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Volker Klüpfel und Michael Kobr : Rampensäue mit Tirolerhut

  • -Aktualisiert am

Solo schreiben, als Duo firmieren - das ist das Erfolgsrezept der Krimi-Autoren Bild:

Volker Klüpfel und Michael Kobr sind die „Criminal Comedians“ aus dem Allgäu: Sie schreiben erfolgreiche Kriminalromane und setzen ihre Lesungen wie eine Slapstick-Komödie in Szene. Zuhause haben sie genauso wenig zu sagen wie ihr Kommissar Kluftinger.

          Volker Klüpfel und Michael Kobr haben die Koffer schon gepackt. Eigentlich könnte es gleich losgehen. Aber vorher müssen wir darüber reden, wer in ihrem Buch „Rauhnacht“ eigentlich der Mörder ist. Und wie der Tote es geschafft hat, nach seinem letzten Atemzug noch die Tür von innen zu verschließen. Am Abend zuvor, bei ihrem Auftritt im vollbesetzten Audimax der Erfurter Universität, haben sie darüber kein Sterbenswörtchen verloren. Warum denn auch? Es war doch, sagt Klüpfel, „spaßig genug“.

          Klüpfel und Kobr sind „Criminal Comedians“. Diese Spielart von Entertainment gab es auf offenen Bühnen, in Hör- und Gemeindesälen oder Mehrzweckhallen bisher noch nicht. Im Allgäuer Land vielleicht, aber doch nicht in größeren Städten. Und vermutlich auch nicht in Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern. Klüpfel und Kobr schreiben Kriminalromane, fünf sind es inzwischen. Seit dem ersten, der 2003 erschien und „Milchgeld“ hieß, stürmen sie in fast jedem Herbst mit einem neuen Buch die Sellerlisten: ziemlich unangestrengt, dafür mit wachsenden Auflagen.

          Von ihrem jüngsten Roman „Rauhnacht“, den der Piper Verlag Anfang Oktober ausgeliefert hat, gingen inzwischen 250.000 Stück über die Ladentheke. Auf insgesamt zwei Millionen Exemplare haben die beiden es mittlerweile gebracht - und ihre Lesungen sind meist schon Tage vorher bis auf den letzten Platz ausverkauft. Wie das? „Wir sind Rampensäue“, sagt Kobr. Sein Kompagnon nickt. Und weil einer von beiden immer das letzte Wort haben muss, fügt Klüpfel demonstrativ kleinlaut hinzu: „Gewissermaßen.“

          Volker Klüpfel

          Interview unversehens eine Performance

          Wir waren zum Interview verabredet, und unversehens ist eine Performance daraus geworden: ein vergnüglicher Trialog, in dem oft beide Autoren lust- und absichtsvoll durcheinanderreden, ohne dass die Fäden sich verwirren oder ein Gedanke, ein Einfall, ein Gag verlorengeht. Die beiden üben das seit Jahren - seit jener denkwürdigen Autofahrt von der Expo 2000 in Hannover zurück nach Memmingen, die ihnen so langweilig vorkam, dass sie das Phantasieren anfingen und sich eine Kriminalgeschichte zusammengesponnen haben: Jeder einen Satz, eine Figur, einen Schauplatz, ein Mordmotiv. „Sehr bizarr“, gesteht Kobr. „Drucken konnte man davon jedoch nichts“, ergänzt Klüpfel, „obwohl unser Kommissar natürlich ein Allgäuer war wie wir und auch damals schon Kluftinger hieß.“

          Kobr widerspricht grundsätzlich nie, wenn er anderer Ansicht ist. Aber fürs Protokoll stellt er bald klar, dass die Sache sich in Wahrheit völlig anders zugetragen hat. Auf der Rückfahrt nach Memmingen habe das tatsächlich angefangen, „aber das war kein Krimi, sondern irgendeine andere Sorte Buch“, außerordentlich amüsiert habe man sich trotzdem dabei. Kobr habe erzählt, und Klüpfel habe alles mitgeschrieben. Oder umgekehrt. Zwischendurch hätten sie auch ein Bandgerät mitlaufen lassen. Er habe dann eigenhändig, behauptet Michael Kobr und klopft mit der Faust auf den Bücherstapel vor ihm, die ersten Seiten vom „Milchgeld“ zu Papier gebracht. Natürlich, raunt er lächelnd hinter vorgehaltener Hand, sei sein Co-Autor „mit zehn Prozent an allen Honoraren beteiligt“.

          Rhetorische Scheingefechte auf offener Szene

          „Ein furchtbarer Text“, flüstert Klüpfel vernehmlich und rollt die Augen. Über mimisches Talent verfügen beide. Ihre Mundart setzen sie ein, wenn sie zu schrofferen Tönen greifen. Auf der Bühne geht es dann gewöhnlich lauter zu, wenn auch niemals unartikuliert. Kann sogar vorkommen, dass sie in solchen Augenblicken mit Händen und Füßen reden, von ihren Stühlen aufspringen und ihr Buch links liegenlassen, um sich lauthals und freihändig improvisierend ans Publikum zu wenden. Im Gespräch beschränken sie ihre komödiantischen Einlagen auf Kostproben, die nur länger werden, wenn Zuhörer in der Nähe sind.

          Angeblich, sagt Klüpfel ganz ernst, hatte er seine liebe Mühe damit, aus Kobrs Erzählflicken eine passable Geschichte zu schneidern, die selbst notorische Krimifreunde lesbar und vor allem einigermaßen komisch finden würden. „Das ist nämlich genau unser Ding“, wirft Kobr ein, „möglichst witzig soll es zugehen.“ Auf Stichworte reagieren beide ungemein hellhörig. So finden diese Schriftsteller offenbar auch die Pointen für ihre Bücher: Sie erspielen sie sich in ihren rhetorischen Scheingefechten auf offener Szene. Früher haben sie die Stichworte für solche Sketche mitgeschrieben - das brauchen sie längst nicht mehr.

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