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Verhalten gegenüber Bettlern : Wir geben nichts. Oder doch?

Ob nun wirklich betroffen oder organisierte Bettelei: Wer andere auf der Straße um Geld bitten muss, ist in der Regel arm Bild: ullstein bild

Man hetzt zur U-Bahn, dann ist da dieser Anblick von Armut, die Bitte um einen Euro. Aber was die Bedürftigen mit dem Geld machen, ob sie es überhaupt behalten dürfen, ist oft nicht zu durchschauen. Wie geht man mit Bettlern um? Eine Annäherung.

          1. Es sind so viele.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schon bevor der Mann mit dem Akkordeon zu sehen ist, hört man sein Spiel. Kein Evergreen, keine Volkslieder. Eine kleine, zärtliche Weise schwebt durch die Morgenluft, leise Töne in Moll. Berlin im Sommer. Wenn jemand grüßt, lächelt der Mann. In seinem Bastkörbchen liegen Münzen.

          Am Fahrkartenschalter fragt ein Bärtiger nach Geld. In der U-Bahn schlingert ein Straßenzeitungsverkäufer durch die Reihen. Am Alexanderplatz hat eine Blondgelockte in Hotpants auf das Pflaster geschrieben, dass sie Geld für ihre Miete und Acrylfarben brauche. Noch bevor das Kreidegemälde entsteht, ist die Anweisung für die Touristen fertig: Neben dem gezeichneten Fotoapparat steht eine Spardose. Eine Dunkelhaarige mit langem Rock und gequältem Blick hält Passanten ein Kärtchen hin, auf dem in Druckbuchstaben steht, dass sie aus Bosnien komme und Medizin für ihr krankes Kind brauche.

          Vor der Sparkasse am Hackeschen Markt sitzt eine blasse junge Frau in schwarzen Klamotten. Schrunden im Gesicht, Kopfhörer im Ohr. Sie starrt ins Leere und schnarrt wie eine hängengebliebene Schallplatte: „Tschuldigung, haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld oder nur ein paar Cent?“ Menschen kommen und gehen. Keiner schaut hin.

          2. Aber doch nicht im Sozialstaat!

          Selbst wenn sie könnte, sagt die Rentnerin im Vorraum der Sparkasse, die in der einen Hand die Hundeleine, in der anderen ihren Kontoauszug hält, ihr Dispokredit ist fast erschöpft: Der jungen Bettlerin vor der Eingangstür gebe sie nichts. „Da muss man nicht sitzen, in dem Alter schon gar nicht.“ Eine elegante Blonde assistiert: „Wieso soll ich Geld geben, um das zu unterstützen?“

          Die Männer vom Sicherheitsdienst am Bahnhof Friedrichstraße befördern mit Blick auf die Hausordnung der Deutschen Bahn zurzeit täglich ein Dutzend Menschen aus dem Gebäude, für die die deutsche Sprache vor allem Beleidigungen bereithält: Penner, Schnorrer, Säufer, Junkies, Zigeuner, Gesindel. Er persönlich, sagt der Mann in Uniform, würde, wenn überhaupt, alten Menschen etwas geben. Deutschland sei schließlich ein Sozialstaat. „Es gibt Möglichkeiten. Es gibt Hilfseinrichtungen. Sozialarbeiter. Streetworker. Alles da. Wenn man es denn will.“

          3. Das Herz entscheidet.

          Der junge Mann aus Bristol, der sich auf der Museumsinsel im Gras ausruht, sagt: „Wenn man Geld übrig hat, gibt es keinen Grund, nein zu sagen.“ Nur: Wie helfe ich eigentlich am besten? Unterstütze ich die Abhängigkeit von Drogen und Alkohol? Fördere ich das System des Bettelns? Wer braucht mein Geld am nötigsten?

          Stefan Gillich kennt die Skrupel der Gebenden. Er arbeitet für die Diakonie und ist stellvertretender Vorsitzender der Evangelischen Obdachlosenhilfe. „Es gibt kein richtiges und falsches Verhalten“, sagt Gillich. Tierfreunde mögen sich von Obdachlosen mit Hunden angesprochen fühlen. Andere spenden lieber der Bahnhofsmission. Manche setzen sich ein fixes Budget pro Tag. Gillich geht nach Sympathie. Über Bettler, die demonstrativ ihre Behinderungen zur Schau stellen, ärgert er sich. Wer ihn anrührt, bekommt etwas. Dann zitiert er Rilke, die Geschichte, in der dieser einer Bettlerin eine Rose in die Hand drückt, weil man dem Herzen schenken müsse. In der christlichen Tradition, sagt Gillich, sei die Akzeptanz des anderen, seine Würde, zentral.

