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Venusbetrachtung : Den Leuten mal was vom Himmel zeigen

  • -Aktualisiert am

„Nur so ein kleiner schwarzer Punkt” Bild: AP

Sonniger Venus-Transit in der Volkssternwarte Frankfurt des Physikalischen Vereins: Schulklassen und Sterninteressierte treffen auf geduldige Berufs- und Hobbyastronomen. Ein kosmischer Feiertag.

          5 Min.

          Susanne Kling streckt sich in weißer Leinenhose und schulterfreiem Top auf der Liege aus, links neben sich Limo in der Kühltasche, rechts die Hochhäuser des Bankenviertels, über sich blitzeblauen Frankfurter Himmel und vor sich Refraktor und Reflektor. Die 26 Jahre alte Groß- und Außenhandelskauffrau hat vom Chef einen Tag Urlaub bekommen.

          Das Sonnenbad nimmt sie auf dem Turm der Volkssternwarte Frankfurt des Physikalischen Vereins, der 154 Jahre älter ist als sie und dessen astronomischem Arbeitskreis sie seit sechs Jahren angehört, zunächst animiert vom sternenbegeisterten Vater, dann begeistert von stellaren Beobachtungsexkursionen in die Alpen und sonstwohin. Die große Sonnenfinsternis im August 1999 hatte sie in Ungarn erlebt. "Damals war ein Baby dabei. Das fing an zu schreien, als es so total finster wurde."

          "Und das ist also die Venus"

          Susanne Kling stört sich nicht an dem Geschiebe der Sternengucker auf der Plattform hoch über der Stadt, im Gegenteil. Sie paßt auf, etwa darauf, daß niemand den Refraktor als Fernrohr ans Auge hebt, obwohl an dem steil zur Sonne weisenden Gerät unten das Warnschild steht: "Lichtstrahl sehr gefährlich! Erblindungsgefahr! Verbrennungsgefahr!"

          Auf dem weißen Stück Pappe am unteren Ende des Rohrs ist zu sehen, warum dort oben an diesem Dienstag so viele Leute herumsteigen und warum Susanne Kling Urlaub hat: Männerfaustgroß zeichnet sich das Sonnenrund ab, mit einem erbsengroßen schwarzen runden Fleck. "Und das ist also die Venus", sagt eine weißhaarige Besucherin. "Ja, das ist die Venus", sagt Susanne Kling. Beim Blick ins Okular des Reflektors, des dicken Fernrohrs nebendran, sieht man das gleiche Bild. Eine glitzernde Spezialfolie über der Öffnung hält Augenschäden für die Betrachter hintan.

          Lebensfrisch in die Okulare linsen

          "Nur so ein kleiner schwarzer Punkt", murmelt ein Mann in Shorts beim Aufblicken. Er scheint etwas enttäuscht von dem Himmelsschauspiel des Venus-Transits, das zuletzt am 6. Dezember 1882 zu sehen war, vor fast 122 Jahren, und das doch in Deutschland erst wieder komplett zu sehen sein wird, wenn das Kalenderblatt des 8. Dezembers 2125 abzureißen ist. Dann gibt es - ein erbsengroßer Fleck der Melancholie auf diesem hellen Sommertag - vermutlich aber keine Kalenderblätter mehr. Jedenfalls werden alle, die jetzt, an diesem Dienstag, so lebensfrisch dort oben auf der Volkssternwarte in die Okulare linsen, verblichen sein.

          Auch die hübsche Rana Abdolmaleki aus Iran mit ihren 21 Jahren, die morgens in den Nachrichten vom Venus-Transit hörte und sich, als dann eine Unterrichtsstunde im Studienkolleg ausfiel, mit Kommilitonen aus Marokko und Ekuador, aus Thailand, Bosnien und Kolumbien zur Sternwarte aufmachte. "Schon sehr interessant", sagt sie fröhlich in dem guten Deutsch, daß sie in ihrer Heimat am Goethe-Institut gelernt hat, als eine Voraussetzung für das Studium der Lebensmittelchemie, welches alsbald an der Goethe-Universität in Frankfurt beginnen soll.

          „Da ist es doch gut zu wissen, was man da eigentlich sieht."

          Constantin Kuhles und Timon Peters, beide vierzehn, beide in Klasse neun des Albert-Einstein-Gymnasiums in Bad Schwalbach, stehen neben der Plattform auf der steilen Wendeltreppe zur Kuppel der Volkssternwarte Schlange, wie ihre knapp 30 Mitschüler aus sechs verschiedenen Klassen, die sich für das Wahlpflichtfach Astronomie entschieden haben. Auch sie wollen einen Venusblick in das Hauptfernrohr des Physikalischen Vereins werfen. Constantin Kuhles: "Man guckt so oft abends in den Sternhimmel. Da ist es doch gut zu wissen, was man da eigentlich sieht." Timon Peters nickt und fügt noch an: "Die Sternbilder kenne ich. Außerdem bin ich Star-Trek-Fan."

          Ihr Lehrer, Studienrat Ulrich Fröseler, hat einst in Frankfurt neben Mathematik und Physik im Nebenfach auch Astronomie studiert. "Einmal im Monat machen die Schüler des Kurses für die ,Schwalbacher Zeitung', ein Anzeigenblatt, den Sternhimmel, komplett mit Zeichnung und Text. Gerade nehme ich den Saturn mit ihnen durch, dieses Jahr folgen noch Uranus, Pluto und Neptun, und in der Klasse zehn gibt's dann Sternphysik, wenn sie in Mathematik die Logarithmen hatten."

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