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Zehn Jahre nach Tsunami : Die Akten der Opfer vergammeln

  • -Aktualisiert am

Alle Mühen umsonst: Hier verrotten die Akten der unbekannten Tsunami-Opfer, die später noch zu deren Identifizierung hätten führen können. Bild: Karolin Bauer

Der Tsunami hat 2004 fast 230.000 Menschen das Leben gekostet. Bis heute sind nicht alle Toten der Katastrophe von 2004 identifiziert. Aber Thailand lässt die Erkenntnisse auf dem Friedhof verrotten.

          Das letzte Schwarzweißfoto des weiblichen Körpers offenbart Qual. Das Gesicht der Frau ist zerschlagen, ein Pappzettel an ihren Schal geheftet. Ein Arm und der Unterleib fehlen. Das Foto gehört zu den umfassenden Totenakten, die Fachleute aus aller Welt nach der Katastrophe über Monate angelegt haben, für viele Steuermillionen. Sie arbeiteten in der Hoffnung, die Opfer des vernichtenden Tsunamis vom zweiten Weihnachtstag 2004 eines Tages vielleicht doch noch identifizieren zu können.

          Aber wer die Frau auf dem Foto war, wird man nun wohl nicht mehr herausfinden. Ihre Akte und die vieler hundert weiterer unbekannter Opfer vermodern in einem Haus auf dem internationalen Friedhof für die Tsunami-Toten im südthailändischen Bang Maruan. Sie liegen, verstreut und teils zerfleddert, in einem Hinterzimmer, am Rand des Friedhofs der Namenlosen, für jeden zugänglich.

          Dossiers vermodern zwischen Müll und Ungeziefer

          Zehn Jahre nach der tödlichen Welle, die fast 230.000 Menschenleben rund um den Indischen Ozean forderte, missachtet Thailand die Toten und die Arbeit der Fachleute. Auf dem Friedhof der 388 nicht identifizierten Opfer wucherte bis zum November meterhoch das Gestrüpp über die Grabsteine. „Der Tsunami-Friedhof ist ein trauriges Symbol für Thailands Fähigkeit, die Vergangenheit schnell zu vergessen“, schrieb der Journalist Alan Morison in der Touristenzeitschrift „Phuket Wan“. Seit einigen Tagen sind die Grabsteine freigeschnitten, Gärtner pflanzen Blumen. Daneben, an der Wand aus schwarzem Marmor, sind die Gedenktafeln mit den Namen Vermisster längst abgefallen.

          Professionell: Die Fachleute gingen bei der Identifizierung der Flutopfer nach internationalen Standards vor, aber ihre Arbeit wird in Thailand missachtet.

          Die mühsam zusammengetragenen Dossiers der namenlosen Toten liegen in dem Gebäude der „Friedhofsverwaltung“ auf dem Boden zwischen Druckern, den Verpackungen von Druckerpatronen und anderem Büromüll. Das Papier wird schnell vermodern, weil es keine Klimaanlage gibt, Ungeziefer hat freien Zutritt. „In Deutschland werden solche Datensätze in der Regel bis zu 30 Jahre aufbewahrt“, sagt Attila Höhn. Er hatte sich nach dem Tsunami als junger Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) zur „Idko“ gemeldet. Die Identifizierungskommission der Behörde wurde in die Nähe von Bang Maruan entsandt, in den Küstenort Khao Lak, und sollte möglichst viele der zum Teil furchtbar entstellten Opfer identifizieren und den Familien übergeben.