          4. Gute Bettler, schlechte Bettler.

          Schon in der frühen Neuzeit hoffte man, die wachsende Flut der Armen einzudämmen, indem man die Faulen, die Arbeitsunwilligen, die Betrüger von den wahren Bedürftigen schied. Funktioniert hat diese Einteilung nie. Was aber, wenn dem Mann im Rollstuhl heute das rechte, morgen das linke Bein fehlt? Wenn der Typ vom Bahnhof, dem man gestern drei Euro gegeben hat, weil er Geld für die Fahrkarte brauchte, wieder am Automaten steht? „Das ist natürlich nicht schön“, sagt Ferdinand Koller aus Wien, Aktivist gegen die Versuche der österreichischen Politik, das Betteln zu verbieten – und wirbt um Verständnis: „Wer bettelt, muss ein bestimmtes Bild erfüllen. Das ist eine Art Marketing.“ Koller hat seine Magisterarbeit in katholischer Religionspädagogik über das Betteln geschrieben. Er ist überzeugt: „Wenn jemand auf der Straße sitzt und bettelt, dann braucht der das Geld.“

          5. Die versaufen’s doch nur.

          An der Berliner Kastanienallee hockt ein struppiger Alter in der Morgensonne. Das Essen aus dem Stoffbeutel, den ihm jemand geschenkt hat, kriegt er um diese Uhrzeit noch gar nicht runter. Trotzdem sammelt er in einem Plastikbecher Geld. „Goldkrone oder Wodka nehme ich auch“, sagt der Alte. „Ich bin ehrlich.“ Er grinst. Würde er behaupten, dass er Hunger habe – ihm glaubte doch eh keiner. Nicht in einem Land mit Suppenküchen und HartzIV.

          Viele Bettler versaufen ihr Almosen. Viele Menschen wollen nicht, dass das mit ihrem Geld passiert. Aber darf man Bedingungen stellen, wenn man etwas schenkt? Kein Suchtkranker werde geheilt, weil man ihm einen Euro vorenthalte, sagt Stefan Karrenbauer, Sozialarbeiter bei der Hamburger Straßenzeitung „Hinz & Kunzt“. Karrenbauer hält deshalb nichts von der gängigen Empfehlung, Bettlern Essen zu geben. Unter Umständen ist es schon die dritte Currywurst am Tag. Und in der Apotheke gegen Medikamente eintauschen kann man die auch nicht. Wenigstens sollte man vorher fragen, was jemand tatsächlich braucht. Geben – auf Augenhöhe.

          6. Froh zu sein bedarf es wenig.

          Kathrin ist 33 Jahre alt. Sie hat viel zu tiefe Augenfältchen für ihr Alter, ein Schneidezahn fehlt. Aber die Falten sind Lachfalten. Nach zwanzig Jahren, in denen sie immer wieder gebettelt hat, weiß sie: Erfolgreiche Schnorrer gehen mit einem Lachen auf die Leute zu. „Das ist schwachsinnig“, sagt Kathrin. Das Leben auf der Straße sei schließlich eine eher traurige Angelegenheit. „Aber dann kriegt man nichts.“

          7. Die Würde der Verkäuferin.

          „Ich lass’ mich von Ihnen nicht beleidigen“, sagt Ulla, wenn ein Kunde sie ermahnt, sie solle ihren Euro nicht versaufen. Auch der Frau, die frohlockt, dass sie nach dem Kauf der Obdachlosenzeitung besser schlafen würde, entgegnet sie: „Wenn Sie nichts weiter interessiert, als Ihr Gewissen freizukaufen, mag ich nicht.“ Betteln? „Brauch’ ich nicht“, sagt Ulla stolz. „Ich bin Verkäuferin.“

          Weißes, mit einem Kopftuch bedecktes Haar, wässrige Augen und die Haut einer italienischen Bäuerin. Ulla ist 74 Jahre alt, und wenn sie mit einem bittersüßen Lächeln sagt, sie wohne im Sieben-Sterne-Hotel, heißt das: In klaren Sommernächten sind es viele Sterne mehr. „Ich weiß, wie ich im Moment lebe. Trotzdem bin ich kein Abschaum und kein Dreck.“ Auf den lila Griff ihrer Krücke gestützt, geht Ulla auf die Reisenden vor dem Berliner Hauptbahnhof zu. Wenn jemand keine Zeitung will – kein Thema. „Wenn Sie höflich sein wollen, sagen Sie einfach ,Nein, danke.‘“ Aber sie macht ihren Job so liebenswürdig und trotzdem so bestimmt, dass sie in der Abendsonne in einem Café Platz nehmen und sich eine „wunderschöne Tasse Kaffee“ zu Bahnhofspreisen genehmigen kann. Ein einziges Mal habe jemand zu ihr gesagt: „Geh arbeiten, du faule Sau.“ Da, sagt Ulla, habe sie geweint.

