunkelhippies, Vampirfans oder auch Anhänger des Gothic-Rocks.

          Zweitens bringen die WGT-Besucher ihren eigenen Nachwuchs. Das WGT begann 1992 als jugendkulturelles Phänomen. 25 Jahre später ist die Szene mit ihrem Festival gealtert. Die Besucher seien im Schnitt locker Mitte 30 oder älter, sagt Festivalsprecher Cornelius Brach. Viele sind längst Eltern. Die Veranstalter haben darauf schon vor Jahren reagiert – und einen WGT-Kindergarten zur Betreuung des Nachwuchses eingerichtet.

          Festival wird zum Medienzirkus

          Drittens halten die Besucher den Medienrummel stoisch aus. Es gibt Orte im WGT, die gleichen einem Laufsteg. Beim Viktorianischen Picknick im Clara-Zetkin-Park zum Beispiel werden aufwendig gestylte Besucher von Fotografen regelrecht umschwärmt. „Das hat sich zu einem Medienzirkus entwickelt“, sagt die Szene-Kennerin und Journalistin Jennifer Hoffert-Karas. Sie finde das zwar ein wenig problematisch. Aber dank der Größe des WGT gebe „es noch viele kleine Treffen im Treffen“, wo man unter sich bleiben könne.

          Viertens ist das WGT inzwischen mit allen Wassern gewaschen. Jedes Jahr an Pfingsten wird das Wave-Gotik-Treffen veranstaltet – mit entsprechend wechselhaftem Wetter. Aber weder drückende Hitze (und das in den schwarzen Sachen!) noch Kälte und Regen (viele von den Besuchern zelten) konnten dem Festival bisher etwas anhaben.

          Fünftens fressen die Besucher doch keine Katzen. Anfänglich war die Skepsis der Leipziger groß. Was wollen die Schwarzen? Sind das Satanisten? Schlafen die alle im Sarg? Diesen Vorbehalten hat das Stadtgeschichtliche Museum in seiner WGT-Jubiläums-Ausstellung „Leipzig in Schwarz“ ein eigenes kleines Kapitel gewidmet. Es heißt: „Fressen die auch Katzen?“

          Inzwischen freuen sich die Leipziger über die schwarzen Besucherscharen zu Pfingsten. Und sie haben festgestellt: Nein, keiner Katze wird ein Schnurrhaar gekrümmt.

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