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Verbrechen : Sexskandal erschüttert katholische Kirche in den USA

  • -Aktualisiert am

Hielt er zu lange still? Bostons Kardinal Law Bild: AP

Die katholischen Gläubigen in den Vereinigten Staaten haben das Vertrauen in ihre Kirche verloren. Zahlreichen Priestern wird sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen.

          Die Kirchenzeitung „The Pilot“ in Boston erscheint normalerweise in einer Auflage von 5.000 Exemplaren. Doch in diesen Tagen kamen die Drucker kaum nach. Über 100.000 Exemplare mussten gedruckt werden, um den Bedarf zu decken. Der Grund für das gewaltige Interesse war ein Kommentar, der an den Grundfesten der katholischen Kirche rüttelt: Er stellte den Zölibat in Frage und brachte die priesterliche Verpflichtung zur Ehelosigkeit sogar mit ausufernden Sexskandalen in den USA in Verbindung.

          Der „Pilot“ griff damit ein Thema auf, das die Katholiken überall in den USA seit Monaten verunsichert. Seit die Zeitung „Boston Globe“ Anfang Januar die ersten Anschuldigungen gegen den Priester John Geoghan erhob, scheint sich der Skandal mit jedem Tag neu auszuweiten. Inzwischen wurde Geoghan, dem sexuelle Belästigung von 130 Jungen vorgeworfen wurde, zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

          War Bostoner Kardinal ein Mitwisser?

          Doch dies war nur der Anfang. Seit Januar mussten mindestens 55 Priester in 17 Diözesen ihre Kanzel räumen. Auch ein Bischof musste gehen, und Bostons Kardinal Bernard Law kämpft ebenfalls ums Überleben. Ihm und vielen anderen Kirchenoberen wird vorgeworfen, von den sexuellen Belästigungen und Missbrauchshandlungen gewusst, aber nicht entschlossen genug gegen die Täter vorgegangen zu sein. So wurde Geoghan, gegen den bereits seit den 80er-Jahren Vorwürfe erhoben wurden, einfach immer wieder von Gemeinde zu Gemeinde versetzt. Erst kürzlich entschloss sich Law zur vollen Kooperation mit den Behörden und gab ihnen die Namen von 80 Priestern, gegen die in den vergangenen Jahrzehnten Vorwürfe erhoben wurden.

          Kirche gerät in finanzielle Nöte

          Inzwischen bringen die Entschädigungszahlungen die katholische Kirche in massive finanzielle Bedrängnis. Die Diözese Boston willigte bereits ein, an 90 Kläger, die nach eigenen Angaben von Priester Geoghan missbraucht wurden, bis 30 Millionen Dollar Dollar zu zahlen. Experten schätzen, dass sich die endgültigen Zahlungen auf über 100 Millionen Dollar belaufen könnten. Um die Millionenbeträge zu zahlen, wird in Boston bereits der Verkauf von mehreren Kirchen erwogen. Erschwerend für die katholische Kirche kommt hinzu, dass viele ihrer großzügigen Spender angesichts der Skandale nun nicht mehr bereit sind, den Geldbeutel zu öffnen.

          Gläubige verlieren ihr Vertrauen

          Härter aber noch trifft die katholische Kirche in den USA der Vertrauensverlust. Zum einen büßt sie die moralische Autorität ein, sich zu politischen oder sozialen Konflikten zu äußern. Zum anderen lassen die Skandale immer gläubige Katholiken an ihrer Kirche zweifeln und bringen sie auch noch in einen Gewissenskonflikt: Sollen sie ihre Kinder weiter in die Kirche schicken?

          So meinte etwa Peggy Morales in der „New York Times“, sie überlege, ob sie ihre Kinder weiter in die Sonntagsschule schicken solle. „Ich habe immer gesagt, dass der Kirchenbesuch meine Kinder auf den richtigen Weg bringt. Nun bin ich nur froh, dass mein Sohn nie Ministrant war.“ Aber nicht nur die Gläubigen sondern auch ihre Seelsorger sind verunsichert. Priester Bartholomew Leon aus New Hampshire wird in der „Washington Post“ mit den Worten zitiert: „Ich liebe Kinder, sie kommen immer und umarmen mich, aber jetzt achte ich darauf, dass ich nie mit einem Kind allein im Zimmer bin.“ Viele Priester fürchten auch, dass die Skandale dazu beitragen werden, dass sich immer weniger junge Menschen weihen lassen. Bereits jetzt kämpft die katholische Kirche gegen einen dramatischen Nachwuchsschwund. Hatte es in den 60er-Jahren noch knapp 59.000 Priester gegeben, sind es jetzt nur noch 45.000.

          Künftig auch Priesterinnen?

          Reformer innerhalb der Kirche hoffen nun, dass der Skandal zu einer Öffnung der Kirche führen und das Priesteramt damit wieder attraktiver werden könnte. Mit besonderem Interesse verfolgten sie, dass der „Pilot“ in seinem Kommentar auch die alte Streitfrage ansprach, ob das Priesteramt für immer nur Männern vorbehalten bleiben soll.

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