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Verhaltensforscher Frans de Waal : "Wir sind sehr soziale Tiere"

  • Aktualisiert am

Primatenforscher Frans de Waal: „Ich betrachte Menschen als Tiere.” Bild: Michael Hauri

Willkommen auf dem Planeten der Menschen. Sie sind nicht nur egoistische, gierige Wesen, auch wenn es meistens so aussieht. Verhaltensforscher Frans de Waal sagt: Die Spezies hat eine Veranlagung zur Empathie.

          6 Min.

          Der Verhaltensforscher Frans de Waal sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier und verlangt ein Umdenken über die menschliche Natur.

          Herr de Waal, was gab es zum Frühstück bei Ihnen? Ein schönes deutsches Wurstbrötchen?

          Morgens mag ich lieber Käse.

          „Alleine würden wir nicht überleben”: Aus diesem Grund leben Menschen in Gesellschaften und Affen in Gruppen
          „Alleine würden wir nicht überleben”: Aus diesem Grund leben Menschen in Gesellschaften und Affen in Gruppen : Bild: dapd

          Essen Sie überhaupt Fleisch?

          Durchaus.

          Keine Skrupel? Wo Sie sich gegen scharfe Trennlinien zwischen Mensch und Tier aussprechen?

          Ich finde, die Agrarindustrie sollte Tiere anders behandeln.

          Man hat lange geglaubt, Tiere hätten kein Empfinden. Was weiß man heute?

          Neurowissenschaftler, die im menschlichen Gehirn auf Regionen gestoßen sind, die für bestimmte Gefühle zuständig sind, haben im Gehirn von Tieren dieselben Regionen und Zuständigkeiten entdeckt. Und wenn Angst bei der Ratte die Amygdala aktiviert und beim Menschen auch, muss es sich um dasselbe Gefühl handeln.

          Tierbesitzer behaupten also zu Recht, ihre Katze reagiere beleidigt und ihr Hund denke nach?

          Das geht zu weit. Wenn jemand behauptet, sein Hund fühle sich schuldig, würde ich entgegnen, der Hund erwarte eine Bestrafung, was eine einfachere Erklärung desselben Verhaltens ist. Man muss aufpassen, auf welcher Ebene man sich bewegt. Entscheidend ist, wie nah ein Tier mit dem Menschen verwandt ist. Menschen zum Beispiel küssen und umarmen sich nach einem Kampf. Schimpansen küssen und umarmen sich nach einem Kampf ebenfalls. Wenn wir dieses Verhalten bei Menschen Versöhnung nennen, sollten wir das bei Schimpansen auch, solange es keine Anzeichen gibt, dass es sich um etwas anderes handelt.

          Darf man Erkenntnisse aus der Tierforschung wirklich auf den Menschen übertragen?

          Ich betrachte Menschen als Tiere. Sie mögen komplizierte Tiere sein, aber bei Veranlagungen, die wir mit vielen anderen Tieren teilen - Wettbewerbsstreben, Dominanz, Empathie, Altruismus, Territorialität -, ist schwer vorstellbar, dass sie nichts mit unserer Evolution zu tun haben sollen.

          Was unterscheidet Mensch und Tier?

          Das menschliche Gehirn ist im Prinzip nichts Besonderes, es ist nur dreimal so groß wie das des Schimpansen. Deshalb kann es von allem mehr. Unterschiede sind Sprachfähigkeit und Abstraktionsvermögen.

          Warum plädieren Sie für eine Generalüberholung unserer Annahmen über die menschliche Natur?

          Politikwissenschaft, Ökonomie und Anthropologie gehen gern von der Annahme aus, der Mensch sei des Menschen Wolf. Wir seien garstige Tiere. . .

          Und bräuchten Religion, Vernunft und Verträge, um uns zu zähmen.

          Der amerikanische Konservativismus ist ebenfalls überzeugt: Das Leben ist ein Kampf, und wir müssen die Prämissen der Natur auf die Gesellschaft übertragen - das Prinzip der Konkurrenz. Das ist aber eine sehr einseitige Auslegung von Darwin. Wenn man den Menschen verstehen will, muss man das ganze Bild betrachten. Das schließt Solidarität, Empathie und Kooperation mit ein. Und ich glaube, dass es sich dabei um sehr alte Veranlagungen handelt, die schon bei Hunden, Delphinen und vielen anderen Tieren zu finden sind.

          Hat uns die Finanzkrise nicht vor Augen geführt, dass wir die rücksichtslosesten Egoisten überhaupt sind?

          Einerseits stimmt das. Andererseits haben wir auch angefangen nachzudenken. Wir haben kapiert, dass an der Wall Street die Gier regiert. Aber unser Vertrauen in unregulierte Märkte ist massiv gesunken. Dafür gibt es mehr Debatten und Bücher über Solidarität und Empathie. Die Haltung ändert sich.

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