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Zugunglück : Katastrophe in Bayern – Zahl der Toten steigt auf zehn

Bild: AP

Nach dem schweren Zugunglück bei Bad Aibling in Oberbayern mit zehn Toten haben sich Politiker bestürzt gezeigt – CSU und CDU haben ihre Veranstaltungen zum Politischen Aschermittwoch abgesagt. Warum die zwei Personenzüge frontal aufeinandergestoßen sind, ist unklar.

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          „Es hat bis zu zwei Stunden gedauert, bis die Feuerwehr die Schwerverletzten aus den Trümmern retten konnte“, sagt Thomas Neugebauer, der für das Bayerische Rote Kreuz als einer der Einsatzleiter an der Unglücksstelle ist, im Gespräch mit FAZ.NET. Es seien sehr schwierige Bedingungen gewesen, um zu den verunglückten Zügen zu gelangen. „Der Zufahrtsweg für die Rettungswagen war kaum breiter als ein Fahrradweg.“ Hubschrauber hätten Verletzte, so Neugebauer, mit Seilwinden zu den Krankenwagen fliegen müssen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für die rund 400 Rettungskräfte bietet sich an der Unglücksstelle ein Bild der Verwüstung. Wie zusammengeknüllte Papierzüge liegen die zerstörten Waggons umgekippt neben den Schienen. Stahlfetzen ragen aus den aufgeschlitzten Dächern in die Luft, herausgerissene Sitze liegen im Schotter des Gleisbetts. Ununterbrochen versuchen die Rettungskräfte seit dem frühen Dienstagmorgen zusammen mit der Feuerwehr, zu Verletzten zu gelangen, um sie so schnell wie möglich mit Rettungshubschraubern in Krankenhäuser zu bringen.

          „Der Einsatz läuft sehr ruhig und koordiniert ab“, sagt Neugebauer. Die Rettungskräfte von Bayerischen Roten Kreuz, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Katastrophenschutz hätten routiniert zusammenarbeiten können. Auch die Wasserwacht und die Bergwacht sind im Einsatz. Dazu kommen die Ermittler von Polizei und Bundespolizei. Die Routine habe ihnen allen auch dabei geholfen, zunächst mit den schrecklichen Eindrücken zurecht zukommen. „Die Aufarbeitung der Dinge, die die Retter gesehen, gehört und gerochen haben, kommt später.“ Zum Glück, sagt Neugebauer, seien wegen der bayerischen Faschingsferien keine Schulkinder in dem Zug gewesen. Sonst wären sicher noch mehr Opfer zu beklagen.

          Notfallseelsorger sind vor Ort

          Rund 150 Personen saßen am frühen Morgen in den beiden Nahverkehrszügen, als diese um 6.48 Uhr auf der Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim kollidierten. Neun Todesopfer wurden bislang geborgen, eine Person wird noch vermisst. Vermutlich sei dies ein Lokführer, sagt Neugebauer. Auch der andere Lokführer ist demnach offenbar unter den Todesopfern. 70 Personen wurden leicht verletzt und konnten sich selbst in Sicherheit bringen. Rund 15 Schwerverletzte mussten in umliegende Krankenhäuser gebracht werden, acht Menschen wurden mittelschwer verletzt.

          Rettungswagen in der Nähe der Unglücksstelle in Bad Aibling. Bilderstrecke

          Die Unglücksstelle ist schwer zugänglich, da sie an einer Hangkante liegt, die zu dem kleinen Fluss Mangfall abfällt. Leichtverletzte wurden zunächst an einer Sammelstelle versorgt. Mit Hubschraubern und Booten werden die Verletzten auch zu weiteren Krankenwagen am gegenüberliegenden Ufer gebracht.

          „Alles was Räder hat, ist vor Ort“, sagt ein Sprecher des Kreisverbands Rosenheim des Bayerischen Roten Kreuzes. Alle haupt- und ehrenamtlichen Helfer in der Region seien zusammengezogen worden. Betroffen von dem Unglück waren dutzende Berufspendler, die die Züge der Bayerischen Oberlandbahn tagtäglich frühmorgens nutzen, um nach München zu fahren. Ein großes Team von evangelischen und katholischen Notfallseelsorgern kümmert sich zudem um Leichtverletzte und Menschen, die das Unglück miterlebt haben.

