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Verkehr : Kein Tempolimit für Kleinlastwagen

  • Aktualisiert am

Kleintransporter kippen leicht Bild: ADAC

In Deutschland sind 1,8 Millionen Kleinlastwagen unterwegs. Die Zahl der Todesopfer bei Unfällen mit Kleinlastwagen ist von 1996 bis 2002 um 140 Prozent auf 120 gestiegen, aber ein Tempolimit ist nicht in Sicht.

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          Auf der Autobahn hat es fast jeder Fahrer schon erlebt: Von hinten jagt etwas Kastenförmiges heran, gibt wie wild die Lichthupe, fährt meterdicht auf, und wenn man dann nicht schnell von der Überholspur ist, zischt der Kasten bei nächster Gelegenheit rechts vorbei: Kleinlastwagen heißen die rasenden Kisten, auch "Sprinter", Gesamtgewicht 2,8 bis 3,5 Tonnen. Manche sind 180 Kilometer in der Stunde schnell. Fahren darf sie jeder, der einen Führerschein der Klasse3 hat. Aber sie fahren sich ganz anders als Personenwagen, besonders in Kurven und beim Bremsen und vor allem dann, wenn sie bis unters Dach voll sind mit einer oft auch noch locker verschnürten Ladung. Fachgerechte Ösen und Gurte fehlen oft. Bei einer Vollbremsung durchschlägt die Ladung dann die Trennwand und trifft den Fahrer.

          Besonderes Sicherheitstraining für die Fahrer ist nicht vorgeschrieben, ebensowenig Tachoschreiber zur Kontrolle von Lenk- und Ruhezeiten, wie in großen Lastwagen. Die gewerblichen Fahrer, und das sind die allermeisten, stehen unter Zeitdruck, sind oft übermüdet. Viele Transportunternehmen sind von wenigen großen auf viele kleine und schnelle Lastwagen umgestiegen. Antiblockiersysteme (ABS), elektronische Sicherheitssysteme (EBS), Airbags und Unfalldatenschreiber können sie in die Kästen einbauen, müssen es aber nicht.

          1,8 Millionen Kleinlastwagen

          In Deutschland sind 1,8 Millionen solcher Kleinlastwagen unterwegs. Die Zahl der Todesopfer bei Unfällen mit Kleinlastwagen ist von 1996 bis 2002 um 140 Prozent auf 120 gestiegen, wie die Bundesanstalt für Straßenwesen jetzt beim 42. Deutschen Verkehrsgerichtstag in Goslar mitteilte, als Zwischenergebnis einer Studie. Von 1996 bis 2001 habe sich die Zahl der Unfälle mit Kleinlastwagen verdreifacht, während sich die die Zahl der Fahrzeuge nur verdoppelt habe. Nicht wenige Beobachter hatten erwartet, der Verkehrsgerichtstag werde eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Kleinlastwagen auf 120 Kilometer in der Stunde empfehlen, aber diese Erwartung wurde enttäuscht. Die Fachleute im Arbeitskreis1, die sich mit dem Thema befaßten, können sich "derzeit der Forderung nach einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen speziell für Kleintransporter (2,8 bis 3,5 Tonnen) nicht anschließen", hieß es am Freitag in Goslar. Zwar sei die Zahl der Unfälle gestiegen, aber bezogen auf die gefahrenen Kilometer seien Kleinlastwagen daran nicht überdurchschnittlich häufig beteiligt.

          Für ein Tempolimit waren in Goslar etwa die Verbandssprecher der Versicherungen und des Automobilclubs Europa, dagegen zum Beispiel die der Automobilindustrie und des ADAC. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung bringe schon deshalb nichts, weil sich von Unfällen mit Kleinlastwagen nur 14 Prozent auf der Autobahn ereigneten, aber 31 Prozent auf Landstraßen und 55 Prozent in Ortschaften. Zudem ereigne sich auf der Autobahn nur jeder vierte Kleinlastwagenunfall bei einer Geschwindigkeit von mehr als 120 Kilometern in der Stunde. "Wie viele Tote braucht ein Tempolimit?" fragt die Gegenseite und beharrt darauf, es dürfe nicht sein, daß "eine gewisse Vollgas-Lobby über die begründeten Belange der Verkehrssicherheit triumphiert". Nicht wenige Gegner der Geschwindigkeitsbegrenzung wiederum argumentieren, wenn sie erst einmal für Kleinlastwagen eingeführt sei, dann werde sie bald auch generell vorgeschrieben.

          Bessere Ausstattung statt Tempolimit

          Statt eines Tempolimits empfiehlt der Deutsche Verkehrsgerichtstag dem Gesetzgeber folgende Schritte gegen die Unfallgefahren bei Kleinlastwagen: serienmäßiger Einbau von ABS, ESP, Airbags und Unfalldatenschreibern, Sicherheitstraining für die Fahrer, Lenk- und Ruhezeitvorschriften wie bei schweren Lastwagen und Einbau manipulationssicherer Tachoschreiber zu deren Kontrolle, höheres Bußgeld bei Verstößen und schließlich angemessene Ausstattung des Frachtraums zur richtigen Befestigung der Ladung.

          Generalbundesanwalt Kay Nehm, der Präsident der Deutschen Akademie für Verkehrswissenschaft, die alljährlich den Deutschen Verkehrsgerichtstag veranstaltet, sagte zum Thema Ladung schon am Donnerstag bei der Eröffnung: "Mittlerweile ähneln unsere morgendlichen Verkehrsnachrichten - von den Preisangaben abgesehen - immer mehr den Anzeigen gut sortierter Baumärkte: Werkzeuge, Hölzer aller Art, Steine, Dachziegel, Zementsäcke, Leitern, kürzlich sogar ein Polstersofa - in ihrer Vielfalt häufig nur als Gegenstände auf der Fahrbahn zu beschreiben - zeugen von einer mehr als flüchtigen Beladung und Sicherung vor Arbeitsbeginn."

          Oft als Gesetzesvorstufe

          Die Empfehlungen des Deutschen Verkehrsgerichtstags werden nicht selten in Gesetze gegossen, etwa die 0,5-Promille-Grenze oder das Handyverbot im Auto. Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe sagte am Donnerstag in Goslar zum Thema Kleinlastwagen, er schließe eine Geschwindigkeitsbegrenzung nicht aus, warte aber ab, bis ihm - vermutlich im März - die Schlußfassung der Studie der Bundesanstalt für das Straßenwesen vorliege. Der Sprecher der Bundesanstalt gehörte am Freitag in Goslar nicht zu den Befürwortern einer Tempolimit-Empfehlung. Deshalb steht nicht zu erwarten, daß im Bundesverkehrsministerium anders entschieden werden wird. Wohl aber darf erwartet werden, daß die Unfallgefahren, die von Kleinlastwagen ausgehen, geringer werden, wenn die Empfehlungen des Deutschen Verkehrsgerichtstags Gesetz werden. Die Raserei könnte dann wohl auch ohne Tempolimit ein Ende haben.

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