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Urzeitpark im Saarland : Die alten Echsen von Landsweiler

Täuschend echt: ein animierter Tyrannosaurus im Park „Gondwana - Das Prähistorium” Bild: Gondwana-Prähistorium

„Gondwana“, ein neuartiger Urzeitpark, soll eine ehemalige Kohlegrube im Saarland aus dem Dornröschenschlaf holen. Doch die Skepsis gegenüber der Mischung aus Museum und Freizeitpark ist so groß wie die Erwartungen.

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          Das Brüllen geht durch Mark und Bein. Wütend hebt das riesige Tier den Kopf, öffnet das Maul mit den dolchscharfen Zähnen und schreit, noch einmal. Der gewaltige Schwanz schlägt wild um sich, da senkt der Tyrannosaurus plötzlich den Kopf und taxiert den Eindringling mit seinen gelben Echsenaugen. Schnell weiter, durch nebelverhangene Urzeitwälder und vorbei an der Lagune von Solnhofen, wo zwei Raptoren kreischend um ihre Beute streiten. Ein paar Meter weiter, in einem Canyon aus dem Perm, rauscht ein Wasserfall. Die Felsschluchten hallen wider vom Geschrei nie gesehener Kreaturen.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Als es später nach draußen geht, vorbei an einem vereisten Wald, etlichen Fossilien und dem Skelett eines Argentinosaurus, könnte der Kontrast nicht größer sein: statt Echsen Autos auf einem weitgehend leeren Parkplatz, statt Urwäldern der Förderturm eines Bergwerks. Die Echsen von Landsweiler-Reden sind Teil eines großen strukturpolitischen Experiments. Wo Mitte Dezember der Gondwana-Park seine Tore öffnete, eine Mischung aus naturgeschichtlichem Museum und Themenpark-Erlebniswelt mit animierten Sauriermodellen, Urzeitlandschaften, einem 3-D-Kino und echten Fossilien, schlug bis vor wenigen Jahren noch eines der schwarzen Herzen des Saarlands.

          Aus der Kohlegrube wird ein „Zukunftsort“

          Im Jahr 1995 wurde die Grube Reden aufgelassen - wie schon so viele in einem Land, das sich langsam von der Kohle löst und gerade sein letztes Bergwerk abwickelt. Über Jahre lag das Gelände brach, bis 2001 die Industriekultur Saar (IKS), eine Gesellschaft des Landes, des Stadtverbands Saarbrücken und der Gemeinde Quierschied, die Immobilien von der RAG Steinkohle AG übernahm - und damit auch die Verantwortung für die ehemaligen Grubenstandorte Göttelborn und Reden. Reden wurde zum „Zukunftsort“, mit einer neuen Geothermieanlage, die das Grubenwasser aus dem Bergwerk zur Wärmegewinnung nutzt, neuen Straßen und Restrukturierungsmaßnahmen, die den Standort für Behörden und Tourismus attraktiv machen sollen.

          Ein verwunschener Eiswald aus einer Kälteperiode
          Ein verwunschener Eiswald aus einer Kälteperiode : Bild: Gondwana-Prähistorium

          Im einstigen Verwaltungsgebäude der Grube siedelten sich unter anderen das Landesdenkmalamt, die Bergbehörde und das Institut für Landeskunde an. Trotzdem blieb die Fläche weitgehend Brachland - bis die IKS 2004 auf den urzeitbegeisterten Dresdner Rechtsanwalt und Investor Matthias Michael Kuhl stieß, der in der Elbestadt einen neuartigen naturhistorischen Park bauen wollte. „Reden? Der Standort ist doch völlig tot“, soll Kuhl damals gesagt haben. Ins Saarland fuhr er trotzdem, ließ Expertisen anfertigen - und sich überzeugen, obwohl auch große Namen wie der Tiergarten Schönbrunn Interesse hatten. Denn ein Autobahnanschluss war vorhanden, die Aussicht auf Sonderfördermittel für die Umwidmung eines ehemaligen Grubengebiets verlockend. Auch gefiel Kuhl das Konzept des „Zukunftsorts“, für den das Land ordentlich Mittel avisiert hatte. Der Deal: Die IKS sorgt für die nötige Infrastruktur, Kuhl für den Park und die Sanierung der Gebäude.

          Die Resonanz ist nicht überwältigend

          Die Erwartungen an das Projekt sind nach gut einjähriger Bauzeit und Investitionen von rund 15 Millionen Euro mindestens so groß wie das Misstrauen: Im strukturschwachen Saarland wird „Gondwana“ als Modell für einen erfolgreichen Übergang vom Montan- ins Erlebniszeitalter dargestellt. 30 Arbeitsplätze wurden geschaffen, von einem „Leuchtturmprojekt“ für die einstige Montanregion schwärmt IKS-Geschäftsführer Karl Kleineberg. Doch viele im Land zweifeln - nicht zuletzt wegen der hohen Vorgaben, die Investor Kuhl an sein Prestigeobjekt stellt. Mindestens 150.000 Besucher pro Jahr braucht der Park, um sich halbwegs zu tragen. Für eine gute Rendite sind 250.000 Besucher nötig, das wären 1000 pro Tag. „Machbar“, meint Kuhl.

