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Verkehrssicherheit : In den toten Winkel sehen

  • -Aktualisiert am

So manches Kreuz ist nur dem schlechten Spiegel geschuldet Bild: ZB

Ein in Holland erprobter Spiegel könnte auch in Deutschland viele tödliche Fahrradunfälle verhindern. Der Einführung stehen weniger rationale als bürokratische Gründe im Wege.

          Es wird in Deutschland keine Statistik darüber geführt, wie viele Unfälle durch den "toten Winkel" eines Lastwagens beim Rechtsabbiegen entstehen. Aber in der vergangenen Woche kamen allein in Berlin zwei Radfahrer ums Leben, die "alles richtig gemacht" hatten, wie der Fahrradbeauftragte des Senats, Benno Koch, am Montag einigen Schulkindern vor dem Roten Rathaus erklärte.

          Ein neunjähriger Junge und ein 59 Jahre alter Mann waren auf einem eigens für den Radverkehr ausgewiesenen Weg unterwegs gewesen. Die Ampeln zeigten ihnen Grün. Doch zwei Lastwagen, die nach rechts abbogen, erfaßten und töteten sie.

          Unfälle verhinderbar

          Viele Menschen und Institutionen wirken daran mit, daß solche Opfer noch zum Verkehrsalltag gehören. Der seit langem bekannte Tote-Winkel-Effekt gehört zu den lediglich vier Prozent der Unfallursachen, die nicht auf Fehlentscheidungen von Menschen zurückgehen, sondern auf die Umgebung oder das Fahrzeug zurückgeführt werden können. Seit einigen Jahren ist sogar bekannt, daß man mit einem Spiegel, der 150 Euro kostet, solche Unfälle in vielen Fällen verhindern kann. In den Niederlanden sind seit dem 1. Januar 2003 sämtliche Lastwagen, die mehr als 3,5 Tonnen wiegen, mit einem vierten rechten Außenspiegel oder einer Kamera ausgerüstet, die dem Fahrer den toten Winkel sichtbar machen

          Das Problem sei bekannt, die Lösung sei bekannt - nun müsse Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) endlich handeln, sagte Koch. Den Hinweis auf eine im Jahr 2006 in Kraft tretende EU-Regelung akzeptiert Koch nicht: Es würde viel zu lange - nämlich bis 2021 - dauern, bis auch nur die mehr als 7,5 Tonnen schweren Fahrzeuge umgerüstet wären. Die Niederlande hätten vorgemacht, wie man im Alleingang die Gefahr verringern könne. Die deutsche Politik müsse das nur nachahmen. Eigene Forschung und Produktentwicklung seien nicht notwendig.

          Der Vater eines Opfers hat den „Trixie-Spiegel“ entwickelt

          Zudem gab die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vergangene Woche bekannt, daß Spediteure, die an ihren Lastwagen zusätzliche Frontspiegel montieren wollen, dafür keine Genehmigung oder Zulassung benötigen. Der Berliner Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) machte sich denn auch die Forderung zu eigen und forderte die Berliner Fuhrgewerbeinnung auf, mit der Umrüstung der Spiegel zu beginnen. Der ehrenamtlich arbeitende Fahrradbeauftragte Koch - zugleich Berliner Vorsitzender des Fahrradclubs ADFC - zeigte einigen Dutzend Kindern vor dem Rathaus, wie groß die Fläche des toten Winkels eines Lastwagens ist, in der sie vom Fahrer selbst bei größter Umsicht mit den herkömmlichen Spiegeln nicht gesehen werden können.

          In Berlin hat man schon vor Jahren versucht, das Problem des toten Winkels zu lösen: "Trixi-Spiegel", mit denen die Fahrer das Umfeld besser überblicken können sollten, wurden an einigen Kreuzungen aufgehängt. Sie waren nach Beatrix Willburger benannt, die 1994 in Bayern von einem Betonmischer überfahren wurde. Ihr Vater hatte den Spiegel entwickelt, der in Bayern und Berlin von 1996 bis 1998 getestet wurde. Er setzte sich nicht durch und wurde nicht in die Straßenverkehrsordnung aufgenommen, weil er unter anderem immer wieder justiert und gereinigt werden mußte und oft zerstört wurde.

          Bessere Erfolgsaussichten

          Die neue Lösung hat bessere Aussichten. Der holländische Marketingspezialist Wilbert von Waes legte nun am Montag dar, wie er nach dem Tod seines damals 13 Jahre alten Sohnes im Jahr 1997 der Unfallursache nachgegangen und auf eine schlichte und billige Lösung gestoßen war. Gemeinsam mit einem Fahrlehrer habe er den "Dobli"-Spiegel entwickelt, der den toten Winkel von 38 auf vier Prozent verkleinert. Zwei Fernsehsendungen und eine Rundfunksendung in Holland hätten die Bevölkerung aufgeklärt. Danach sei der Druck auf die Behörden so groß geworden, daß sie handelten.

          Innerhalb von sechs Jahren sei das Tote-Winkel-Problem an holländischen Lastwagen gesetzlich und praktisch gelöst worden. Im Jahr 2002 gab es dort 39 Prozent weniger schwere und tödliche Unfälle im toten Winkel als im Jahr 1997 und 42 Prozent weniger als 2001. In Deutschland kamen dagegen allein im Jahr 2002 im Verkehr 583 Fahrradfahrer ums Leben, allein in Berlin waren es im vergangenen Jahr 24. Der ADFC schätzt, daß die Hälfte von ihnen zum Opfer des toten Winkels wurde. Verglichen mit dem niederländischen Modell und dem Stand der Technik, sei die von der EU vorgesehene Regelung "mehr als halbherzig", schreibt Benno Koch in der Zeitschrift des Fahrradclubs.

          "Ist das alles?" - "Ja, das ist alles."

          Wilbert von Waes sagte, durch den leicht konvexen Spiegel, der nicht seitlich, sondern rechts vorn am Wagen angebracht wird, erhalte der Fahrer fast vollstädig das Sichtfeld zurück. "Ist das alles?" sei er gefragt worden, nachdem er den Effekt des Spiegels vorgeführt hatte: "Ja, das ist alles." Er bezog sich auf die wissenschaftlichen und technischen Untersuchungen, die in Holland und Belgien angefertigt worden waren, und bot sie den deutschen Behörden an.

          Auf dieser Grundlage könnten ähnlich spektakuläre Verbesserungen auch für deutsche Radfahrer und Lastwagenfahrer rasch möglich werden. Die Kosten der holländischen Lösung könnten es nicht sein, die deutsche Stellen vom Handeln abhielten, meint Koch. Schließlich werde der "volkswirtschaftliche Schaden" eines deutschen Verkehrstoten auf 1,1 Millionen Euro beziffert.

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