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Abitur 2015 : „Wir sind eine dumme Generation“

Abitur 2015: Bald geht es los. Bild: dpa

Bald wird ein neuer Abitur-Jahrgang die Schulen verlassen, die Klausurvorbereitungen beginnen schon. Vier angehende Abiturienten sprechen über ihre letzten Wochen an der Schule.

          Der Abitur-Jahrgang 2015 steht in den Startlöchern fürs Finale - in vielen Bundesländern beginnt jetzt das Büffeln für die Abschlussklausuren. So auch bei Arne, 17, aus Frankfurt, Judith, 18, aus Münster, Johanna, 18, aus Hamburg und Ariane, 21, aus Dortmund. Wir führen eine Telefonkonferenz mit den vier Abiturienten.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ariane, Sie haben neulich auf Twitter geschrieben: „Weinend auf dem Schulhof sitzen, weil man so das Gefühl hat, dass man einfach überhaupt nichts mehr auf die Reihe bekommt.“ Was war da los?

          Ariane: Meine Zeitorganisation, was Klausuren angeht, ist nie besonders gut. Ich fange zu spät an zu lernen. Und dann kriege ich extreme Zeitnot, und das kann dann dazu führen, dass ich weinend auf dem Schulhof zusammenbreche.

          Kennen Sie noch andere Schüler, bei denen das so ist?

          Ariane: Innerhalb der Klasse wird darüber nicht offen gesprochen, aber von zwei Freundinnen, die eine bestimmte Abiturnote erreichen wollen, weiß ich, dass die hin und wieder zu Hause sitzen und weinen. Auch bei Gesprächen mit dem Klassenlehrer weinen sie manchmal. Weil sie dem Druck nicht so standhalten können.

          Und wie ist das bei den anderen?

          Judith: Ich fange auch sehr spät an zu lernen, in den letzten Stunden vor der Klausur oder mal die Nacht durch, und manchmal kann ich nicht alles lernen, aber es passt dann trotzdem noch.

          Echt, das reicht?

          Judith: Erstaunlicherweise schon.

          Arbeitsplatz von Arne: „Ich arbeite meist in der Nacht vor der Klausur und kotze dann am nächsten Morgen mein Wissen aus.“

          Arne: Ich brauch’ auch die Deadline. Ich arbeite meist in der Nacht vor der Klausur und kotze dann am nächsten Morgen mein Wissen aus. Meistens reicht das. In „Politik und Wirtschaft“ stehen im Text, der in der Klausur als Quelle dient, alle Fakten, die man wissen muss, zusammengefasst schon drin, also etwa 50 Prozent des Stoffes, den man in den Stunden vor der Klausur durchgenommen hat. Man muss diesen Text dann zusammenfassen, danach irgendwas, was man im Unterricht durchgenommen hat, auf den Text beziehen, und dann noch eine Diskussion machen. Das zieht sich durch die ganze Oberstufe. Also, wenn man im Unterricht aufgepasst hat und den Text in der Klausur versteht, kann man immer eine halbwegs gute Note schreiben.

          Man liest heute oft, dass die Kompetenzorientierung in den Bildungsplänen, die weg von der Faktenvermittlung führt, immer unwissendere Abiturienten hervorbringt. Stimmt das?

          Johanna: Nein. Wir lernen viel. In Deutsch: „König Ödipus“, „Der zerbrochene Krug“ und „Amerika“ von Kafka. Daran sieht man, dass wir anspruchsvolle Literatur lesen. In den anderen Fächern ist es genauso.

          Ariane: Aber man geht schon unwissend von der Schule. Ich hab’ das Gefühl, dass ich acht Jahre lang die NS-Zeit behandelt habe. Es wird nie der Bezug zu Streitthemen oder politischen Debatten aus der Gegenwart oder dem Alltag hergestellt. Insofern weiß man über viele Themen nicht Bescheid und hat keinen Plan von Sachen, die man eigentlich wissen sollte.

          Wovon hängt das ab, ob man ein gutes Abitur macht?

          Johanna: Hauptsächlich vom Fleiß. Viel ist Auswendiglernen. Du musst nicht wirklich was von dem verstehen, was du lernst.

          Arne: Da schließe ich mich an.

          Ist ein gutes Abitur wichtig?

          Judith: Mir ist mein Abi-Schnitt nicht so unglaublich wichtig. Ich würde es nicht schlimm finden, Wartesemester zu haben, man kann dann ins Ausland gehen und wichtige Erfahrungen machen.

          Arbeitsplatz von Ariane: „ In der Schule wird nie der Bezug zu Streitthemen oder politischen Debatten aus der Gegenwart oder dem Alltag hergestellt.“

          Ariane: Mir geht es, glaube ich, weniger um mich als darum, was meine Mitmenschen, zum Beispiel mein Vater, von mir denken. Der wäre mega stolz, wenn ich ein gutes Abi machen würde. Das setzt mich sehr unter Druck. Schlechte Noten führen dazu, dass ich mich richtig schlecht fühle, irgendwie dumm. Aber ich glaube, selbst wenn ich ein schlechtes Abi mache, dass ich später noch was erreichen werde.

          Bereitet einen das Abitur denn gut auf den Alltag später vor?

          Ariane: Nein, wir sind eine dumme Generation, die in der Gegenwart nicht mitreden kann.

          Arne: Ich mag meinen „Politik und Wirtschaft“-Unterricht gern. Da reden wir immer über Aktuelles, wir lesen da auch Zeitung, und dann bilden wir uns eine Meinung.

          Judith: So einen Lehrer haben wir auch. Aber indem er das macht, befolgt er den Lehrplan nicht. Es ist für ihn ein Dilemma: Soll er uns beibringen, was wir wissen wollen, oder, was im Lehrplan steht?

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