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Verlust der Handschrift : Schlecht für den Intellekt

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Ja, so könnte man das sagen. Aber nicht nur deshalb ist die Handschrift wichtig. Sie hat auch mehr Gewicht als ihr digitales Pendant.

Warum?

Das sehen wir beispielsweise daran, dass die handschriftliche Unterschrift als Mittel zur Bekräftigung immer noch sehr weit verbreitet ist. Aber abgesehen davon ist die Handschrift auch persönlicher, wärmer und lebendiger. Weil es das Gegenüber mehr Aufwand gekostet hat, die Notiz zu verfassen, ist sie dem Empfänger oft wertvoller als der gedruckte Brief. Außerdem: Jeder entwickelt seine Identität in der Handschrift, sie ist also Ausdruck der eigenen Persönlichkeit - klar, dass eine handschriftliche Notiz für Sender und Empfänger dadurch mehr Bedeutung hat.

Was verrät eine Handschrift denn?

Die Handschrift gibt, wenn sie ausgeschrieben ist, einen Überblick über die Gesamtpersönlichkeit eines Menschen, also Intellekt, Leistungsvermögen, soziale Kompetenz und Stärken und Schwächen. Kindheitsprobleme beispielsweise schlagen sich in der Schrift nieder. Auch verschiedene Charaktermerkmale, zum Beispiel das Maß an Selbstkontrolle, das jemand besitzt. Als Graphologe gucke ich mir an, wie genau jemand schreibt. Wer auch bei einer schnellen Schrift keine i-Punkte oder t-Striche auslässt, ist wohl auch sonst sehr diszipliniert. Hermann Hesse hat beispielsweise als Jugendlicher an allen Buchstaben mit Oberlängen, also bei d und b und h, eine Schleife angefügt. Er war zu der Zeit wohl ein sehr kontrollierter Mensch.

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Die Autorin Cornelia Funke ist eine Verfechterin der Schreibschrift. Diese bringe "die Gedanken zum Fliegen". Was ist da dran?

Cornelia Funke bringt es auf den Punkt. Ich bin nicht nur Verfechter von handschriftlichem Schreiben, sondern wie viele meiner Kollegen der Meinung, dass wir großen Wert auf die Schreibschrift, also die verbundene Handschrift, legen müssen. Diese ist vor allem schneller, außerdem ist durch die verbundene Schrift eine stärkere Individualisierung der eigenen Handschrift möglich. Zudem zeigen Studien, dass wir Zusammenhänge schneller begreifen, wenn wir beim Schreiben die Buchstaben miteinander verbinden

Gegner behaupten, das Erlernen der Schreibschrift nehme Schulzeit in Anspruch, die für anderen Stoff benötigt werde.

Klar nimmt das Erlernen einer neuen Schrift Zeit in Anspruch. Aber man wird ja schneller und spart langfristig gesehen im Vergleich zu den Druckbuchstaben sogar Zeit. Außerdem, überlegen Sie mal: Die Chinesen verbringen so viele Unterrichtsstunden damit, ihre wirklich schwierigen Zeichen zu lernen - und haben trotzdem noch Zeit für Mathe. Ich denke mir immer, wenn die Chinesen diese Masse an Zeichen bewältigen, dann bekommen wir doch wohl eine verbundene Handschrift auf die Reihe.

Als Kompromiss zwischen Druckschrift und Handschrift soll die sogenannte Grundschrift herhalten. Was halten Sie davon?

Das ist so eine Erfindung des Deutschen Grundschulverbands. Gemeint ist eine besondere Druckschrift, Kinder können die einzelnen Buchstaben dann so verbinden, wie sie wollen. Ich bin ja froh, wenn Schüler handschriftlich schreiben lernen - besser als gar nichts ist das auf jeden Fall. Trotzdem ist die Grundschrift keine verbundene Handschrift - alle Vorteile der Schreibschrift gehen dadurch also verloren.

Es gibt bereits die Möglichkeit, per Hand auf Computerbildschirme zu schreiben. Ist das ein zukunftsträchtiges Modell?

Das ist eine sehr nette technische Erfindung, sie bringt die großen Bereiche Digitalisierung und Handschrift schön zusammen. Mal sehen, wie weit das noch entwickelt wird. Momentan sind solche Programme nicht sehr zufriedenstellend, das kennen Sie sicher selbst, wenn Sie ein Paket von der Post entgegennehmen und unterschreiben müssen. Das ist eben Glas und nicht Papier, auf dem geschrieben wird, es fühlt sich also anders an und sieht auch anders aus. Trotzdem: Ich bin sicher, dass viele Erfindungen im Bereich Kommunikation und Sprache großes Potential haben, aber die Handschrift - ich würde sogar sagen: die verbundene Handschrift - dürfen wir um keinen Preis aufgeben.

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