„Verschickungskinder“ :
Als die Kur zur Qual wurde

Lesezeit: 15 Min.
Schöner Schein: Tanzende Mädchen 1959 in einem Kurheim in Bad Dürrheim. Der Alltag vieler „Verschickungskinder“ sah in Wirklichkeit viel düsterer aus.
In der jungen Bundesrepublik wurden Millionen Kinder ohne Eltern in Kur geschickt. Viele der „Verschickungskinder“ erlebten keine Erholung, sondern durchlebten Wochen der Tortur mit Heimweh, Schlägen und Missbrauch.

Das Kindersanatorium Haus Bernward in Bonn-Oberkassel befand sich in einer herrschaftlichen Villa mit weitläufigem Park direkt am Rhein. Unbeschwerte Som­merferien würde er hier nicht verbringen, das ahnte der zwölf Jahre alte Detlef Lichtrauter schon, als er im Sommer 1973 mit anderen Neuankömmlingen in die Eingangshalle geführt wurde. Marmorboden, die Wände mit schwerem dunklen Holz vertäfelt – alles war einschüchternd, bedrückend an Haus Bernward. Vom ersten Moment an herrschte ein rauer Befehlston: „Mund halten!“, „Stehen bleiben!“, schnauzten die „Tanten“. Lichtrauter erinnert sich, dass er das kleine Päckchen mit Süßigkeiten abgeben musste, das ihm seine Eltern bei der Abreise zugesteckt hatten. „Den an­deren ging’s genauso.“

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