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Vogelgrippe : Natürliches Chaos

Kraniche pendeln zwischen Spanien und Schweden - und rasten auf Rügen
          3 Min.

          Der Höckerschwan ist ein Opportunist. Er zieht ungern umher, aber wenn es ihm doch einmal zu kalt wird und die Nahrung zu knapp, wird er zum Zugvogel. Auf Rügen dann treffen einheimische Höckerschwäne auf Artgenossen, die etwa aus dem Baltikum oder aus Skandinavien gekommen sind. Noch weiter südlich würden die Höckerschwäne nicht ziehen. Wird der Winter aber auch an der südlichen Ostseeküste hart, überleben das viele Höckerschwäne nicht, vor allem nicht die jungen.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Manchmal sind es bis zu tausend Tiere, die in schlimmen Wintern hier bei uns an den Küsten verenden“, erzählt Ulrich Köppen, der in Stralsund die Beringungszentrale leitet. Sie gehörte früher zur Vogelwarte Hiddensee der Greifswalder Universität. Seit 1993 aber wird sie von den fünf ostdeutschen Bundesländern gemeinsam unterhalten. Beringt wird seit einem Jahrhundert. Mit dem Hiddensee-Ring, auf dem „Hiddensee Germania“ oder „Vogelwarte Hiddensee Germania“ zu lesen ist, allerdings erst seit 1964. In Stralsund gibt es eine große Datenbank über den Vogelflug. Rügen ist eine Art Drehscheibe für den Vogelflug, Zentrum für drei wichtige Routen.

          Unmöglich, alle Kadaver einzusammeln

          Was die toten Schwäne fast in jedem Frühjahr anbelangt, so sei noch niemand auf die Idee gekommen, sie genau zu zählen, zumal da viele Tiere auf Eisschollen treiben und festgefroren sind. Köppen spricht vom „natürlichen Chaos“. Es sei unmöglich, alle Kadaver einzusammeln. Und außerdem würden auf dem Wasser verendete Tiere irgendwann ans Ufer geschwemmt. Daß die Wasservögel sich gerade an der Wittower Fähre auf Rügen zu Hunderten aufhalten, ist auch nichts Ungewöhnliches. „Seit Urzeiten ist hier ein Rastplatz, weil es die schmalste Stelle zwischen Rassower Strom, Vitter Bodden und nach Osten der Boddenkette bis zum großen Jasmunder Bodden ist. Da schwappt das Wasser hin und her, wodurch stets ein Stück Wasserfläche eisfrei bleibt.“ Köppen setzt hinzu: „Genau hier hatte das Virus dann auch die beste Möglichkeit, sich auszubreiten.“

          Sing- und Zwergschwäne sind jedoch im Gegensatz zum Höckerschwan klassische Zugvögel. Sie haben ihre festen Zeiten. Sie wissen dank ihrer biologischen Uhr, wann Aufbruch ist: „Und dann sind sie auch auf einmal alle weg.“ Rügen ist für sie ein Rastplatz zwischen ihren Brutgebieten in Nordeuropa oder Nordsibirien und den Überwinterungsgebieten in den Niederlanden und England. „Tote Singschwäne findet man eigentlich nie, auch keine toten Gänse“, so Köppen. Überhaupt nutzten viele Zugvögel Rügen zur Rast, weil die Insel den Weg über die Ostsee verkürzt. Im Herbst haben die Tiere den Flug über die Ostsee hinter sich. Im Frühjahr bereiten sie sich auf den langen Flug vor.

          Eine Million Vögel überfliegt die Insel

          Der Vogelzug hat gerade begonnen Die Kraniche und Wildgänse sind schon da. Sie folgen dem Winter nach. Und kehrte der Winter doch einmal zurück, kehrten auch die Gänse zurück. 250 Vogelarten werden es etwa sein, die Rügen überfliegen. Etwa eine Million Vögel. Aber das ist nur geschätzt. Darunter sind Kurzstreckenwanderer wie Kiebitz und Feldlerche. Kraniche hingegen legen eine Mittelstrecke zwischen Sommer- und Winterquartier zurück. „Langstreckenzieher“, die bis nach Südafrika gelangen, sind die Rauchschwalben. Manche Art verhält sich übrigens mal so, mal so. Bei Störchen sei das in jüngster Zeit immer häufiger beobachtet worden, sagt Köppen.

