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Abschätzige Begründung : Die Erblast des Berlusconismo

Unzweideutige Komplimente und Begrabschen wirft die Chefin der Frauenabteilung beim Fußballclub Lazio Rom, Elisabetta Cortani, dem früheren Präsidenten des italienischen Fußballverbandes, Carlo Tavecchio, vor. Bild: AFP

Ein Gericht in Rom stellt ein Belästigungs-Verfahren gegen Carlo Tavecchio ein, den früheren Präsidenten des italienischen Fußballverbandes. Zur Begründung wird das Alter des Opfers angeführt.

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          Die weltweite #MeToo-Debatte hat um Italien irgendwie einen Bogen gemacht. Man kann das als Erblast des Berlusconismo verstehen. Der inzwischen 81 Jahre alte Mehrfach-Regierungschef Silvio Berlusconi reüssierte in den achtziger Jahren zunächst als Pionier des italienischen Privatfernsehens und transportierte dabei ein Frauenbild, das bis heute wirkmächtig ist. In den populären Shows seiner Sender traten leicht bekleidete, groß gewachsene junge Frauen auf, die kein Wort sagten und selbst dann noch lächelten, wenn ihnen die männlichen Showmaster einen Gütestempel auf den Hintern knallten: Fleischbeschau auf Italienisch. In den neunziger Jahren ging Berlusconi dann in die Politik und hinterließ als Teil seines Vermächtnisses die Botschaft der Bunga-Bunga-Partys: Italienische Männer, zumal wenn sie Geld oder Macht oder beides haben, können sich alles herausnehmen, zumal gegenüber Frauen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Bis heute ist es unter Italiens Männern weit verbreitet, noch für die brutalsten Übergriffe das weibliche Opfer verantwortlich zu machen: Sie war zu leicht bekleidet und so weiter. Noch die dümmste Anmache wird als irgendwie romantische Italo-Balz verbrämt: Wer nicht lacht, ist eine Spaßbremse.

          Zu alt, um belästigt worden zu sein

          In der vergangenen Woche hat nun ein Gericht in Rom ein Verfahren wegen des Vorwurfs sexueller Übergriffe mit einer sozusagen klassisch italienischen Begründung eingestellt: Die Frau sei mit fast 50 Jahren zu alt gewesen, um belästigt und begrabscht zu werden. Geklagt hatte Elisabetta Cortani, Chefin der Frauenabteilung beim Fußballclub Lazio Rom, gegen Carlo Tavecchio, den früheren Präsidenten des italienischen Fußballverbands. Es ging um zwei Vorfälle aus dem Jahr 2015 bei Fachgesprächen im Büro des damals mächtigsten Sportfunktionärs Italiens. Tavecchio, heute 74 Jahre alt, habe ihr zunächst ein unzweideutiges Kompliment gemacht und dann hinzugefügt: „Komm her zu mir, lass mich deine Titten anfassen.“ Dann sei er über sie hergefallen, sie habe sich mit Mühe aus seiner Umklammerung lösen und das Büro fluchtartig verlassen können, sagt Cortani. Auf eine zweite Begegnung im ominös verdunkelten Büro bereitete sich Cortani dann mit einer versteckten Minikamera vor, untergebracht in einer Brillenattrappe. Die Bild- und Tonaufzeichnungen dokumentieren nach Angaben Cortanis und ihres Anwalts den abermaligen Übergriff Tavecchios auf dem Sofa im Büro des Verbandspräsidenten. Der weist die Vorwürfe zurück.

          Cortani und ihr Anwalt wollen die hanebüchene Begründung des Gerichts, das Opfer sei zu alt, um glaubhaft den Vorwurf eines sexuellen Übergriffs erheben zu können, nicht hinnehmen und haben Widerspruch eingelegt. In den kommenden Wochen wird ein Richter in Rom entscheiden, ob das Verfahren endgültig eingestellt oder wiederaufgenommen wird. „Italienische Frauen müssen kämpfen und dürfen keine Angst haben, Anzeige zu erstatten“, sagt Cortani. „Es spielt keine Rolle, ob man uns glaubt oder nicht. Wir müssen beginnen, Respekt zu verlangen. Sonst ändert sich die Kultur in Italien nie.“

          Verbandspräsident Tavecchio wurde in der Vergangenheit vom europäischen Fußballverband Uefa wegen rassistischer Äußerungen über „Bananenfresser“ gemaßregelt, hat mit antisemitischen und homophoben Tiraden von sich Reden gemacht und wurde fünfmal wegen allerlei Finanzvergehen verurteilt. Seinen Job an der Spitze des Fußballverbands hat Tavecchio im November 2017 aber nicht deshalb und auch nicht wegen des Vorwurfs sexueller Gewalt verloren. Sondern weil Italien die Qualifikation zur Endrunde der Fußballweltmeisterschaft in Russland verpasste.

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