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Vertuschung des Massenmordes : Wider die Lügen der Euthanasie-Mörder

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Aus dem Familienalbum: Hermine van Hasseln ist als zweite von links zu sehen

Aus dem Familienalbum: Hermine van Hasseln ist als zweite von links zu sehen Bild: Reproduktion Wolfgang Eilmes

Gerhard van Hasseln will die gefälschten Sterbedaten seiner von den Nazis ermordeten Tante endlich korrigieren lassen. Aber die Behörden machen ihm weiter das Leben schwer.

          7 Min.

          Hermine Stogniew, geborene van Hasseln, wurde am 13. Februar 1941 in der Heilanstalt Hadamar vergast. Ihr Leichnam wurde verbrannt. Keiner weiß, was mit ihrer Asche geschah. Ihre Sterbedaten wurden von den Behörden systematisch gefälscht, um das Verbrechen zu vertuschen. Das war in Hadamar so, aber auch in den anderen fünf Tötungsanstalten Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hartheim und Pirna. Von Januar bis August 1941 trieben die Nationalsozialisten kranke Menschen wie Frau Stogniew als „lebensunwert“ unter ärztlicher Aufsicht in Gaskammern. Nach dem Mord wurden den Toten die Goldzähne aus dem Kiefer gebrochen, und einzelne Leichname wurden untersucht, wenn die Autopsie interessante medizinische Erkenntnisse versprach. Am 24. August 1941 stoppte Hitler die Tötungsaktion, nachdem der Bischof von Münster, Graf von Galen, in einer Predigt den Mord an den ursprünglich Schutzbefohlenen als solchen benannt hatte. Mehr als 70.000 Kranke waren den Ärzten im Dienst des NS-Systems bis dahin schon zum Opfer gefallen.

          Das Schicksal der Hermine Stogniew aus Frankfurt, die am 26. Juli 1898 in Wiesbaden geboren wurde, ist so gut dokumentiert wie das kaum eines anderen Euthanasie-Opfers. Das ist ihrem Neffen Gerhard van Hasseln zu danken. Er hat sich postum seiner Tante angenommen, deren Geschichte wie die vieler anderer geistig und seelisch Kranker im Dunkel des Verdrängten lag. Seit van Hasseln 1991 mit der Eröffnung der Gedenkstätte des Hessischen Landeswohlfahrtsverbands in Hadamar mit der Tötungspraxis der Nationalsozialisten konfrontiert worden ist, lässt ihn der Lebensweg der Tante nicht mehr los. Vor allem aber kämpft er unermüdlich dafür, dass die Lügen, mit denen die Nationalsozialisten den Mord an den Kranken vertuschten, endlich als solche entlarvt werden und nicht weiter in amtlichen Dokumenten oder auf Friedhofsgedenktafeln fortleben.

          Sie galt als lebensunwert

          Weil Hermine Stogniew an einer psychischen Erkrankung litt, galt sie als lebensunwert. Die Mutter zweier Kinder war 1924, zwei Jahre nach ihrer Hochzeit, unheilbar erkrankt. Ihr Mann ließ sich von ihr scheiden. Die Eltern der Frau nahmen sich der Enkel an. Stogniew wurde 1930 in die Landesheilanstalt Hadamar eingewiesen, kam kurz zur Familie zurück und wurde schließlich in der Heilanstalt Herborn aufgenommen. Von dort wurde sie am 13. Februar 1941 nach Hadamar verlegt, wo sie nach den Recherchen des Gedenkstättenleiters Georg Lilienthal noch am selben Tag vergast wurde.

          Ehrenfeld für Euthanasieopfer: Gerhard van Hasseln auf dem Frankfurter Hauptfriedhof am Grab eines Kindes
          Ehrenfeld für Euthanasieopfer: Gerhard van Hasseln auf dem Frankfurter Hauptfriedhof am Grab eines Kindes : Bild: Lucas Wahl

          Die Planung des Massenmordes und seiner Vertuschung ging von der Berliner Tiergartenstraße 4, der Euthanasie-Zentrale „T4“, aus. Sie bestand aus vier Tarnorganisationen. Die Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten (RAG) versandte vom Herbst 1939 an Meldebögen an alle Heil- und Pflegeanstalten im Deutschen Reich. Drei Ärzte entschieden über den staatlich organisierten Mord an jedem der erfassten Patienten. Die „Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege“ richtete die Tötungsanstalten ein, kaufte das Giftgas, akquirierte das Personal für den Massenmord und die Einäscherung der Opfer. Die „Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft mbH“ stellte die Transportlisten zusammen und organisierte die letzte Reise der Patienten in eine der sechs Tötungsanstalten im Reichsgebiet. Um den Reiseweg in die Gaskammern zu verwischen, führten die Transporte meist über Zwischenstationen. Die „Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten“ rechnete den Mord ab. Zwischen dem tatsächlichen und dem amtlich gefälschten Todesdatum lagen meist einige Tage, wenn nicht Wochen. Die Verrechnungsstelle berechnete für die Zeit bis zum gefälschten Todestag den Pflegesatz und finanzierte den Mord zu Lasten der Kostenträger.

