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Zugunglück in Spanien : Lokführer verweigert Aussage

  • -Aktualisiert am

Die Strecke von Madrid nach Galicien war dem Lokführer gut bekannt Bild: dpa

Weshalb raste der in Spanien verunglückte Zug mit 190 Kilometern pro Stunde in eine Kurve? Die spanische Eisenbahninfrastruktur-Behörde hat nun den Lokführer dafür verantwortlich gemacht. Bei der Polizei verweigert er bislang die Aussage.

          Der Lokführer des in Spanien verunglückten Schnellzugs hat die Aussage bei der Polizei verweigert. Dies berichteten spanische Medien. Die Polizei hatte Francisco José Garzón bereits unter dem Vorwurf der Fahrlässigkeit im Krankenhaus festgenommen.

          Ihm werde Fahrlässigkeit vorgeworfen, sagte der Chef der Polizei der Autonomen Region Galicien, Jaime Iglesias, am Freitag am Unglücksort in Santiago de Compostela. Garzón werde „einer Straftat in Zusammenhang mit dem Unglück“ beschuldigt.

          Bilder vom Unglücksort zeigten Garzón kurz nach der Entgleisung des Zuges mit einer Platzwunde am Kopf, Blutspritzern auf hellblauem Hemd, erschrockenen Augen und einem Telefon in der Hand. Damit hatte er zuerst die Notrufnummer der Bahn angerufen und den aufgezeichneten Satz ausgesprochen: „Ich sollte 80 fahren, hatte aber 190 drauf.“ Das verbale Geständnis wurde inzwischen von dem Unternehmen Talgo, das den Alvia-Zug einsetzte, zunächst noch informell mit dem Hinweis bestätigt, dass der Schnellzug „mit extremer Geschwindigkeit“ in die enge Kurve vor Santiago de Compostela gefahren sei.

          Garzón ist ein erfahrener Eisenbahner. Seit 30 Jahren ist er im Dienst der spanischen Renfe, seit zehn Jahren als Lokführer. In dieser Funktion musste er jährlich eine Prüfung ablegen. Die Strecke von Madrid nach Galicien war ihm gut bekannt. Offenbar fuhr er gern schnell. Auf seiner Facebook-Seite, die inzwischen geschlossen wurde, fanden die spanischen Medien scherzhafte Einträge aus dem vorigen Jahr, in denen er notierte, dass er manchmal „an die Grenze“ geht und aufpassen müsse, dass er keinen Strafzettel bekomme.

          Was am Donnerstagabend, als 80 Menschen ihr Leben verloren und 130 zum Teil schwer verletzt wurden, genau geschah, wird erst nach der Auswertung der Daten der „Blackbox“ hinreichend klar werden. Inzwischen machte die spanische Eisenbahninfrastruktur-Behörde Adif den Führer verantwortlich. Der Lokführer hätte am Mittwochabend den Bremsvorgang gemäß den Sicherheitsvorschriften schon vier Kilometer vor der Unglücksstelle bei Santiago de Compostela beginnen müssen, erklärte Adif-Präsident Gonzalo Ferre. Alle Sicherheitssysteme hätten funktioniert, aber für den Fall eines Systemausfalls verfüge der Lokführer über einen genauen Plan mit allen Anweisungen, betonte der Behördenchef.

          Auf dem Streckenabschnitt ist nicht, wie auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken des spanischen AVE das Sicherheitssystem ERTMS (European Rail Traffic Management System) installiert, das bei überhöhter Geschwindigkeit automatisch zum Bremsen zwingt. Das ASFA-System für Schnellzüge wie den Alvia aktiviert nur bei mehr als 200 Stundenkilometern eine „Geschwindigkeitsbeeinflussung“. Darunter liegt die Entscheidung bei dem Zugführer.

          Das ASFA-System weist jedoch durch Signale auf die Geschwindigkeitsbegrenzung hin - in diesem Fall 80 Stundenkilometer. Wenn es ordnungsgemäß funktioniert hat, wurde Garzón in der Führungskabine nicht nur elektronisch gewarnt, sondern musste auch einen Knopf drücken, um zu zeigen, dass er die Warnung erhalten hatte. Letzteres, so heißt es, habe er getan. Die Kernfrage des Richters ist also, warum er nicht oder zumindest nicht rechtzeitig gebremst hat.

          Ein Kran hebt die zerstörten Waggons am Donnerstag von den Schienen.

          Das Unglück ist auch ein Fall für die Versicherung. Nach den geltenden europäischen Regeln haben verletzte Reisende das Recht, binnen zwei Wochen eine Entschädigung zu verlangen. Sie kann bis zu 21.000 Euro reichen. Die spanische Renfe ist bei der Allianz versichert, wo angeblich für Todesfälle eine Entschädigung von 36.000 Euro vereinbart wurde. Bei tödlichen Autounfällen werden üblicherweise 120.000 Euro ausbezahlt. In dieser Größenordnung bewegten sich auch die Entschädigungen für die Angehörigen der Opfer des Flugzeugunglücks von Spanair vor fünf Jahren in Madrid, bei dem 154 Menschen umkamen.

          „Menschlicher Irrtum“ lautete dort das Untersuchungsergebnis. Die Flugzeugführer konnten indes nicht mehr persönlich verantwortlich gemacht werden, weil sie bei dem Absturz auf dem Barajas-Flughafen selbst das Leben verloren. Im Fall des Zugführers Garzón ist das anders. Und wie bei der Fluggesellschaft haftet letztlich auch der Arbeitgeber, also die spanische Bahn.

          Inmitten einer von Ministerpräsident Mariano Rajoy angeordneten dreitägigen Staatstrauer und nach einem Kondolenzbesuch von König Juan Carlos und Königin Sofía in Galicien wurden in der spanischen Industrie erste Befürchtungen laut, dass das Unglück lukrative Projekte im Ausland gefährden könnte. Spanische Unternehmen bauen schon mit einem Milliarden-Vertrag eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Mekka und Medina in Saudi-Arabien. Der König selbst hatte dieses Geschäft noch eingefädelt. Die größte Herausforderung sind dort noch die häufigen Sandverwehungen auf den Gleisen.

          Spanien zählt zu den bislang aussichtsreichsten Bewerbern für eine Verbindung zwischen Rio de Janeiro und São Paulo in Brasilien. Hier geht es um einen Zwölf-Milliarden-Euro-Vertrag. Bis Mitte August sollen die Unterlagen eingereicht werden. Die brasilianischen Auftraggeber verlangen angeblich, dass Bewerber versichern müssen, in den vergangenen fünf Jahren keine Unfälle gehabt zu haben. Beim spanischen AVE, mit dem das Projekt zu vergleichen wäre, ist das so. Der zerstörte Alvia wirft aber dennoch einen Schatten auf das Projekt.

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