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Alpine Unfälle : Notrufe ohne Notfälle

  • -Aktualisiert am

Tragischer Einsatz: Bergretter nach einem Unfall im August mit mehreren Toten auf der Mannlkarscharte in Österreich. Bild: dpa

Die Zahl der tödlichen Alpin-Unfälle sinkt. Zu schaffen macht den Rettern allerdings die Vollkasko-Mentalität, die viele Bergwanderer an den Tag zu legen scheinen.

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          Der Bergsportler in einem Klettersteig bei Innsbruck erreichte sicherlich den Gipfel der Dreistigkeit. Wegen stechender Schmerzen im Bein und des Verdachts auf einen Muskelfaserriss setzte er einen Notruf ab. Mit einem Hubschrauber wurde er ins Tal gebracht. Dort angekommen erklärte er, dass es ihm nun schon wieder deutlich besser gehe. Statt ins Krankenhaus wolle er mit seinem Sohn nun zu einer Hütte aufsteigen. Die mindestens drei Stunden Gehzeit waren für ihn plötzlich kein Problem mehr.

          Es sind skurrile Geschichten wie diese, die Bergretter zur Genüge erzählen können. Bergwanderer lassen sich wegen Blasen an den Füßen in die Klinik fliegen, werden dort aber mangels medizinischer Notwendigkeit nicht behandelt. Skitourengeher rufen nach dem Hubschrauber, weil sie einen Ski verloren haben und jemanden brauchen, der ihnen bei der Suche hilft, damit sie ihre Tour fortsetzen können.

          Der Anteil der Unverletzten, die einen Notruf absetzen, hat in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen. Laut der Unfallstatistik des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit wurde 2016 schon rund ein Drittel aller Notrufe von nicht verletzten Personen getätigt. „Es gehen heute auch viele in die Berge, die mit echtem Alpinismus nichts am Hut haben“, sagt Peter Veider, der Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung. „Am Berg erwarten sie in einer schwierigen Situation den gleichen Service wie im Tal.“ Wenn diese Bergwanderer dann erschöpft seien oder nicht mehr weiter wollten, würden sie den Hubschrauber rufen. In solchen Fällen startet in Österreich ein Hubschrauber des Innenministeriums. Der Transport ist kostenlos. Noch. Denn es wird mittlerweile laut darüber nachgedacht, einen Selbstbehalt vorzusehen und die Unkosten in Rechnung zu stellen.

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          Die alpinen Vereine befördern mit ihren Versicherungen die Vollkasko-Mentalität zusätzlich. Erst im Juni rettete die Bergwacht Grainau einen 22 Jahre alten Pfälzer aus dem Klettersteig, der durch das Höllental hinauf zur Zugspitze führt. Der Mann war trotz schlechter Witterung aufgestiegen. Auch schien es ihn nicht zu stören, dass die Seile noch unter Schnee lagen. Irgendwann ging es für ihn aber nicht mehr weiter. Sechs Bergwacht-Männer mussten deshalb ausrücken und in der Nacht Verankerungen bauen und ein Fixseil legen. Mit Unterstützung einer Winde brachten sie den Erschöpften schließlich Richtung Gipfel, wo es eine Schutzhütte und eine Seilbahn gibt. Laut Bergwacht hatte der Wetterbericht den jungen Mann nicht gestört. Zudem verwies er auf seine Mitgliedschaft im Deutschen Alpenverein, der im Notfall ja die Bergungskosten übernehme.

          „Ein Einzelfall“, heißt es beim Deutschen Alpenverein (DAV). „So ein Verhalten ist nicht zu akzeptieren. Wir wollen selbständige Bergsteiger, die im größten Notfall die Rettung alarmieren.“ Zumal eine Rettung für einen echten Bergsteiger eine peinliche Angelegenheit sei. Schließlich beweise sie, dass der Bergsteiger etwas falsch gemacht habe. Doch auch der DAV muss zugeben: Die Zahl der von Mitgliedern abgesetzten Notrufe erreichte im vergangenen Jahr einen Höchststand. Immer mehr Menschen würden gerettet, bevor die Lage für sie lebensbedrohlich werde.

          Der Frust über Notrufe ohne Notfälle wächst. Zumal sich die Bergretter bei jedem Einsatz selbst in Gefahr bringen. Erst vor wenigen Monaten kam in Österreich ein Retter ums Leben, der am Tau eines Hubschraubers hing.

          Zudem geht Zeit für echte Notfälle verloren. Und die gibt es zuhauf. Laut dem Österreichischen Kuratorium für Alpine Sicherheit kamen im Sommer in den Bergen der Alpenrepublik 126 Personen ums Leben, rund die Hälfte davon beim Bergwandern. Hauptunfallursachen sind Stürze, Stolpern und Ausgleiten, gefolgt von Herz-Kreislauf-Versagen. Insgesamt verunglückten 1832 Menschen. Die Zahl der Toten lag damit genauso unter dem Durchschnitt wie die Zahl der Notfälle.

          Auch der Deutsche Alpenverein vermeldet weniger Tote. So wenige tödlich verunglückte DAV-Mitglieder bei Bergsportunfällen wie im Jahr 2016 – nämlich 30 – habe es seit Einführung der Aufzeichnungen noch nie gegeben, heißt es in München. Insgesamt waren im vergangenen Jahr 1182 DAV-Mitglieder von Unfällen und Notfällen betroffen. Immer mehr Bergsportler aber überschätzen sich und rufen nach Hilfe, weil sie sich nicht mehr weiter trauen.

          Von einer sogenannten Blockierung konnte bei einer vierköpfigen Gruppe am Rettenbachferner im Tiroler Ötztal keine Rede sein: Sie wollte mit dem Tau geborgen werden, obwohl der Parkplatz gerade einmal eine Stunde entfernt und problemlos zu erreichen war. Die Gruppe geriet aber an den falschen Piloten. Weil kein echter Notfall erkennbar war, entschied er nach Rücksprache mit der Leitstelle, die Bergung nicht auszuführen. Die Bergsteiger mussten zu Fuß zu ihren Autos gehen.

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