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Zugunglück von Eschede : „Ich werde mich bei den Opfern entschuldigen“

  • Aktualisiert am

Am 3. Juni 1998 in Eschede: Helfer suchen in den Trümmern des verunglückten ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ nach Überlebenden. Bild: dpa

15 Jahre nach dem Zugunglück von Eschede mit 101 Toten strebt Bahnchef Rüdiger Grube nach Versöhnung mit den Opfern. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er auch über die Gründe des jahrelangen Schweigens.

          Herr Grube, was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie das Wort „Eschede“ hören?

          Das war der schlimmste Bahnunfall in Deutschland überhaupt. Ich habe noch die fürchterlichen Bilder aus dem Fernsehen vor Augen, besonders die völlig zerstörten hinteren Waggons des ICE.

          Inzwischen sind 15 Jahre vergangen. Auch in diesem Jahr wird es am Unfallort zur Unfallzeit wieder eine Gedenkfeier geben. Doch noch nie hat ein Bahnchef dort gesprochen. Was ist schiefgelaufen?

          Das Verhältnis zu den Hinterbliebenen war lange stark belastet. Und das obwohl die Bahn beispielsweise eine materielle Wiedergutmachung geleistet hat, die weit über das hinaus geht, was Opfer in vergleichbaren Unglücksfällen bekommen, etwa nach einem Flugzeugabsturz. Die Bahn hat weit mehr als 30 Millionen Euro Entschädigung gezahlt, für medizinische Behandlungen, für Unterhalt und Ausbildung, Pflege oder Renten. Trotzdem haben sich die Fronten verhärtet. Den Verletzten und Hinterbliebenen hat es nicht gereicht, dass die Bahn schriftlich kondolierte oder öffentlich ihr Bedauern ausdrückte. Sie wollten eine Entschuldigung, und die wollte die Bahn lange Zeit nicht aussprechen.

          Warum?

          Die Position der Bahn hatte zunächst mit dem damals noch andauernden Ermittlungsverfahren zu tun. Von dieser Position kam man dann nicht mehr so einfach weg.

          Aber das Landgericht Lüneburg, das über die strafrechtliche Schuld der Bahningenieure zu urteilen hatte, hat die Verfahren wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung doch schon vor zehn Jahren eingestellt.

          Die Angehörigen haben das wohl als Freispruch zweiter Klasse empfunden. Dabei ist juristisch alles geklärt: Die Radreifen-Technologie war zugelassen und durfte eingesetzt werden. Das ist die rechtliche Seite. Aber ich will betonen: Das Mitgefühl war auf Seiten der Bahn ja auch immer da, das sieht man nicht nur an den Entschädigungen, sondern auch daran, dass wir sieben unserer Kollegen bei dem Unglück verloren haben. In dem Konflikt ging es aber irgendwann immer nur noch um die „Entschuldigung“.

          Bis heute?

          Die Bahn will eine Versöhnung. Ich werde am 3. Juni an der Gedenkfeier in Eschede teilnehmen, zusammen mit Johannes Ludewig, der damals Bahnchef war, der die Unglücksstelle mit eigenen Augen gesehen hat und den das immer noch tief bewegt. Wir werden den neuen Granit-Gedenkstein mit einweihen. Und ich werde mich im Namen der Bahn bei den Opfern und ihren Angehörigen für das entstandene menschliche Leid entschuldigen. Ich bin froh, dass ich das machen darf. Es liegt mir sehr am Herzen.

          Heißt das, die Bahn hegt keine juristischen Bedenken mehr gegen diese Geste?

          Nein. Und selbst wenn, wäre mir diese Geste der Menschlichkeit wichtiger.

          Heilt auch die Zeit die Wunden?

          Das kann ich schwer sagen. Wenn ich mich in jene hinein versetze, die ihre Familie verloren haben, ahne ich, dass die Zeit nicht alle Wunden heilt. Wie auch? Für die Bahn bleibt da nur das Bestreben, mit Respekt, Wertschätzung und Anteilnahme den Dialog fortzuführen.

          „Geste der Menschlichkeit wichtiger als juristische Bedenken“: Bahnchef Rüdiger Grube

          Fahren Sie mit einem bangen Gefühl nach Eschede?

          Ja, es ist schon bedrückend. Für die Angehörigen kommt doch an so einem Tag alles wieder hoch, das ganze Leid. Das mache ich mir durchaus bewusst. Vor der Begegnung mit den Hinterbliebenen habe ich aber keine Angst. Reden hilft, und ich möchte Anteilnahme und Mitgefühl ausdrücken und so die Verhärtungen der Vergangenheit überwinden.

          Ist Eschede auch für die Bahn das, was Psychologen ein systemstörendes Ereignis nennen?

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