          8. Bitte geben Sie nichts?!

          Ein paar Münzen für die Frau mit dem langen Rock, die laut Pappkärtchen aus Bosnien stammt. Ein gebürtiger Ungar kommentiert die Szene kopfschüttelnd: „Die bekommen keinen Cent von dem, was Sie geben. Das weiß doch jeder.“ Auf dem Alexanderplatz sind drei Frauen gleichzeitig unterwegs, die alle lange Röcke tragen. Die Schrift auf ihren Pappkärtchen scheint dieselbe. Als zwei sich unterhalten, tritt ein Mann hinzu, und die Frauen gehen wieder getrennte Wege.

          Die zivile Altstadtgruppe der Münchner Polizei hat kürzlich nachgezählt: Auf zehn bis 15 „wirklich Bedürftige“ in der Innenstadt kommen 50 bis 60 Personen, die laut Einschätzung der Polizei der „organisierten Bettelei“ nachgehen. Die Münchner Polizei warnt deshalb: „In solchen Fällen ist es grundverkehrt, wenn man denen Geld gibt. Die werden schlichtweg ausgenutzt.“

          Die These: Arme Männer, Frauen, Kinder aus Südosteuropa werden in Deutschland betteln geschickt, dann wird ihnen ihr Verdienst abgekommen. Systematische Abhängigkeit. Und irgendwer im Hintergrund verdient.

          Das Problem: „Der Nachweis ist ganz, ganz schwierig.“ Gibt selbst Oliver Timper zu, Sprecher der Münchner Polizei. Aktivisten und Sozialarbeiter glauben deshalb, dass Bettler aus Südosteuropa mehr mit Vorurteilen zu kämpfen haben als mit tatsächlicher Ausbeutung. Wirklich arm seien diese Menschen allemal.

          9. Was nicht geht.

          Nach mehr als 100 Jahren ist das Bettelverbot in Deutschland 1974 außer Kraft gesetzt worden. Seitdem urteilen Gerichte, dass die Gesellschaft den Anblick von Armut in ihrer Mitte zu ertragen hat. Festhalten, In-den-Weg-Stellen hingegen kann geahndet werden, in manchen Kommunen ist aggressives Betteln sogar ausdrücklich verboten. Der Luftballon, der dem Kind in die Hand gedrückt wird, um dann von der Mutter eine Gegengabe einzufordern – „das ist schon fast perfide“, sagt Robert Kilp vom Kölner Ordnungsamt. Die Halbwüchsigen an der roten Ampel, die Autoscheiben putzen, obwohl man deutlich den Kopf geschüttelt hatte, und die dann aufgebracht gegen das Fenster wummern, wenn man nicht zahlt – Nötigung. Wer cool genug ist, wählt 110.

          10. Manchmal hilft auch Reden.

          Warum schnorrt die junge Frau vor der Sparkasse am Hackeschen Markt? Warum arbeitet sie nicht, statt stumpf aufs Pflaster zu starren? Fragen lohnt immer. Manchmal wird plausibel, was vorher abstoßend schien. Manchmal ist das wichtiger als Geld. Das Heroin habe ihren Körper kaputtgemacht, sagt die junge Frau. Die Leber, die Schulter, die Knie. Mit Mitte zwanzig. Deshalb habe das Jobcenter sie gesperrt. Vom Alkohol sei sie inzwischen runter. Ein Lächeln. „Mein Männe“ auch, sagt sie und meint den Typen, der auf dem S-Bahnsteig die Leute anschnorrt. „Er hat für mich aufgehört“, sagt sie. Ihr fahles, leeres Gesicht sieht plötzlich lebendig aus. Fast glücklich. Nicht weit entfernt liegt ein Mann auf dem Boden und balanciert einen Besen auf dem Zeigefinger. Kerzengerade, minutenlang. Auf einem Kehrblech sammeln sich die Münzen. Neben ihm ein Banner: „My financial balance.“

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