          Eigentlich überwindet der Storch lange Strecken und überquert die Sahara. Aber die westeuropäischen Störche fliegen oft nur noch bis Spanien. All das läßt sich an den Ringen ablesen. So konnte auch festgestellt werden, daß der am Vogelgrippevirus verendete Singschwan aus Schaprode in Lettland kam. Dreihundert Helfer in den ostdeutschen Bundesländern dürfen Vögel beringen. Sie haben eine entsprechende Ausbildung und eine Genehmigung. 120 000 Tiere werden jedes Jahr markiert, ein Viertel allein davon im Nordosten. Auf der Greifswalder Oie vor Usedom gibt es eine Station, wo durchziehende Kleinvögel beringt werden. Das ist ein wissenschaftliches Programm, wie es andere gibt, etwa über die Fischadler, die ein eigenartiges Verbreitungsmuster in Deutschland zeigen und sich von der Küste, ihrem angestammten Gebiet, zurückzuziehen scheinen.

          Manche Vögel bekommen zusätzlich zum Ring besondere Erkennungszeichen. So kann man sie auch von weitem ausmachen. Der tote Singschwan aus Lettland etwa hatte einen blauen Ring um den Hals, auf dem mit weißer Schrift die Nummer 2C26 zu lesen war. Beide Ringe liegen jetzt im Institut für Tiergesundheit auf der Insel Riems. Daß Greifvögel, vor allem der Seeadler mit seinen zwei Meter Flügelspanne, von den vielen Kadavern gefressen haben, ist wahrscheinlich. „Zum Glück“, sagt Köppen, „haben wir aber bislang keine Anzeichen dafür, daß so auch das Virus übertragen worden ist.“

          Wie sich der Uecker-Randow-Kreis rüstet

          Drei Landkreise in Mecklenburg-Vorpommern haben bislang wegen der Fälle von Vogelgrippe den Katastrophenfall ausgerufen. Die Insel Rügen war vor einer Woche als erster Kreis getroffen. Die Landrätin wollte nicht gleich die Katastrophe erklären, nicht zuletzt deshalb, weil die Landkreise die Hilfe von außerhalb, etwa durch die Bundeswehr, dann auch bezahlen müssen. Das hat auch der Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), bestätigt, wenn auch mit dem Zusatz: „An der Bundeswehr ist noch keine Kommune in Deutschland pleite gegangen.“ Sollte in einem weiteren Landkreis ein totes Tier gefunden werden, das H5N1 in sich trägt, müßte der Landkreis ebenfalls sofort die Katastrophe ausrufen. „Ja, das würden wir dann tun“, sagt der Landrat aus dem Uecker-Randow-Kreis, Volker Böhning (parteilos). Uecker-Randow ist der südliche Nachbar Ostvorpommerns und gehört ebenfalls zu Vorpommern. Dort gibt es große Rastplätze für Zugvögel, so am Stettiner Haff, vor allem aber am Galenbecker See. Siebzehn tote Vögel wurden in den zurückliegenden Tagen eingesammelt. Die bisherigen Tests waren alle negativ. Dennoch arbeitet auch in Pasewalk der Krisenstab seit vergangener Woche; jeden Morgen um 8 Uhr wird getagt. „Das läuft alles so richtig stabsmäßig.“ Naturschützer, Ranger aus dem Naturpark und Jäger suchen nach toten Vögeln. „Wir könnten sofort zweihundert Leute einsetzen, wenn wir wie auf Rügen auf einmal viele tote Tiere zu entsorgen hätten“, sagt der Landrat. Er ist auch Präsident des Landesjagdverbandes. Seine 10 000 Mitglieder hat er informiert, wie sie sich verhalten sollen: tote Tiere gezielt suchen, aber nicht selbst entsorgen. Zugleich versucht der Landkreis, seine Vorräte an Tamiflu, an Schutzanzügen, Desinfektionslösungen und Seuchenmatten aufzufüllen. „Jeder Kreis steht da im Moment allein da.“ Uecker-Randow hätte das Problem, die beiden Grenzübergänge nach Polen in Pomellen und Linken abzusichern. Allerdings, berichtet der Landrat, laufen die Kontakte nach Polen wie auch zum Nachbarland Brandenburg über die interministerielle Arbeitsgruppe in Schwerin. (F.P.)

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