          Stogniew war in Hadamar ermordet worden

          An jeder Tötungsanstalt unterhielt die Euthanasie-Behörde eine Verwaltung einschließlich „Trostbriefabteilung“ sowie einem eigenen Standesamt, um die amtlichen Eintragungen zu fälschen. Stogniew war in Hadamar ermordet worden, aber formal wurde sie nach Hartheim bei Linz in Österreich verlegt, das damals zum Reichsgebiet gehörte. Vom 17. Februar 1941 datiert ein Schreiben der Landesheil- und -pflegeanstalt Hadamar ohne Anrede an den Vater der Ermordeten, August van Hasseln, in Frankfurt: „Wir teilen Ihnen mit, daß Ihre Tochter Hermine Stogniew geborene van Hasseln aufgrund ministerieller Anordnung gemäß Weisung des Reichsverteidigungskommissars in die hiesige Anstalt eingewiesen wurde, aber bereits wieder weitertransportiert werden mußte. Sobald die Kranke in der neuen Anstalt angekommen ist, werden Sie von dort benachrichtigt.“

          Das nächste Schreiben traf beim Vater in Frankfurt aus Hartheim in Oberösterreich ein. Es datierte vom 26. Februar 1941: „Sehr geehrter Herr v. Hasseln! Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Tochter Hermine Stogniew am 26.2. unerwartet infolge Mastdarmvorfall-Kratzinfektion und nachfolgender Blutvergiftung gestorben ist. Nachdem unsere Anstalt nur als Durchgangsanstalt für diejenigen Kranken bestimmt ist, die in eine andere Anstalt unserer Gegend verlegt werden sollen und der Aufenthalt hier lediglich der Feststellung von Bazillenträgern dient, hat die zuständige Ortspolizeibehörde Hartheim weitgehende Schutzmaßnahmen angeordnet und gemäß § 22 der Verordnung zur Bekämpfung übertragbarer Krankheiten die sofortige Einäscherung der Leiche und die Desinfektion des Nachlasses verfügt.“

          „Sie wurde scheinbestattet“

          Zwei Sterbeurkunden seien beigefügt. Die Urne könne er anfordern: „Die Überführung erfolgt kostenlos.“ Der Vater antwortete am 28. Februar und bat „um Überweisung der Urne nach dem Friedhof Frankfurt West“. Noch zwei Schreiben erhielt er aus Hartheim. Am 15. März 1941 wurde ihm mitgeteilt, dass ihm der Bargeldnachlass der Tochter von RM 44,79 überwiesen worden sei. Am 7. April 1941 erfuhr er, dass die Urne am 14. März nach Frankfurt versandt worden sei. Die Urne wurde am 15. April 1941 um zehn Uhr beigesetzt. „Sie wurde scheinbestattet“, sagt der Neffe im Rückblick.

          Bis heute ist das Gefäß mit unbekanntem Inhalt auf dem Westfriedhof im Familiengrab der van Hasseln unter dem gefälschten Sterbedatum der Tante beigesetzt. Als Randvermerk auf der Geburtsurkunde der Hermine van Hasseln im Wiesbadener Standesamt war das gefälschte Todesdatum noch in einem amtlichen Dokument mit Datum vom 28. Februar 1941 vermerkt. Sie sei am 26. Februar 1941 in Hartheim verstorben.

          Gerhard van Hasseln begehrte am 26. Dezember 2000 in Wiesbaden die Korrektur der Sterbedaten in der Geburtsurkunde. Ein langer Kampf begann. Van Hasseln korrespondierte mit Standesämtern, dem Bundesarchiv in Berlin, dem Landeswohlfahrtsverband, der Landesregierung und dem hessischen Innenministerium. Ihm wurden zahlreiche Gründe genannt, warum die Urkunde nicht geändert werden könne. Ein Standesbeamter könne einen Sterbefall nicht nachbeurkunden, wenn dieser Sterbebefall nach dem Grundsatz des Personenstandsrechts schon beurkundet sei und sich zudem im heutigen Österreich zugetragen habe, mithin außerhalb des Geltungsbereichs des Personenstandsgesetzes. Das Innenministerium teilte van Hasseln mit, „für ihre Tante wurde ein Sterbeeintrag in einem deutschen Personenstandsbuch errichtet, der bis zum Beweis des Gegenteils öffentlich Glauben genießt. Dabei ist es rechtlich nicht von Belang, dass das Sterbebuch (in Hartheim) inzwischen abhanden gekommen ist. Um zu der von Ihnen gewünschten Neubeurkundung zu kommen, muss zunächst der öffentliche Glaube an der ursprünglichen Sterbeurkunde erschüttert und der Eintrag für unwirksam erklärt werden.“ Die Behörden in Österreich korrigierten den Eintrag nicht.