          Die Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim in Oberbayern, auf der das Unglück passierte – wahrscheinlich der schwerwiegendste Zugunfall in Bayern seit 1975 – ist eingleisig. Um 6.48 Uhr waren hier die zwei Züge der Bayerischen Oberlandbahn in einer Kurve zwischen den Bahnhöfen „Kolbermoor“ und „Bad Aibling-Kurpark“ in der Nähe des Klärwerks von Bad Aibling frontal zusammengestoßen. Ein Zug entgleiste, nachdem sich die Triebwagen der beiden Züge ineinander verkeilt hatten. Waggons stürzten von den Schienen. Die Ursache für das Unglück war zunächst unklar.

          Zugsicherungssystem war kürzlich überprüft worden

          Prinzipiell dürfen die Züge an der Stelle mit einer Geschwindigkeit bis 100 Kilometer in der Stunde fahren, wie die Deutsche Bahn erläuterte. Das den Bahnverkehr in Deutschland sichernde Zugsicherungssystem PZB war auf der betroffenen Strecke erst vor rund einer Woche technisch überprüft worden. Dabei habe es keine Probleme gegeben, sagte der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn (DB) für Bayern, Klaus-Dieter Josel, am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Bad Aibling.

          „Was hier schief gelaufen ist in der Abstimmung zwischen den einzelnen Startbahnhöfen, von denen die einzelnen Züge gekommen sind, das muss jetzt näher ermittelt werden“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann am Dienstag in Nürnberg. „Wir wissen nicht, ob nicht noch mehr Tote in den verkeilten Zügen gefunden werden. Das ist wirklich schrecklich.“ Es sei eines der großen Eisenbahnunglücke in der jüngeren Vergangenheit in Deutschland und speziell in Bayern. Nach Herrmanns Angaben hat es auf der eingleisigen Bahnlinie, die vor allem im regionalen Personenverkehr genutzt wird, bisher keine Störungen gegeben. Er verwies zudem auf die Verbesserungen in der Zugsicherungstechnik in den vergangenen Jahrzehnten. Wenn man „geltende Technik“ und „geltende Vorschriften“ betrachte, könne ein solches Unglück, wo sich zwei gegenläufige Züge „auf dem gleichen Gleis“ befänden, eigentlich nicht mehr vorkommen.

          Politiker zeigen sich bestürzt

          Herrmans Partei, die CSU, hat unterdessen ihr traditionelles Treffen zum Politischen Aschermittwoch in Passau abgesagt. „Aus Respekt vor den Opfern des tragischen Zugunglücks findet der Politische Aschermittwoch der CSU  nicht statt“, erklärte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer.

          Auch die CDU hat eine Veranstaltung zum Politischen Aschermittwoch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Mecklenburg-Vorpommern abgesagt. SPD-Chef Sigmar Gabriel hält an seinem Auftritt beim Politischen Aschermittwoch in Rheinland-Pfalz fest.

          Merkel (CDU) erklärte, ihr Mitgefühl gelte vor allem den Familien der Menschen, die bei dem Unglück ihr Leben verloren hätten. „In Gedanken bin ich auch bei den zahlreichen Verletzten, die mit den Folgen des Unglücks ringen.“ Die Kanzlerin dankte den Einsatzkräften aus der Region, die sich unter schweren Bedingungen um die Verunglückten kümmerten. „Ich vertraue darauf, dass die zuständigen Behörden alles daran setzen werden, aufzuklären, wie es zu diesem Unglück kommen konnte“, sagte Merkel. Auch der französische Premierminister Manuel Valls hat Deutschland sein Mitgefühl ausgesprochen. „Emotion nach dem Zugunglück in Bayern“, schrieb Valls am Dienstag auf Twitter. „Solidarität Frankreichs mit den Verletzten, den Angehörigen der Opfer und unseren deutschen Freunden.“

          „Der Unfall ist ein Riesenschock für uns“, sagte auch der Geschäftsführer der Bayerischen Oberlandbahn, Bernd Rosenbusch. „Wir tun alles, um den Reisenden, Angehörigen und Mitarbeitern zu helfen.“ Auch der Chef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, brachte seine Bestürzung zum Ausdruck. Er sprach den Verletzten und Angehörigen der Opfer sein tiefes Mitgefühl aus. „Wir sind tief bestürzt über den Unfall“, sagte Grube laut einer Mitteilung. „Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Toten und bei den Verletzten.“

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