          Alle Anstrengungen der Fachleute waren umsonst

          In Amerika arbeiten Forensiker bis zum heutigen Tag weiter an der Zuordnung kleinster Körperteile von Opfern der Anschläge am 11. September 2001 auf das World Trade Center. In Thailand aber verrotten die Akten. Insgesamt waren deutsche Beamte, unterstützt von Zahn- und Rechtsmedizinern, rund 14 Monate in Thailand tätig. „Die Identifizierung lief überaus penibel, nach Standards, die von Interpol vorgegeben werden“, erinnert sich Höhn. Selbst die Fotos wurden nach standardisierten Vorgaben gemacht – alles mit dem Ziel, den Opfern womöglich noch nach Jahren ihren Namen zurückgeben zu können. Im Jahr 2006 bestatteten die Helfer die fast 400 Toten in Bang Maruan in Metallsärgen und Betongräbern, versehen mit Mikrochips und einer Identifikationsnummer auf dem Grabstein.

          In den herumliegenden Datensätzen von Bang Maruan finden sich neben den verstörenden Bildern der Leichname auch „primäre Merkmale“ wie Fingerabdrücke, Zahnstatus oder DNA. Auf den folgenden Blättern haben die Beamten „sekundäre Merkmale“ wie Reste von Kleidung oder Schmuckstücke vermerkt. „Das waren riesige Datenmengen“, sagt Höhn. Aber alle Sorgfalt der ausländischen Fachleute in Khao Lak war vergeblich. Die Akten vergammeln. Dabei hatten die Beamten aus dem Westen alles so hinterlassen, dass eine Identifizierung auch noch nach Jahren möglich gewesen wäre. Es finden sich im Chaos der Papiere auch Akten, die der Niederländer Arie de Bruijn unterzeichnet hat, gemeinsam mit einem thailändischen Beamten. De Bruijn ist wie Höhn einer der besten Fachleute der Welt für die Identifizierung von Katastrophenopfern; zuletzt leitete er die Identifizierung der Toten nach dem Abschuss von Flug MH17 in der Ukraine, bei dem viele Niederländer ums Leben kamen. Seine Dokumente in Thailand aus dem Jahr 2006 sind jetzt Makulatur, weil sich nach dem Abzug der teuren Fachkräfte aus dem Ausland niemand mehr um eine ordentliche Archivierung kümmert.

          Putsch-General kündigt sich an für Gedenkfeiern

          Die internationalen Teams, unter ihnen die Deutschen, arbeiteten damals vorwiegend in der nahen Inselhauptstadt Phuket. Dort wurde für den Aufbau eines Koordinationszentrums für den Datenabgleich ein „Management Center“ gemietet. „Insgesamt haben wir Daten von Vermissten aus mehr als 20 Ländern abgeglichen“, berichtet Höhn. „Einige Prozeduren wurden zweimal oder dreimal ausgeführt, um Fehler zu vermeiden.“

          Auf dem Friedhof in Bang Maruan stellen an diesem Tag drei Gärtner Blumentöpfe auf. Den Gräbern der Unbekannten sieht man an, dass sie erst in den vergangenen Tagen wieder freigelegt und mit Blumen geschmückt wurden. Der zehnte Jahrestag des Tsunamis naht heran, General Prayuth Chan-ocha hat sich angesagt, der seit dem Militärputsch am 22. Mai das Land unter Kriegsrecht führt. Die Gedenkfeiern in Khao Lak sollen auch dabei helfen, die Herzen der Touristen wieder zu gewinnen.

          Deren Zahl ist seit dem Putsch und seit dem Mord an einem jungen Touristenpaar am Strand stark gesunken. Der Ministerpräsident kommentierte das Verbrechen im Oktober mit den Worten, die Touristen dächten, „unser Land ist schön und sicher, und deshalb können sie machen, was sie wollen, Bikinis tragen und überall hingehen. Aber können sie sich in Bikinis wirklich sicher fühlen – wenn sie nicht gerade sehr hässlich sind?“ Eine spätere Entschuldigung nutzte Prayuth wenig. So muss nun für Thailand als Ferienziel getrommelt werden. Von den vergammelnden Akten der unbekannten Toten werden die Teilnehmer der Feiern, unter ihnen westliche Diplomaten, nichts zu sehen bekommen.

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