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Unwort des Jahres : Von der Journaille zur Lügenpresse

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Auch die Lügenpresse ist für etwas gut: Spartakisten sichern 1919 im Berliner Zeitungsviertel ihre Barrikaden aus Zeitungen und Papierrollen. Bild: Ullstein

Die Lügenpresse ist wieder einmal in aller Munde. Der Schmähbegriff wird immer dann aus der Mottenkiste geholt, wenn es darum geht, der jeweils anderen Seite die Legitimation zu entziehen. Eine kleine Geschichte des Unworts des Jahres 2014.

          Ein altes englisches Sprichwort lautet: „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“ Das galt besonders vor 100 Jahren, als die sich bis aufs Messer bekämpfenden Staaten umgehend an den „Heimatfronten“ Nachrichten ganz unterdrückten, stark schönten oder gleich fälschten – um einerseits die eigene Bevölkerung zu beruhigen und andererseits den „Feind“ auszugrenzen und herabzusetzen, ja Hass gegen ihn zu schüren.

          Schon Ende 1914 erschien ein Buch mit dem Titel: „Der Lügenfeldzug unserer Feinde: Die Lügenpresse“. Der Autor hieß Reinhold Anton, vielleicht ein Pseudonym. Im Jahr darauf legte er nach mit „Aus der Lügenwerkstatt. Der Lügenfeldzug unserer Feinde“, bis dann 1916 das Pamphlet „Die Lügenpresse. Der Lügenfeldzug unserer Feinde: noch eine Gegenüberstellung deutscher und feindlicher Nachrichten“ erschien, das sich mit den Telegrammen der Nachrichtenagenturen über den „Weltkrieg 1914/16“ befasste und dabei stets der eigenen Seite das Monopol auf die Wahrheit bescheinigte.

          Das diffamierende Wort „Lügenpresse“ ist sicherlich damals nicht erst erfunden worden. Außerdem ist zu bedenken, dass antisemitische Wahnideen schon Ende des 19. Jahrhunderts die Wiener Presse ins Visier nahmen. Sie wurde als eine Art Instrument der „jüdischen Weltherrschaft“ attackiert, die wiederum die „deutsche Rasse“ systematisch verdumme. Bei vielen Zeitungen in Wien waren Juden die Eigentümer, Herausgeber oder Redakteure. Ein Schmähbegriff, der übrigens von den Journalisten selbst kam, war „die Journaille“ (in Anlehnung an das französische Wort Kanaille). Kein Geringerer als Karl Kraus brachte es 1902 in Umlauf, und zwar als „Empfehlung“ eines angeblich „geistvollen Mannes“, anlässlich eines gemeinsamen Gesprächs „über die Verwüstung des Staates durch die Presse-Mafia“.

          Darf eine Zeitung beschimpft werden?

          In dem Artikel mit dem Titel „Die Journaille“ provozierte der „Fackel“-Herausgeber mit solchen Fragen: „Darf eine Zeitung beschimpft werden? Darf der einfache Mann aus dem Volke, dem jede Erkenntnis über das Zeitungswesen mangelt, aus der der Herausgeber der ,Fackel‘ aufreizende, zwingende Argumente für Hass und Verachtung gegen die parasitären Zerstörter des Geisteslebens schöpft – darf einer, der ihr Wirken nicht durchschaut, dem aber endlich ein Ahnen die Augen öffnet, dem dumpfen Gefühl von Abscheu und Ekel in einem Schimpfwort den erlösenden Ausdruck geben?“ Während des Weltkriegs und danach verhöhnte Kraus übrigens die deutsche und österreichische Presse, weil sie sich durch „Kriegspressequartiere“ in die Propaganda der Mittelmächte einspannen ließ.

          Nach dem Ende des kaiserlichen Deutschlands wurden die Schmähbegriffe weiterhin benutzt, um die Zeitungen als unpatriotisch hinzustellen, die auf dem Boden der Weimarer Republik standen. Der Begriff „Lügenpresse“ kommt jedoch weder in Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“ noch in seinen Reden direkt vor. In „Mein Kampf“ wetterte Hitler allerdings beispielsweise gegen die „Schmutzpresse“ und gegen die „mit jedem Mittel der Verleumdung und einer wahrhaft balkenbiegenden Lügenvirtuosität arbeitende Tagespresse“, insbesondere die „sozialdemokratischen Presse“. Bei Hitlers Chefpropagandist Joseph Goebbels lässt sich der Begriff „Lügenpresse“ nachweisen in dessen Tagebüchern – so am 18. Januar 1930 und am 20. Dezember 1939, hier bezogen auf die Auslandspresse. Meist bevorzugte Goebbels den Begriff Journaille, auch „jüdische Journaille“ und „Asphaltpresse“.

          Während der Anfänge der Bonner Republik bezeichneten hin und wieder westdeutsche Journalisten die ostdeutschen Medien als „Lügenpresse“. Und in der DDR war gern von der „westlichen Lügenpresse“ die Rede.

          Der Schmähbegriff wird immer dann aus der Mottenkiste geholt, wenn es darum geht, der jeweils anderen Seite die Legitimation zu entziehen. Wer sich selbst im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt, bezichtigt schnell diejenigen, die anderer Auffassung sind, der hinterhältigen Lüge beziehungsweise der Meinungsunterdrückung. Wie lässt Bertolt Brecht in dem nach Kriegsbeginn 1939 verfassten Stück „Leben des Galilei“ den Protagonisten so schön sagen? „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß, und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“

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