          Bislang ist die Resonanz indes nicht überwältigend - am Eröffnungstag im Dezember kamen nur 860 Besucher, an den Tagen danach nur 100 bis 200. Trotzdem glaubt Kuhl an den Erfolg seines Projekts. „Wir hatten in den Wochen nach der Eröffnung teilweise bis zu 1800 Menschen pro Tag im Prähistorium, im Schnitt 700 bis 800.“ Einmal habe man wegen des Ansturms sogar die Öffnungszeiten verlängert. „Ich bin zuversichtlich“, sagt Kuhl, der von einer Anlaufphase „bis in den Sommer hinein“ spricht. Die Zweifel aber bleiben. Der Park ist mit seiner Fläche von 27 Hektar und der nur 8000 Quadratmeter großen Halle recht klein, die Eintrittspreise von 15 Euro für Erwachsene und zehn Euro für Kinder sind nicht gerade niedrig, die Infrastruktur ist noch dünn. Viele halten den geplanten Einzugsradius von zwei Stunden Fahrtweg zudem für utopisch: „Wer kommt schon aus Frankfurt oder Köln für einen so kleinen Park hierher?“

          Eine „Verschleuderung von Steuergeldern“

          Auch über die Rolle des Landes bei der Entstehung des Parks wird bis heute gestritten. Die Landesregierung förderte das Projekt mit 1,9 Millionen Euro, weitere 1,7 Millionen kamen über die IKS indirekt ebenfalls vom Land. Eine „Verschleuderung von Steuergeldern“, kritisiert die Opposition. In Wirklichkeit sei viel mehr Geld geflossen, rechnet der FDP-Vorsitzende Christoph Hartmann vor. Beziehe man die Erschließungskosten für das Areal von mindestens 30 Millionen Euro sowie die jährliche Miete von 1,24 Millionen Euro für die Landesbehörden in dem von Kuhl sanierten Grubengebäude mit ein, die auf 25 Jahre festgelegt ist, komme man auf knapp 68 Millionen Euro: „So eine Subventionierung bekommt sonst niemand. Selbst 35 Millionen wären zu viel. Bei 30 Arbeitsplätzen würde jeder Arbeitsplatz mit einer Million Euro gefördert.“

          So macht vor den Landtagswahlen, die im August anstehen, denn auch das Wort von einem überteuerten „Wahlgeschenk“ des Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU) die Runde. IKS-Geschäftsführer Kleineberg weist die Vorwürfe zurück. „Die Fördermittel waren im normalen Rahmen. Außerdem sind wichtige Landesbehörden wie das Landesdenkmalamt in Reden jetzt endlich vernünftig an einer Stelle untergebracht. Die vorherigen Standorte waren katastrophal.“ Regierungssprecher Thomas Diehl ergänzt: „Das Projekt wurde vom Land im Rahmen der normalen EU-Vorgaben gefördert.“

          Wirbel dank Al Gore

          Den meisten Wirbel bei „Gondwana“ verursachte der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore, den Kuhl als Festredner zur Eröffnung eingeladen hatte. Die angeblich sechsstellige Summe für Gores Kurztrip in die Provinz zahlte Kuhl aus eigener Tasche, wie er beteuert. Aber Gore wollte die Presse von seinem Auftritt aussperren. Erst nach harschen Protesten ließ Gores Management Journalisten zu, für einen Boykott der Eröffnungsfeier durch die Opposition reichte es dennoch. Investor Kuhl kam die Posse gerade recht; medienwirksamer konnte die Eröffnung des Parks kaum begangen werden: Auch die Kritik an überhöhten Fördermitteln vom Land kann Kuhl nicht verstehen - ihm reichen sie im Gegenteil nicht aus. „Was ich hier geschaffen habe, hat Leuchtturmcharakter für die ganze Region.“ Theater, Museen und Stadien bekämen ganz andere Fördermittel. „Und wir sind doch eher ein Museum als ein Freizeitpark.“ Außerdem warte er noch immer auf den Bau einer Brücke durch die IKS, die den Bahnhof Landsweiler mit Gondwana verbinden soll. Auch die Berghalde auf dem Gelände sei noch nicht restrukturiert, obwohl beides schon für Mitte 2007 zugesichert gewesen sei.

          Immerhin, sagt Kuhl, sei das Land schon in Verhandlungen mit neuen Investoren, um das Areal aufzuwerten. Laut IKS-Geschäftsführer Kleineberg laufen Gespräche über den Bau einer „Erlebniswelt Insekten“, eines Kletterzentrums und eines Jugend-Hostels. Auch Kuhl schmiedet längst weitere Pläne: Schon bald soll eine zweite Halle entstehen, in der unter anderem die Entwicklung Südamerikas gezeigt werden soll. Alle zwei Jahre will Kuhl eine neue Attraktion präsentieren - vorausgesetzt, im Frühjahr und im Sommer und überhaupt kommen genug Besucher.

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