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Zugunglück in Japan : Die Unpünktlichen werden erniedrigt und bestraft

  • -Aktualisiert am

Retter auf dem Weg zur Unglücksstelle Bild: dpa/dpaweb

Auf der Suche nach einer Ursache für das Zugunglück in Japan mit 106 Toten geraten die Eisenbahngesellschaften ins Visier: Denn diese drohen Lokführern schon ab einer Verspätung von 90 Sekunden mit Kündigung oder erniedrigenden Strafen.

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          Als im vergangenen Jahr das vierzigste Jubiläum von Japans Hochgeschwindigkeitszug gefeiert wurde, war man stolz auf die verschwindend kleinen Verspätungen: Durchschnittlich sechs Sekunden auf der viel befahrenen Strecke Tokio-Osaka (vor der Privatisierung 1987 waren es immerhin noch drei Minuten und sechs Sekunden gewesen). Doch jetzt, nach dem schlimmsten Zugunglück seit mehr als vier Jahrzehnten, kristallisiert sich dieser extreme Hang zur Pünktlichkeit als eine der möglichen Unfallursachen heraus.

          Offensichtlich wollte der Lokführer des am Montag in Amagasaki entgleisten Pendlerzuges eine Verspätung von 90 Sekunden wieder wett machen und fuhr mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit in eine Kurve, in welcher der mit 580 Passagieren besetzte Zug entgleiste. Er raste in ein achtstöckiges Wohnhaus. Die Rettungsarbeiten sind inzwischen abgeschlossen, 106 Menschen kamen ums Leben, mehr als 450 wurden verletzt.

          Enormer Druck auf die Lokführer

          Die Eisenbahn-Unternehmen übten einen enormen Druck auf die Lokführer aus, den Fahrplan einzuhalten, klagen Gewerkschaftsvertreter nun öffentlich die Betreiber an. Für JR West, die Gesellschaft des verunglückten Zuges, habe die reibungslose Abwicklung des Verkehrs höchste Priorität, Angestellte würden in Angst versetzt, um den Anordnungen Folge zu leisten, sagte Osamu Yomono, der Vize-Präsident der japanischen Eisenbahngewerkschaft, in Tokio.

          Das Wohnhaus stand direkt an den Gleisen

          Japan ist für seine überaus pünktlichen Züge bekannt, Verspätungen werden hier nicht in Minuten, sondern Sekunden gemessen. Fährt ein Shinkansen-Schnellzug 60 Sekunden nach dem Fahrplan in den Bahnhof ein, wird er schon offiziell als „verspätet“ angezeigt. Lokführer verspäteter Züge müßten eine erniedrigende Prozedur der „Nacherziehung“ erdulden, würden vor Kollegen angeschrien und von Vorgesetzten gedemütigt. Unverhohlen werde ihnen mit Kündigung gedroht, falls ein solcher Fehler nochmals vorkommt, klagen Gewerkschaftler.

          Entwürdigende Disziplinarstrafen

          Ein Lokführer, der an einer Station vorbeigefahren war, mußte wochenlang sechs- bis achtseitige Entschuldigungsschreiben formulieren, sein Versagen begründen und die Unannehmlichkeiten beschreiben, die er verursacht hatte. Ein anderer Delinquent wurde in seiner Uniform, die ihn für alle erkenntlich als Zugführer auswies, an den Bahnsteig verdammt, er mußte jeden vorbeifahrenden Kollegen grüßen, ihnen eine gute Reise wünschen.

          Dieser disziplinierende psychologische Druck habe schon zu Selbstmorden geführt. Der 23 Jahre alte Ryujiro Takami, der Fahrer des Unglückszuges von Amagasaki, sei erst dreizehn Tage vor dem Unfall wegen einer Verspätung gerügt worden, berichteten die Gewerkschaftler. Zuvor hatte Takami, der erst seit elf Monaten Lokführer war, die Stopplinie eines Bahnhofs überfahren. Dieser Fehler unterlief ihm auch am Montag, er mußte den Zug vierzig Meter zurücksetzen und verlor damit 90 Sekunden. Danach raste er mit mehr als 100 Kilometern in der Stunde in eine Kurve, in der höchstens 70 zugelassen sind. „Ich glaube, er wollte unbedingt die verlorene Zeit wieder hereinholen und Strafe entgehen, Angst hinderte ihn, eine rationale Entscheidung zu treffen", sagte Yomono.

          Sicherheit hinter Gewinnstreben

          Takamis Leichnam ist erst am Donnerstag aus der Führerkabine des ersten Waggons geborgen wurde. Eine Hand war noch um den Bremsgriff geklammert. Die Ermittlungen der japanischen Behörden konzentrieren sich auf Takami, doch auch gegen die JR West ist wegen des Verdachts der Fahrlässigkeit ein Verfahren eingeleitet worden.

          In japanischen Medien wird die Privatisierung der Eisenbahngesellschaft hinterfragt, die Vermutung angestellt, unter Kostendruck und Gewinnstreben sei die Sicherheit vernachlässigt worden. “Es fragt sich, ob angesichts des heftigen Wettbewerbs zwischen JR West und privaten Gesellschaften die Frage der Sicherheit noch im Zentrum stand“, schrieb die Tageszeitung Asahi. Boulevardzeitungen machen jetzt sogar Stimmung gegen die von der Regierung Koizumi mit Herzblut angestrengte Privatisierung der Post.

          Sollte der Staat Lokführer ausbilden?

          Das Unglück bei Osaka, das schwerste seit 1963, nährt indessen noch andere Zweifel. Die Zulassung von Flugzeug- und Schiffskapitänen, von Lastwagen- und Busfahrern unterliegt in Japan staatlicher Kontrolle, nicht aber die Lizenzierung von Lokführern. Verkehrsminister Kazuo Kitagawa fragte bereits laut, ob man die Prüfung von Zugführern weiter allein den Eisenbahngesellschaften überlassen könne: „Vielleicht sollte sich der Staat aktiver an der Ausbildung und Prüfung beteiligen".

          Die Kollision des entgleisten Zuges mit einem Appartment-Komplex führt Japanern auch vor Augen, daß es bislang keine Bestimmungen gibt, wie weit der Abstand zwischen Wohnhäusern und Gleisen sein muß. Nicht nur im eng besiedelten Tokio kann man des öfteren aus dem Eisenbahnabteil direkt in ein nur wenige Meter entferntes Büro oder Wohnzimmer blicken.

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