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Zugunglück in Hordorf : Vom Gleis gehoben und zerfetzt

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Trauer am Ort des Geschehens: Neben den Gleisen stehen ein Holzkreuz und Kerzen zum Gedenken an die Opfer Bild: dapd

Am Tag danach fragt sich Hordorf, wie es zu dem Zugunglück mit zehn Toten kommen konnte. Gegen den Lokomotivführer des Güterzuges wird nun ermittelt. Er hat womöglich ein Haltesignal überfahren.

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          Wie konnte es zu dem Zugunglück kommen? Das war am Montag bei vielen Anwohnern von Hordorf und der Umgegend des Ortes in der Magdeburger Börde die beherrschende Frage. Der zerstörte Personenzug wurde zerlegt und abtransportiert. An der Stelle des Zusammenstoßes lagen nur noch wenige Trümmerteile. Bahnarbeiter setzten das Gleis instand. Anwohner hatten ein Holzkreuz errichtet, rote Kerzen brannten. Manager des privaten Eisenbahnunternehmens „Harz-Elbe-Expess“ (Hex) und der französischen Verkehr-Gruppe „Veolia“, zu der es gehört, legten Kränze an der Unglücksstelle nieder.

          Der „Hex“ gehörte der zweigliedrige Triebwagen, der in der Nacht zum Sonntag mit etwa 40 Passagieren von Magdeburg nach Halberstadt unterwegs war, als er auf der eingleisigen Strecke mit einem Güterzug zusammenstieß. Zehn meist junge Menschen kamen ums Leben, 23 weitere wurden zum Teil schwer verletzt - unter ihnen auch vier Ausländer im Alter zwischen 21 und 35 Jahren, zwei aus Georgien und jeweils einer aus Portugal und Brasilien. Zehn Personen wurden am Montag noch in Krankenhäusern behandelt; zwei von ihnen, auch ein zehn Jahre altes Mädchen, sind schwerstverletzt.

          Lokführer auf hinterer Lok

          Gegen den Lokomotivführer des Güterzuges leitete die Staatsanwaltschaft in Magdeburg am Montag ein Ermittlungsverfahren ein. Bundespolizei und Staatsanwaltschaft sprachen, gestützt auf einen Zeugen, in einer Erklärung vom Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung, der fahrlässigen Körperverletzung und der Gefährdung des Zugverkehrs; der Güterzug habe möglicherweise ein Haltesignal überfahren. Mit sicheren Erkenntnissen über Ablauf und Ursache des Unfalls sei jedoch nicht vor Ablauf mehrerer Tage oder gar Wochen zu rechnen. Der Lokomotivführer des Güterzugs schweigt bislang zum Ablauf des Unfalls. Der Einsatzleiter der Bundespolizei, Ralph Krüger, bestätigte, dass es ein Gerücht gebe, wonach der Lokomotivführer auf der hinteren der beiden Lokomotiven an der Spitze des Güterzugs gefunden wurde. Das wäre vorschriftswidrig gewesen.

          Die Ermittler gingen dem Gerücht nach, sagte Krüger. Im Regionalmagazin des MDR-Fernsehens hatte es geheißen, dies könne erklären, warum der 40 Jahre alte Lokomotivführer, der schon am Sonntag aus dem Krankenhaus entlassen wurde, nur Prellungen erlitten habe. Krüger sagte, es sei auch denkbar, dass der Mann sich in Sicherheit gebracht habe, als er den Regionalzug auf sich zukommen sah. Ein Sprecher der Salzgitter AG, für deren Tochtergesellschaft VPS der Güterzug unterwegs war, wies darauf hin, dass es Zugführern verboten sei, sich in der hinteren Lok aufzuhalten.

          Güterzug blieb unbeschädigt

          Der Lokomotivführer hatte demnach schon am Freitag einen Unfall, als er in Wernigerode im Vorharz mit einem Zug unterwegs war: Er zog die Notbremse, als auf einem Bahnübergang ein Lastkraftwagen auf den Gleisen stand, und lief dann nach hinten in ein Abteil. Der Unfall ging glimpflich ab, auch der Lokomotivführer blieb unverletzt.

          Bis zum Freitag ist Trauerbeflaggung auf öffentlichen Gebäuden in Sachsen-Anhalt angeordnet. Innenminister Holger Hövelmann (SPD) sagte, das Unglück von Hordorf habe das ganze Land erschüttert. Die mittlerweile geräumte Unfallstelle blieb vorerst gesperrt. Der 2700 Tonnen schwere Güterzug mit 35 Waggons, der weitgehend unbeschädigt auf dem Gleis stehen geblieben war, wurde abgeschleppt. Der Doppel-Triebwagen war dagegen vom Gleis gehoben und zerfetzt worden.

