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Vögel : Rabenmütter sind keine Rabenmütter

  • -Aktualisiert am

„Galgenvögel” mit Familiensinn Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Im Volksglauben nehmen Raben einen vorrangigen Platz unter den Vögeln ein - häufig mit negativem Vorzeichen. Zu unrecht: Sie sind vielmehr Vorbilder in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

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          Als ehemalige Bundesumweltministerin, die auch für den Naturschutz verantwortlich war, hätte die CDU-Vorsitzende Angela Merkel es wissen sollen: In einem Gespräch zur Familienpolitik sagte sie, daß berufstätigen Müttern von mancher Seite vorgeworfen werde, sie seien „Rabenmütter“. Jeder weiß, was damit gemeint ist: Rabeneltern und somit Rabenmütter und Rabenväter in Menschengestalt sind nach allgemeinem Verständnis schlechte Eltern, die sich nicht genügend um ihre Kinder kümmern. Doch wer als Rabenmutter bezeichnet wird, kann sich eigentlich kein größeres Lob wünschen.

          Es gibt kaum andere Vogeleltern, die sich besser und intensiver um ihre Kinder kümmern als die Raben, besonders die Weibchen. Das gilt für die ganze Familie der Rabenvögel (Corvidae) mit ihren gut hundert verschiedenen Arten auf der Welt, darunter hierzulande neben dem Kolkraben die Aaskrähe in Gestalt ihrer beiden namentlich besser bekannten Unterarten Rabenkrähe und Nebelkrähe, die Saatkrähe, die Alpenkrähe, die Dohle und die Alpendohle, die Elster, der Eichelhäher und der Tannenhäher.

          Sie alle gehören zu den Singvögeln innerhalb der Ordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes). Der knapp 70 Zentimeter große Kolkrabe hat also manches gemein mit dem acht Zentimeter langen Sommergoldhähnchen und dem zehn Zentimeter großen Zaunkönig. Warum sollten die großen Singvögel schlechtere Eltern als die kleinen sein?

          „Galgenvögel“

          Die fälschliche Unterstellung hat sicher etwas mit dem schlechten Ruf zu tun, der den Raben und damit einem Teil der Sippe der Rabenvögel seit Jahrtausenden anhängt. Dazu mag die dunkle Farbe des Gefieders von Kolkrabe und Rabenkrähe beitragen. (Viele Rabenvögel sind allerdings recht bunt, etwa der Eichelhäher.) Als „Galgenvögel“, die von Aas leben und sich an den Richtstätten herumtrieben, wurden Raben vielerorts für unreine Vögel gehalten, die Unglück bringen.

          In der Mythologie und im Volksglauben nehmen sie einen vorrangigen Platz unter den Vögeln ein, allerdings nicht immer mit negativem Vorzeichen. In den Sagen der nordischen Völker werden die Raben als heilig und weise verehrt. Der Gott Odin trug auf seinen Schultern das Rabenpaar Hugin (für seine Gedanken) und Munin (für sein Gedächtnis, die Erinnerung). Noah schickte vor der Taube einen Raben aus, um nach Land Ausschau zu halten.

          Fälschliche Bibeldeutungen

          Aus dem Alten Testament stammt der vermeintliche Hinweis auf die schlechte Elternrolle der Raben. Im 38. Kapitel heißt es in Vers 41 in der Rede Gottes zu Hiob: „Wer bereitet dem Raben seine Nahrung, wenn seine Jungen schreien zu Gott und umherirren ohne Futter?“

          Martin Luther hat diese Stelle etwas anders übersetzt: „Wer bereitet dem Raben die Speise, wenn seine Jungen zu Gott rufen und irrefliegen, weil sie nichts zu essen haben?“ Daraus wurde - zu Unrecht - von Bibeldeutern der Schluß gezogen, schon im Alten Testament sei gesagt, daß die Raben ihre Jungen vernachlässigen.

          Aufopferungsvolle Brutpflege

          In der Natur sieht es ganz anders aus: Kolkraben, die in lebenslanger Ehe zusammenhalten, kümmern sich geradezu aufopferungsvoll um ihre drei bis sechs Jungen. Wenn diese nach einer Brutzeit von knapp drei Wochen im gut ausgepolsterten Horst (Nest) in einer Baumkrone oder in einer Felswand schlüpfen, sind sie nackt und blind.

          Das Weibchen hudert (wärmt) sie in den ersten zwei Wochen nahezu ununterbrochen, zerkleinert das vom Männchen herangetragene Futter und füttert damit geduldig ihren Nachwuchs. Erst wenn die Brut satt ist, frißt es selbst. Später bietet auch das Männchen den Jungen Futter an und trägt, solange die Rabenkinder sich nicht über den Horstrand mit einem weißen Strahl „lösen“ können, die Kotballen im Schnabel fort.

          Im Alter von sechs bis sieben Wochen fliegen die Jungen aus und werden dann weitere zwei bis drei Monate im Familienverband von den Eltern versorgt. Dabei lernen sie, selbständig Nahrung zu suchen.

          Schlechter Ruf

          Als Allesfresser, auf deren Speisenkarte pflanzliche Kost einen nicht geringen Anteil ausmacht, steht ihnen besonders im Sommer und Herbst ein reichhaltiges Angebot zur Verfügung. Erst wenn sich die Jungen selbständig ernähren können, trennen sich die Altvögel von ihnen. Dann kann es vorkommen, daß bequeme Jungvögel eine Zeitlang weiter ihre Eltern anbetteln, von diesen aber nicht mehr beachtet werden. Mag sein, daß eine solche Beobachtung zu der Textstelle in der Bibel und zu der für die Rabenmütter und Rabeneltern negativen Auslegung geführt hat.

          Trotz ihres vorbildlichen Familienlebens stehen die Rabenvögel aber auch gegenwärtig in der Kritik. Ihnen wird sogar von etlichen Vogelfreunden vorgeworfen, daß sie die Nester kleinerer Singvögel plündern. Besonders Elstern und Rabenkrähen stehen dabei im Visier derjenigen, die sich gegen einen ganzjährigen Schutz der Rabenvögel aussprechen, wie er in vielen Bundesländern herrscht.

          Wichtige Rolle im Naturhaushalt

          Den Kolkraben, deren Zahl in der Vergangenheit in Deutschland erfreulich zugenommen hat, nachdem die Art zwischen 1950 und 1970 weitgehend ausgerottet worden war, kreiden Jäger und Landwirte an, daß sie sich am Niederwild und an Lämmern vergreifen. Daß die „Wotansvögel“ gesunde Lämmer auf der Weide töten, konnte aber bislang noch kein Schafhalter nachweisen. Und wenn sie mal einen Junghasen oder gar ein Kranichküken fressen, werden die Raben ihrer Rolle im Naturhaushalt gerecht.

          Das gilt auch für jene Rabenvögel, die Eier und Jungvögel verspeisen. Viele Singvögel gleichen solche Verluste durch zwei oder mehr Jahresbruten aus. Wie schlau Kolkraben und Rabenkrähen sind, können Jäger immer wieder beobachten. Sobald ein Schuß im Revier fällt, stellen sich einige der Vögel in der Nähe ein, denn sie wissen, daß vom „Aufbruch“, den Innereien des Wildes, an Ort und Stelle immer etwas übrigbleibt.

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