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Venedig : Wer kann die Lagune retten?

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Venedig ist auf Tourismus angelegt: George Clooney und die britisch-libanesische Juristin Amal Alamuddin zeigen sich nach ihrer Hochzeit bei einer Fahrt mit einem Wassertaxi vor der Kulisse der Lagunenstadt. Bild: AFP

Venedig versinkt in Misswirtschaft. Die Stadt ist auf den Tourismus ausgelegt, die Anliegen der Einheimischen werden nicht berücksichtigt. Die Bürger hoffen nun auf neue Impulse.

          Wenn die Vorstadtzüge am Morgen an Venedigs Hauptbahnhof ankommen, bringen sie vor allem Venezianer aus den Schlafstädten auf dem Festland zur Arbeit in ihre Stadt zurück. Dort sind sie nur noch tagsüber und arbeiten als Kellner und Museumswärter – für die Touristen. Das Gastgewerbe ist das einträglichste Geschäft der Stadt. Allein die Gebühr, die Gäste pro Nacht zahlen, bringt 23,5 Millionen Euro im Jahr ein. Aber die Bürger murren, der Tourismus bringe ihnen wegen der Korruption und der hohen Steuern nichts.

          Im Juni zwang dieser Ärger den Bürgermeister, Jura-Professor Giorgio Orsoni, zum Rücktritt. 2010 soll er für den Kampf um sein Amt 500.000 Euro von dem Konsortium genommen haben, das für das fast vollendete Projekt M.O.S.E. zwischen Meer und Lagune gegen das Hochwasser für 5,5 Milliarden Euro hydraulische Stahlplanken ins Wasser setzt. Gegen mehr als 30 Personen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft wird wegen Korruption, Geldwäsche und Amtsmissbrauchs ermittelt. Ein von Rom eingesetzter Kommissar verwaltet seither die Stadt, die mit etwa 50 Millionen Euro verschuldet ist.

          Nun wollen die Bürger ihr Venedig zurück. Dabei geht es nicht nur um die Bürgermeisterwahl im Frühling 2015, nicht nur um Mängel beim Marketing, durch die das Casino zum Beispiel statt wie vor Jahren 100 Millionen Euro nur noch jährlich 15 Millionen einbringt. Die Bürger schimpfen über „Korruption und Misswirtschaft auf allen Ebenen, die davon leben, dass alles in der Lagune der öffentlichen Hand gehört, von den Stadtbetrieben bis zu den Kanälen der Schifffahrt“. So sagt es die amerikanische Schriftstellerin Donna Leon, die 1981 hierher kam – und in deren Romanen Commissario Guido Brunetti dieses Geflecht zerreißt.

          „Dieser Moloch wird vom Zauber dieser Stadt verhüllt, die in prächtigen Gewändern ihre Geschichte feiert, um der Gegenwart zu entfliehen. Eine täuschende Pracht.“ Donna Leon steht auf der Terrasse des Deutschen Studienzentrums im Palazzo Barbarigo über dem Canal Grande und betrachtet mit gut 150 Gästen der interdisziplinären Einrichtung zur Erforschung von Venedig die „historische Regatta“, bei der Venezianer in nachgeschneiderten Gewändern auf prachtvollen Barken und geschmückten Gondeln den Betrachter in die Glanzzeit Venedigs zurückführen. Aber in diesem Jahr ist die Regatta nicht nur ein Freudenfest. Selbst die zurückhaltenden Familien am Kanal protestieren. Von den Balkons der Paläste herab hängen grüne Stoffe mit der Aufschrift: „Venezia è laguna“ – Lagune und Venedig sind eins. Venedig selbst und nicht mehr die Region und Rom sollten entscheiden, welchen Kurs die Kreuzfahrtschiffe in Zukunft nehmen. Bis vor kurzem durften sie 70 Meter vor San Marco kreuzen, wo die Reisenden huldvoll von den hohen Decks auf den Dogenplatz herab grüßten. Diese Passage führte zu hohem Seegang, überfluteten Plätzen und verpesteter Luft.

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