          Auch am Montagabend waren trotz der Hilfe von Fachleuten des Bundeskriminalamts noch nicht alle Toten identifiziert. Die Identifizierung ist schwierig, weil viele Opfer die Ausweise nicht bei sich trugen und oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurden (siehe Kasten). Identifiziert wurden bislang der Lokomotivführer des Regionalzuges sowie zwei Männer im Alter von 63 und 74 Jahren aus dem Harzvorland.

          Schnelle Hilfe hat Leben gerettet

          Der Fahrgastverband „Pro Bahn“ hat unterdessen die Nachrüstung von Sicherheitssystemen auf allen Bahnstrecken gefordert. Das System der „Punktförmigen Zugbeeinflussung“ (PZB) löst durch Magnete im Gleisbett eine automatische Zwangsbremsung aus, wenn ein Zug ein rotes Haltesignal überfährt. Im Westen Deutschlands ist das System Standard, im Osten aber noch nicht auf allen Strecken eingebaut. Zwischen Magdeburg und Halberstadt ist das PZB erst auf etwa der Hälfte der Strecken eingebaut - auf der eingleisigen Strecke an Hordorf vorbei sollte es im Laufe dieses Jahres installiert werden. Das Bundesverkehrsministerium sieht darin aber kein Versäumnis der Deutschen Bahn als des Netzbetreibers: Das System sei erst bei Geschwindigkeiten von mehr als hundert Kilometern in der Stunde vorgeschrieben. Die Unglücksstrecke im Harz lasse solche Geschwindigkeiten aber ohnehin nicht zu.

          Dass es bei der Wucht des Zusammenstoßes der beiden Züge überhaupt Überlebende gab, wurde von vielen am Montag als „Wunder“ empfunden. Das „Wunder“ ist vermutlich der schnellen Reaktion der Rettungskräfte des Deutschen Roten Kreuzes und des Technischen Hilfswerks zu verdanken, die 30 Minuten nach dem Unfall an Ort und Stelle waren - und der Ersten Hilfe von Anwohnern Hordorfs, die schon vor Eintreffen der Rettungskräfte Verletzte aus den Waggons bargen.

          Die schwierige Identifizierung der Opfer

          Wenn die Opfer von Flugzeugabstürzen oder Zugunfällen identifiziert werden müssen, zieht man oft die Fachleute der „Identifizierungskommission“ (Idko) des Bundeskriminalamts hinzu. Auch nach Sachsen-Anhalt sind nach BKA-Angaben einige Idko-Mitarbeiter gereist. Allerdings haben sie nur beratende Funktion. Sie stehen nun mit den Fachkräften aus Sachsen-Anhalt in Hordorf vor der schwierigen Aufgabe, die oft entstellten Leichname auf ihre Identität hin zu überprüfen. Dazu müssen sie alle verfügbaren Merkmale eines Opfers - Fingerabdrücke, Kleidungsstücke, Schmuck, persönliche Gegenstände - auflisten, die zur Identifizierung beitragen könnten. Ebenso wichtig ist die rechtsmedizinische Begutachtung, um auch besondere äußerliche Merkmale wie Narben oder Tätowierungen festzuhalten. Aber auch Herzschrittmacher oder künstliche Gelenke können wichtige Hinweise auf die Identität eines Opfers sein. Somit werden oft die Krankenakten von Vermissten zur sicheren Identifizierung hinzugezogen. Darüber hinaus sind Zahnstatus und eventuell Gewebeproben, um eine DNA-Analyse vorzunehmen, von großer Bedeutung. Dazu würde man dann Angehörige bitten, zum Beispiel Haare aus der Bürste eines Vermissten, der unter den Toten sein könnte, als Vergleichsprobe zur Verfügung zu stellen. Die Spezialeinheit Idko gibt es seit 1972, als ein Flugzeug auf Teneriffa abgestürzt war. Etwa 140 Mitarbeiter gehören zu der Einheit. Zudem werden bei Einsätzen noch externe Fachleute wie Rechtsmediziner oder Zahnärzte hinzugezogen. Als am 3. Juni 1998 in Eschede ein ICE entgleiste und 101 Menschen ums Leben kamen, konnte die Idko 96 Opfer identifizieren, deren Identität nicht sofort feststellbar war - zumeist über ihren Zahnstatus und einen Fingerabdruckvergleich. Der letzte große Einsatz der Idko nach dem Tsunami 2004 war das Erdbeben auf Haiti vor einem Jahr. Vier Deutsche unter den zahlreichen Todesopfern konnte die Spezialeinheit identifizieren.

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