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Verehrung des Dalai Lama : In Tibet jenseits von Tibet

Yaks im tibetischen Hochland: Sie liefern Wolle, Milch und Butter, mit dem Dung wird geheizt und gekocht Bild: Renie Yan

In den Westprovinzen Chinas vergöttern viele Tibeter ganz offen den Dalai Lama - verfolgt fühlen sie sich nicht.

          5 Min.

          Die Yaks schnauben und grunzen, aus den Mäulern steigen Atemwolken. Es ist eiskalt an diesem Morgen auf fast 4000 Metern Höhe, am Vortag hat es geschneit. Die Viehhüterin trägt einen tibetischen Mantel mit überlangen Ärmeln, die unaufgerollt fast bis zu den Füßen reichen. Am Gürtel steckt eine halbmondförmige Eisenschnalle. Dort hakt die Hirtin einen Holzeimer ein, hockt sich neben die Bergkühe und beginnt sie zu melken. Das Fell der zotteligen Tiere ist so lang, dass die Euter nicht zu sehen sind. Die junge Frau spricht nur wenig Chinesisch, so wie die meisten Nomaden in der Tibetischen Hochebene. Sie streckt zwei Finger aus. Zweimal am Tag werden die Yak-Kühe gemolken, frühmorgens und abends in der Dämmerung, wenn sie aus der Steppe zurücktrotten und angepflockt werden.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Im Winter leben die Hochlandnomaden der westchinesischen Provinz Qinghai von den großen Tieren, im Sommer von den kleinen. Die Yaks liefern Wolle, Milch und Butter, mit dem Dung wird geheizt und gekocht. In den warmen Monaten sammeln die Graslandbewohner eine eigenartige Spezialität: chinesische Raupenpilze (Ophiocordyceps sinensis). Diese in Tibet endemischen Parasiten, die so lang und dünn sind wie Bleistifte, wachsen auf Schmetterlingsraupen, die sie abtöten und mumifizieren. Im Frühjahr drängen die Fruchtkörper in Höhenlagen von 3000 bis 5000 Metern an die Erdoberfläche, wo die Hirten sie zu Millionen einsammeln.

          Dalai Lama überall Bilderstrecke
          Dalai Lama überall :

          Die Pilze kommen in der traditionellen tibetischen und chinesischen Medizin zum Einsatz, als Aphrodisiakum und angeblich auch als Dopingmittel für Sportler. Sie sind teuer und bilden die wichtigste Einnahmequelle der Hochlandnomaden. Jedes Stück bringe 15 bis 20 Yuan ein, sagt der Ehemann der Melkerin. 20 000 Yuan, etwa 2300 Euro, erzielt er damit im Jahr, das sind zwei Drittel des Haushaltseinkommens. Für ein Yak bekommt der junge Mann bestenfalls 5000 Yuan.

          Wer die Raupenpilze spät im Jahr verkauft, kann noch mehr Gewinn herausschlagen. Auf dem Markt des Handelsfleckens Zeku, viereinhalb Stunden südlich der Provinzhauptstadt Xining, bietet ein junger Mann die kostbare Ware in einer Handwaage an. In der Messingschale liegt eine halbes Dutzend Würmer, 30 Yuan soll jeder einzelne kosten, das Doppelte des Sommerpreises.

          Unlängst sei eine Nonne den Feuertod gestorben

          Tibet ist viel größer als die gleichnamige Region. Dabei umfasst schon die Provinz Tibet in China die dreieinhalbfache Fläche Deutschlands. Bis heute erstreckt sich der Kulturraum der Tibeter bis nach Indien, Nepal oder Bhutan und weit ins chinesische Kernland hinein. Teile Gansus, Sichuans, Yunnans und eben Qinghais gehören zu Osttibet, das früher auch Amdo, Kham oder Dokham hieß. Daran erinnert sich die Welt meist nur dann, wenn es dort, wie derzeit wieder, zu Protesten kommt.

          Allein in Sichuan hätten sich in diesem Monat fünf Tibeter verbrannt, um Menschenrechtsverletzungen anzuprangern, berichtet die Londoner Organisation „Free Tibet“. Unlängst sei eine Nonne den Feuertod gestorben, während sie nach Freiheit rief und die Rückkehr des Dalai Lamas forderte. Seit dem Volksaufstand in Lhasa 1959 gegen die chinesischen Besatzer lebt das religiöse Oberhaupt im indischen Exil.

          Niemand ist bereit, Fremde dorthin zu bringen

          Der Dalai Lama, der die politische Führung im März niedergelegt hat, stammt selbst aus Qinghai. Etwa 30 Kilometer südöstlich der Stadt Ping’an liegt sein Geburtsort Taktser, der auf Chinesisch Hongya heißt. Angeblich lässt sich dort sein Elternhaus besichtigen, auch lebe seine Schwester noch in dem Dorf, sagen die Leute. Aber niemand ist bereit, Fremde, Journalisten zumal, dorthin zu bringen. Bei seinem letzten Besuch mit Ausländern habe ihn die Polizei verwarnt, sagt ein Fahrer. „Das ist mir zu heiß.“ Diese Furcht verwundert, denn in Qinghai ist es vergleichsweise ruhig. Zwar kocht auch hier gelegentlich der Volkszorn hoch, aber die Stimmung wirkt nicht angespannt. Anders als in Tibet oder Teilen Sichuans sind Polizei und Militär nicht präsenter als im übrigen China. Ausländische Berichterstatter dürfen die Provinz selbständig bereisen, nirgendwo sind Straßensperren oder andere Kontrollen zu sehen.

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