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Vatikan : „Ein großer Verlust für die ganze Welt“

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In Warschau gedachten Gäubige des Papstes - mit Kreuz aus Birkenästen und Rosenkranz Bild: dpa/dpaweb

Nach dem Tod von Johannes Paul II. haben in Rom die Trauerfeiern begonnen. Politiker in aller Welt würdigten seinen Einsatz für den Frieden und soziale Gerechtigkeit. Am Sonntag zeigte der Vatikan den Leichnam überrraschend der Weltöffentlichkeit.

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          Führende Politiker und Kirchenvertreter in Deutschland und der Welt haben den verstorbenen Papst Johannes Paul II. als historische Persönlichkeit und Streiter für Frieden und Gerechtigkeit gewürdigt. Besonders hervorgehoben wurde sein Beitrag zum Sturz des Kommunismus in Osteuropa und sein Eintreten gegen Krieg.

          Die ganze Nacht und den Sonntag über haben Menschen in Italien, Spanien, Deutschland, der päpstlichen Heimat Polen, in Südamerika oder Asien um das Oberhaupt der katholischen Kirche getrauert. An einem ersten Gedenkgottesdienst auf dem Petersplatz in Rom nahmen bis zu 200.000 Menschen teil. Wenige Stunden nach dem Tod des Papstes hat der Vatikan dessen Leichnam am Sonntag überraschend der Weltöffentlichkeit gezeigt.

          Laternenmasten in Behelfs-Schreine verwandelt

          Tausende von handschriftlichen Kommentaren und bunten Kinderbildern haben die Laternenmasten am Petersplatz in Rom am Sonntag in provisorische Schreine für den am Vorabend verstorbenen Papst Johannes Paul II. verwandelt. „Du bist nicht mehr, wir sind verloren“, stand auf Italienisch auf einem der unzähligen Zettel geschrieben, unterzeichnet mit den Initialen „CS“. Eine andere Notiz auf einer Serviette lautete: „Nun, da du wiederauferstanden bist, bleibst du in unseren Herzen“. Direkt darunter hing ein von Kinderhand gezeichnetes Bild von einem Mädchen namens Katheryne, das den Papst in bunten Gewändern darstellte. Dazu hatte das Kind gekritzelt: „Für Papst, Frieden.“

          Zahlreiche andere Botschaften waren auf Polnisch, Rumänisch, Philippinisch, Russisch oder anderen Sprachen verfaßt. Ronald und Mary Marion aus den Vereinigten Staaten wollten dem verstorbenen Papst mitteilen: „Wir lieben dich sehr, wir vermissen dich“.

          „Einsatz für Frieden und Würde des Menschen“

          Bundespräsident Horst Köhler hat den Tod von Papst Johannes Paul II. als einen großen Verlust für die ganze Welt bezeichnet. „Mit Johannes Paul II. verliert die Katholische Kirche einen großen Papst, einen vorbildlichen Diener seiner Kirche und einen Christen von einzigartiger Glaubwürdigkeit“, schrieb Köhler in einem Beileidstelegramm an den Dekan des Heiligen Kollegiums, Joseph Kardinal Ratzinger. „Sein Einsatz für Frieden und die Würde des Menschen und die Gerechtigkeit hat uns alle beeindruckt“, ergänzte Köhler nach seiner Ankunft in Tokio. Der Pontifex sei für Menschen aus allen Kulturen als Mann des Glaubens zu einer moralischen Instanz geworden. „Seine menschliche Wärme hat fasziniert, seine spirituelle Kraft hat überzeugt. Er war Vorbild für uns alle“, betonte der Bundespräsident.

          Bundeskanzler Gerhard Schröder würdigte den Papst als „hochgeachtetes und geliebtes Oberhaupt der katholischen Kirche“. Der Pontifex habe sich durch „unbedingtes und unermüdliches Eintreten für den Frieden, für Menschenrechte, Solidarität und soziale Gerechtigkeit“, hieß es in einem Kondolenzschreiben Schröders an den Dekan des Kardinalkollegiums, Kardinal Joseph Ratzinger.

