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Universitätsklinik Göttingen : Chirurg fälscht Liste für Organtransplantation

  • -Aktualisiert am

In gut zwei Dutzend Fällen sollen Krankendaten an der Göttinger Uniklinik manipuliert worden sein Bild: dpa

Ein ehemaliger Oberarzt der Göttinger Universitätsklinik steht unter dem Verdacht, in mehr als 20 Fällen Krankendaten manipuliert zu haben. Seine Patienten sollen dadurch schneller Organe erhalten haben.

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          Die Göttinger Universität und die Bundesärztekammer haben am Freitag den Verdacht bestätigt, ein früherer Oberarzt an der Göttinger Universitätsklinik habe mit der Fälschung von Krankenakten dafür gesorgt, dass seine Patienten früher Lebertransplantationen erhalten haben, als es ihnen - bei langen Wartelisten - zugestanden hätte. Der Chirurg, der 2008 von Regensburg - auch dort gab es Vorwürfe gegen ihn - nach Göttingen wechselte, hatte nach Vorwürfen der Bestechlichkeit sein Amt schon verloren.

          Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Mann auch wegen Organhandels, weil er von einem russischen Patienten Geld für eine Spenderleber und eine schnellere Transplantation erhalten haben soll. Der Arzt bestreitet die Vorwürfe. Der Fall weitete sich aus, als es Hinweise darauf gab, dass der 45 Jahre Transplantationschirurg in mindestens 25 Fällen Patientendaten gefälscht habe. Er habe den Gesundheitszustand dieser Patienten auf dem Papier „verschlechtert“ und so erreicht, dass sie bei der Vergabe von Spenderlebern durch die Vermittlungsstelle Eurotransplant im niederländischen Leiden bevorzugt wurden.

          12.000 deutsche Patienten warten auf Organspende

          Derzeit warten in Deutschland etwa 12.000 Patienten auf eine Organspende - die meisten brauchen eine Niere, andere Leber, Herz, Lunge oder Bauchspeicheldrüse. Etwa ein Fünftel der knapp 4000 jährlich verpflanzten Organe sind Lebern. Jeden Tag sterben durchschnittlich drei Personen wegen fehlender Organtransplantate. Der Berliner Medizinrechtler Sebastian Rosenberg - seine Vorschläge flossen ein in das im Mai mit großer Mehrheit beschlossene Gesetz zur Entscheidungslösung im Transplantationsgesetz, das in zehn Tagen in Kraft treten wird - sagte am Freitag, bei einer verbesserten Organisation etwa mit Transplantationsbeauftragten in jedem Krankenhaus mit Intensivstationen könnte man Organmangel vermeiden. Derzeit gelten 1350 Krankenhäuser als für eine Entnahme geeignet; Deutschland gilt bei Transplantationen als „rückständig“.

          Ein Vorstandsmitglied der Göttinger Universitätsklinik, Martin Siess, sagte am Freitag, es sei „unwahrscheinlich“, dass nur eine Person an den Manipulationen beteiligt gewesen sei. Die Deutsche Ärztekammer hatte nach den ersten Vorwürfen in Göttingen eine Ermittlergruppe gebildet, die bei der Sichtung von Krankenakten auf die 25 Verdachtsfälle stieß. Die Hochschule informierte die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Eine Patientenschutzorganisation sprach von einem „erschreckend simplen Trick“, mit dem private Akteure das Transplantationssystem überlistet hätten.

          Die Reihenfolge von Organverpflanzungen beruht auf Richtlinien der Ärztekammer zu Erfolgsaussichten und Dringlichkeit. Eine Prüfungskommission bei der Kammer prüft die Vermittlungsentscheidungen. Mit der Novelle des Gesetzes werden Entnahmekrankenhäuser und Transplantationszentren verpflichtet, alle erforderlichen Auskünfte zu erteilen. Der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation, Hans Lilie, sagte, der Fall sei „unglaublich“, er habe sich nicht vorstellen können, dass ein deutscher Arzt so handele.

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