          Erstickung durch Kohlenmonoxidgas

          Rolf Meireis, leitender Ministerialrat im hessischen Innenministerium, schlug schließlich vor, auf eine „Erstbeurkundung“, nicht auf eine Nachbeurkundung zu zielen: Weil die Beurkundung in Hartheim nachweislich falsch sei, aber ein Anspruch auf eine ordnungsgemäße Beurkundung bestehe, sei die Beurkundung in Hartheim nichtig. Der Leiter der Gedenkstätte Hadamar, Lilienthal, werde ein entsprechendes Gutachten schreiben. Mit dieser „Zweifelsvorlage“ und dem Gutachten Lilienthals werde sich der Standesbeamte an das zuständige Amtsgericht beim Landgericht Limburg in der Hoffnung wenden, den Personenstandsrichter von dem Verfahren zu überzeugen. Am 18. Dezember 2006 erging in der „Personenstandssache betreffend Hermine Elisabeth Stogniew“ ein Beschluss des Amtsgerichts Limburg. Der Standesbeamte der Stadt Hadamar wurde angehalten, eine Sterbeurkunde auszustellen, in der festzustellen sei, dass Frau Stogniew am 13. Februar 1941 in Hadamar gestorben sei: „Als Todesursache ist Erstickung durch Kohlenmonoxidgas anzugeben.“ Der Randvermerk mit dem Hinweis auf den Tod in Hartheim am 26. Februar 1941 auf der Geburtsurkunde in Wiesbaden sei zu streichen.

          Gegen diesen Beschluss legte der Landrat des Kreises Limburg-Weilburg Beschwerde ein. Nach einer Änderung des Personenstandsgesetzes von 1958 sei es dem Standesbeamten verwehrt, die Todesursache in dem Sterbeeintrag zu vermerken. Die Kreisverwaltung schlug dem Landgericht vor, diesen Beschluss zu fassen: „Der Standesbeamte wird angewiesen, den Tod von Frau Stogniew mit dem Todestag 13.02.1941, Todesstunde unbekannt, verstorben in Hadamar, Mönchsberg 8, zu beurkunden.“ Hiermit war der Neffe nicht einverstanden. Er schrieb an das Landgericht, seine Tante sei nicht „verstorben“, sondern vorsätzlich getötet worden, was im Seiteneintrag der Geburtsurkunde mit Mord zu bezeichnen sei. Das Landgericht folgte ungeachtet dieses Einwands mit seinem Beschluss vom 11. April 2007 dem Vorschlag der Kreisverwaltung. Die Rechtslage war eindeutig. Der Standesbeamte in Hadamar stellte am 17. September 2007 eine Sterbeurkunde aus, die dem Gerichtsbeschluss entsprach, und das Standesamt Wiesbaden änderte den Seiteneintrag in der Geburtsurkunde am 26. Oktober 2007.

          Die Sterbedaten auf dem Grabstein seien zu korrigieren

          Van Hasseln schrieb im Mai 2007 auch an die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth. Er bat sie, dass die Urne mit den angeblichen Resten seiner Tante aus dem Familiengrab entfernt werde. Er wolle sie der Gedenkstätte in Hadamar überreichen. Auch die falschen Sterbedaten auf dem Grabstein der Tante seien zu korrigieren. Frau Roth antwortete, das Schicksal der Elisabeth Stogniew habe sie tief bewegt. Eine Entnahme der Urne aus dem Grab lehnte sie jedoch ab – auch wegen des Andenkens an jenen Menschen, dessen Asche sich in der Urne befinde. Da van Hasseln in seiner Familie keine Unterstützung fand, die Urne aus dem Familiengrab entfernen zu lassen, gab er das Vorhaben auf.

          Unverständlich ist van Hasseln, warum am 15. November 1959, dem Volkstrauertag, auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ein Ehrenfeld von Ministerpräsident Georg August Zinn (SPD) in die Obhut der Stadt übergeben wurde, auf dem auch die vermeintlichen sterblichen Reste von mehr als 350 Euthanasie-Opfern unter den gefälschten Daten der nationalsozialistischen Mordorganisation T 4 ruhen. Diese Aschen, die ihren ersten Gräbern samt Urne entnommen worden waren, sagt van Hasseln, wurden somit vor 50 Jahren zum zweiten Mal „scheinbestattet“. Die Fälschung der Sterbedaten sei nach der strafrechtlichen Aufarbeitung des Euthanasie-Komplexes in den Nachkriegsjahren bekannt gewesen. Warum, so fragt er, habe Oberbürgermeister Bockelmann (SPD) damals geschwiegen? Warum seien ein halbes Jahrhundert später die gefälschten Daten noch immer in Stein gemeißelt? Warum werde nicht wenigstens auf einer Tafel auf dem Friedhof erläutert, dass unter falschen Sterbedaten vermutlich falsche Asche ruht? Warum also werde die Täuschung der Angehörigen und der Öffentlichkeit durch die Nationalsozialisten nicht offen eingestanden, sondern fortgesetzt?

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