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Unwörter : Von Humankapital zu Begrüßungszentren

  • Aktualisiert am

Wer hat „Begrüßungszentrum” gesagt? Bild: picture-alliance / dpa

Die Bekanntgabe der „Unwörter des Jahres“ hat heftige Reaktionen ausgelöst. Die Wahl des Wortes „Humankapital“ empört namhafte deutsche Ökonomen, die des Wortes „Begrüßungszentrum“ den Innenminister.

          Der Frankfurter Germanist Professor Horst Schlosser hat sich und seiner Jury auch dieses Jahr wieder reichlich Unmut zugezogen, als er in der vergangenen Woche das Wort „Humankapital“ als „Unwort des Jahres“ bekanntgab.

          Volks- und Betriebswirtschaft wendeten führende Teile ihres Humankapitals auf, um Schlossers und der Jury Aussage zu kritisieren, das Wort dringe aus der Wirtschaftsfachsprache in den öffentlichen Gebrauch vor und fördere damit die „zunehmend ökonomische Bewertung aller denkbaren Lebensbezüge“. Es degradiere nicht nur Arbeitnehmer in den Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu „nur noch ökonomisch interessanten Größen“.

          Umstrittene „Begrüßungszentren“

          Die Reaktion auf das zweite ausgewählte Unwort „Begrüßungszentren“ zur Bezeichnung von Auffanglagern für afrikanische Flüchtlinge war dann allerdings noch etwas heftiger. Zu Beginn dieser Woche erhielt Schlosser Post aus Berlin: Bundesinnenminister Otto Schily drohte ihm und den übrigen Jury-Mitgliedern eine Vertragsstrafe von je 10000 Euro an, wenn er, Schlosser, weiterhin behaupte, er, Schily, habe im Oktober 2004 beim Treffen der EU-Innenminister in Scheveningen Auffanglager für afrikanische Flüchtlinge als „Begrüßungszentren“ bezeichnet.

          Die Jury ließ daraufhin verlauten: „Unter dem Druck solcher Argumente ziehen wir die Quellenangabe für das zweitplazierte Unwort ,Begrüßungszentrum' zurück.“ Schlosser verwies auf die Quelle der Nennung, die „Frankfurter Rundschau“ vom 3. Oktober 2004.

          Vergeßlicher Berichterstatter

          Am Dienstag dann sagte Schlosser dieser Zeitung, am Morgen habe ihn die „Frankfurter Rundschau“ angerufen und folgendes mitgeteilt: Der Berichterstatter Jörg Reckmann, der damals den fraglichen Bericht verfaßt habe, sei dazu befragt worden, könne sich aber nicht mehr dafür verbürgen, daß Schily den Begriff „Begrüßungszentren“ verwendet oder gar erfunden habe.

          Die Textstelle kann allerdings so gelesen werden, als habe Schily die Sprachregelung ausgegeben, Lager nicht mehr Lager, sondern Begrüßungszentren zu nennen. So las sie denn auch die Jury, so lasen sie auch Leute, die bei der „Unwort“-Suche in ihrer Einsendung das Wort als unwortwürdig angaben. So kam es denn auch, das die Jury Schlossers das Wort als des Bundesinnenministers „sprachliche Verniedlichung“ von Auffanglagern anprangerte.

          „Totengräber der deutschen Volkswirtschaft“

          Schlosser am Dienstag: „Die Nennung ziehen wir nicht zurück, aber die Urheberschaft. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß sich ein Jurist wie Bundesinnenminister Schily damit durchaus in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt fühlen kann. Ob man gleich so mit Kanonen auf Spatzen schießen muß, ist eine andere Frage.“

          Zu den Reaktionen des führenden wirtschaftlichen Humankapitals sagte Schlosser, die Reaktionen zeigten, daß man einen Nerv getroffen habe. Von anderer Seite habe er aber viel Zustimmung erfahren. Wenigstens habe die Jury einen Beitrag geleistet zur Diskussion über die begrenzte Reichweite ökonomischer Theorien. Schlosser ironisch: „Die in der Kritik vorkommende Bezeichnung ,Totengräber der deutschen Volkswirtschaft' lasse ich mir auf die Visitenkarte drucken.“

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