          Wesentlicher Beitrag zur Einigung Europas

          Außenminister Joschka Fischer erklärte, der Papst habe sich stets auch aktiv um Konfliktlösungen und die Sicherung des Weltfriedens bemüht: „Seine Verdienste um den friedlichen demokratischen Umbruch in Mittel- und Osteuropa trugen mit zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur Überwindung der Teilung Europas bei“, erklärte Fischer.

          CDU-Vorsitzende Angela Merkel nannte Johannes Paul eine Persönlichkeit, die einen „großen Platz in der Weltgeschichte“ einnehmen werde. „Er hat einen wesentlichen Beitrag zur Überwindung der Diktaturen und des Eisernen Vorhangs quer durch Europa geleistet.“

          Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber nannte den Papst die „überzeugendste und faszinierendste Persönlichkeit unserer Epoche“ und „einen der größten Päpste überhaupt“. „Johannes Paul war ein Pontifex, ein Brückenbauer im wahrsten Sinn des Wortes“, mit dessen Person die Überwindung der Trennung Europas untrennbar verbunden bleiben werde.

          „Unermüdlicher Anwalt für den Frieden“

          Grünen-Chef Reinhard Bütikofer und seine Kollegin Claudia Roth nannten den Papst einen „Kirchenführer, der Türen für Neues öffnete und gleichzeitig Kontroversen provozierte“.

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann würdigte den Verstorbenen als „mutigen Zeugen des Evangeliums, Großen der Weltgeschichte und bleibendes Vorbild nicht nur für die katholischen Christen“. „Seine Entschiedenheit hat viele Mauern zum Einsturz gebracht, unter anderen gewiß auch den Eisernen Vorhang. „Es bleiben Trauer, Dankbarkeit und Treue zu seinem Vermächtnis“, sagte der Kardinal.

          Auch Berliner Muslime trauern

          UN-Generalsekretär Kofi Annan bezeichnete den Papst als einen „unermüdlichen Anwalt für den Frieden“. Der amerikanische Präsident George W. Bush erklärte in Washington, mit dem Papst habe die Welt einen „Verfechter der Freiheit“ verloren. Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der britische Premierminister Tony Blair, Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Queen Elizabeth II. von Großbritannien kondolierten. Vertreter des Buddhismus, des Islams, des Judentums und der russisch-orthodoxen Kirche würdigten den Papst, der sich Zeit seines Lebens für die Verständigung zwischen den Religionen eingesetzt hatte. Mehrere Staaten, darunter Italien, Polen und Kuba, ordneten Staatstrauer an.

          Auch Berliner Muslime trauern um den Tod von Papst Johannes Paul II. Der Verein Inssan für kulturelle Interaktion sagte, gerade den Katholiken in Berlin, mit denen in vielen Kooperationsprojekten zusammengearbeitet werde, wolle der Verein seine Anteilnahme übermitteln. Man denke auch gerne an den unermüdlichen Einsatz des Papstes für ein Ende der Gewalt im Nahen Osten. „Wir hoffen und beten, daß Christen, Muslime und Juden auf diesen Spuren von Papst Johannes Paul II weiter wandeln“, hieß es.

          Beisetzung nicht vor Donnerstag

          Nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. hat in Rom die Serie von Trauerfeiern begonnen. Zehntausende Menschen strömten schon am frühen Sonntag morgen auf den Petersplatz. Dort hat der Kurienkardinal Angelo Sodano am Vormittag eine erste große Gedenkmesse gehalten, an der bis zu 200.000 Gläubige teilgenommen haben sollen.

          Am Montag soll der Leichnam des Kirchenoberhauptes in den Petersdom gebracht und dort aufgebahrt werden. Die Beerdigung sei frühestens für Donnerstag zu erwarten, hieß es in Rom. Den vatikanischen Bestimmungen zufolge muß der Papst vier bis sechs Tage nach seinem Tod beigesetzt werden.

          Die katholische Kirche wird derzeit von einer Kardinalskongregation geleitet, der die höchsten Würdenträger der Kurie angehören. Die Kardinäle werden zum ersten Mal an diesem Montag zusammentreten. Ihre wichtigste Aufgabe: Tag und Stunde der Beerdigung zu bestimmen.

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