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Verbindungen im „Dritten Reich“ : In Opposition mit Band und Schläger

Im Versteck: Zur Uniform der Wehrmacht tragen die Guestphalen 1944 stolz das grün-weiß-schwarze Band und den weißen Seidenstürmer. In der Mitte mit Pfeife sitzt Ludwig Hauenschild, hinter ihm als vierter von rechts steht Jochen Zimmermann. Bild: Archiv des Corps Makaria-Guestphalia

Studentenverbindungen waren im „Dritten Reich“ verboten. Trotzdem gründeten Wehrmachtsangehörige 1943 das Corps Guestphalia in Würzburg neu und schlugen Mensuren - eine Form widerständigen Verhaltens.

          Als Versteck nutzten sie eine kleine Gartenhütte, die sie im Laufe der Zeit zum Corpsheim ausbauten. Schon 1943 trugen sie auch Band und Stürmer, wie die weiße Kopfbedeckung aus Seide der 1935 suspendierten Studentenverbindung Guestphalia genannt wird. Die zwei gekreuzten Schläger, die sie neben die grün-weiß-schwarze Fahne an die Wand ihres Unterschlupfs gehängt hatten, waren mehr als Zierde: Sie zeigten an, dass die Geheimbündler schon im Krieg wieder Mensuren fochten. Der offizielle Name ihrer Verbindung: Kameradschaft „Tilman Riemenschneider“.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Wehrmachtsangehörigen, die zum Teil Mitglieder der SA und der NSDAP waren, wussten, dass sie Kopf und Kragen riskierten. Korporationen waren an den gleichgeschalteten Universitäten verboten. Ein Schmiss im Gesicht durch eine Mensur war zudem für die Wehrmacht ein Akt der Selbstverstümmelung. Gefochten wurde in Würzburg trotzdem - unter größtmöglicher Geheimhaltung: hauptsächlich nachts; eingeweiht und anwesend war nur die unbedingt nötige Anzahl von Personen; Ort und Zeitpunkt wurden den Beteiligten erst wenige Stunden vorher bekannt gegeben. Keine der Mensuren flog durch die Geheime Staatspolizei auf.

          Warum widersetzten sich die Studenten den Nationalsozialisten? Eine der wenigen, die noch Auskunft geben kann, ist Margarethe Hauenschild, die unter ihrem Mädchennamen Hundertmark im Mai 1943 ein Medizinstudium in Würzburg aufnahm. Sie war mit den fünf Korporierten befreundet. Später heiratete sie einen von ihnen, Ludwig Hauenschild. Von ihm wurde sie auch in den geheimen Corpsbetrieb eingeweiht. Nur manche Details wie etwa zum Mensurenfechten wurden ihr aus Angst vor der Gestapo verschwiegen.

          Der Reiz des Verbotenen

          Eine Mensur zu fechten, das hatte, wie sie sagt, auch den „Reiz des Verbotenen“. Eine viel größere Rolle aber habe die Sehnsucht nach Spaß und Entspannung möglichst weit weg von Krieg und der permanenten nationalsozialistischen Beeinflussung gespielt. Margarethe Hauenschild berichtet von vielen gemeinsamen Fahrradausflügen ins Umland von Würzburg, von improvisierten Feiern im Festsaal des Hauses der Studentenverbindung Walhalla, auf deren Grundstück bis heute die Gartenhütte steht, vom Sonnenbaden im Garten und vom Baden im Main. Es war das Verlangen nach Normalität im Krieg. Die Geheimniskrämerei habe „ungemein zusammengeschweißt“.

          Ludwig Hauenschild, Jahrgang 1919, gehörte zu einer Gruppe von fünf Gleichgesinnten: Richard Barth, geboren 1918 war der Älteste, Gerhard Kerntke und Josef Biesel waren ein Jahr jünger, Jochen Zimmermann war Jahrgang 1921. Alle fünf waren Hitlerjungen gewesen, alle begannen nach dem Abitur 1938 und dem von den Nationalsozialisten vorgeschriebenen Arbeitsdienst ihr Medizinstudium. In Würzburg kamen sie im Wintersemester 1941/1942 in Kontakt mit der Kameradschaft „Tilman Riemenschneider“ im Hause der Walhalla an der Mergentheimer Straße 32-34a. Der katholische Studentenverein (K.St.V.) Walhalla, 1864 gegründet und damit eine der ältesten katholischen Studentenverbindungen Deutschlands, war 1938 verboten und enteignet worden.

          Die Kameradschaften waren eine Idee der Nationalsozialisten gewesen. Mit ihnen wollten sie anfangs nicht nur alle Studenten kasernieren, um sie besser kontrollieren zu können. Sie sollten auch die aufgelösten Studentenverbindungen ersetzen. Aus vielen ehemaligen Verbindungshäusern wurden Kameradschaftshäuser, in denen politische Schulungen stattfanden. Die angehenden Akademiker wurden nicht nur zu mehrmonatigem Arbeitsdienst - etwa im Straßenbau oder in der Landwirtschaft - zwangsverpflichtet, sie mussten zeitweise zum Beispiel auch an wehrsportlichen Aktivitäten der „Sturmabteilung“ (SA) teilnehmen, der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP: Dazu gehörten Kleinkaliberschießen, Marschtraining oder auch Keulenzielwerfen - als Ersatzübung für das Handgranatenwerfen, solange die Wehrpflicht noch verboten war.

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