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Zugunglück in Spanien : Bei den Toten klingelten die Handys

  • -Aktualisiert am

Die Unfallstelle von oben: Kräne heben zerfetzte Waggons von der Strecke. Bild: REUTERS

Nach dem schweren Zugunglück in Santiago de Compostela sitzt der Schock in Spanien tief. Die Ermittler suchen nach den Ursachen der Entgleisung. Fest steht, der Zug fuhr viel zu schnell in eine Kurve.

          Der Schock sitzt tief. Spanien, das zurecht stolz ist auf eines der besten und modernsten Schnellzugnetze der Welt, erlebte in der Nacht zum Donnerstag auf der Strecke von Madrid nach Ferrol die erste große Bahnkatastrophe. Mindestens 80 Menschen kamen ums Leben, als der „Alvia“ mit seinen acht Waggons in einer Kurve entgleiste. Mehr als 170 Fahrgäste wurden zum Teil schwer verletzt.

          Wie einer der zwei Lokomotivführer zugab, fuhr der Zug mit weit überhöhter Geschwindigkeit von 190 Kilometern in der Stunde in die Kurve, in der höchstens 80 Kilometer in der Stunde erlaubt sind. Augenzeugen berichteten von dem Unglücksort, der nur vier Kilometer vor der nächsten Station in der galicischen Hauptstadt Santiago de Compostela liegt, mit apokalyptischen Vergleichen. Mütter versuchten, sich mit ihren Kindern aus dem Wrack zu befreien. Verletzte irrten blutüberströmt durch die Nacht. In den Taschen von Toten klingelten die Handys, als sich erschrockene Angehörige nach der Unglücksnachricht Gewissheit verschaffen wollten.

          Die Waggons wurden auseinandergerissen und zertrümmert. Einer flog 15 Meter weit über eine Begrenzungsmauer. Der Diesel-Strom-Hybridzug mit zwei Lokomotiven verlor einen Motor. Beobachter und Überlebende sprachen von der Wucht eines „Torpedos“, von einem „Feuerball“, einer „gewaltigen Staubwolke“ und ohrenbetäubendem Krachen. Am Donnerstag bargen zwei Kräne die teils noch ineinander verkeilten Wagen und stellten sie auf eine nahe Straße, damit eingeklemmte Opfer geborgen werden konnten. Als die Autopsie der Toten begann, wurde schnell klar, dass in einigen Fällen nur DNA-Proben eine eindeutige Identifizierung zulassen würden.

          Die Bilder einer Überwachungskamera zeigen den Moment des Unglücks. Bilderstrecke

          Das Unglück ereignete sich am Vorabend des Festes des Schutzpatrons Galiciens, des Apostels Jakobus, der nach der Legende in der Kathedrale von Santiago begraben ist. Die Regionalregierung unter Ministerpräsident Alberto Núñez-Feijóo sagte alle für den Donnerstag geplanten Feierlichkeiten ab und ordnete sieben Tage Trauer an. Ministerpräsident Mariano Rajoy, der aus der Region stammt, kam am Mittag an den Unfallort. Beileidsbekundungen kamen aus aller Welt. Papst Franziskus bat von Rio de Janeiro aus, für die Opfer und ihre Angehörigen zu beten. König Juan Carlos sprach den Angehörigen sein Mitgefühl aus.

          Weil das schwerste Zugunglück seit 40 Jahren - am 21. Juli 1972 kamen bei dem Zusammenstoß zweier Züge auf der Strecke Cádiz-Sevilla 80 Personen ums Leben - die Spanier sogleich auch an die islamistischen Terroranschläge im Jahr 2004 in Madrid erinnerte, ordnete das Innenministerium eine rasche Untersuchung an, um ein Attentat ausschließen zu können. Tatsächlich hatten die Urheber des Verbrechens in den Vorortzügen der Hauptstadt am 11. März vor acht Jahren auch einen Anschlag auf einen Hochgeschwindigkeitszug (AVE) geplant. Und in Galicien, wo es kleinere Gruppen militanter Regionalnationalisten gibt, die „Unabhängigkeit“ von Spanien fordern, war es vereinzelt schon zu Sabotage auf AVE-Baustellen zwischen Santiago und La Coruña gekommen.

          In diesem Fall deutete jedoch zunächst nichts auf ein Verbrechen hin. Wahrscheinlich ist vielmehr menschliches oder technisches Versagen. Der am Abend verunglückte Zug sei noch am Morgen einer technischen Inspektion unterzogen worden, sagte der Präsident der staatlichen Bahngesellschaft Renfe, Julio Gómez-Pomar Rodríguez, am Donnerstag dem privaten Radiosender Cadena Cope. Die genaue Unglücksursache soll mit der Auswertung der „Blackbox“ des Zuges, die unterdessen einem Richter ausgehändigt wurde, ermittelt werden.

          Die ersten Aussagen und Telefongespräche der beiden überlebenden Lokomotivführer handelten von überhöhter Geschwindigkeit. Der „Alvia“ nähert sich üblicherweise mit mehr als 200 Kilometern je Stunde der Kurve, vor der Signale die Geschwindigkeitsbegrenzung anzeigen. Ob der Lokomotivführer nicht scharf genug gebremst hat, ein Signal übersehen hat oder eines ausgefallen war, prüfen nun die Fachleute der Bahn.

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