https://www.faz.net/-gum-p81a

Wrack der "Steuben" gefunden : Mit Tausenden Flüchtlingen an Bord versenkt

  • -Aktualisiert am

Das Sonarfoto zeigt das Wrack der „Steuben” Bild: dpa/dpaweb

Die polnische Marine hat das seit 1945 vermißte Wrack des Flüchtlingsschiffs „General von Steuben“ auf dem Grund der Ostsee entdeckt. Von den 4.300 Flüchtlingen aus Ostpreußen konnten damals nur 650 Passagiere gerettet werden.

          Am 9. Februar 1945 liegt die "Steuben" im Hafen von Pillau. In der Stadt warten Tausende verwundete Soldaten und Tausende Flüchtlinge auf den Transport nach Westen. Die vorrückenden sowjetischen Truppen haben den Landweg abgeschnitten. An Bord der "Steuben" sind knapp 4300 Personen, neben den 450 Mann Besatzung verwundete Soldaten und etwa tausend Flüchtlinge. Gegen Abend läuft das mit 14690 Bruttoregistertonnen vermessene und 168 Meter lange Schiff aus. Gegen Mitternacht steht die "Steuben" westlich der Stolpe-Bank, einer Untiefe in der Ostsee.

          Das Schiff hat schon die Stelle passiert, an der zehn Tage zuvor die "Wilhelm Gustloff" mit mehr als 5000 Personen an Bord von dem sowjetischen U-Boot S13 mit Torpedos versenkt wurde. Auf der "Steuben" hofft die Besatzung, diesem Schicksal zu entkommen, waren doch nie zuvor so weit westlich sowjetische U-Boote gesehen worden. Aber auf S13 hat Kapitän Alexander Marinesko die "Steuben" schon im Fadenkreuz. Um 0.50 Uhr feuert das sowjetische U-Boot zwei Torpedos auf den Dampfer ab. Beide treffen.

          Erbarmungsloser Überlebenskampf

          Die "Steuben" sinkt in weniger als fünfzehn Minuten. Die Schwerverwundeten an Bord haben keine Chance. Überlebende berichten später, aus dem Unterdeck seien immer wieder Schüsse zu hören gewesen: Soldaten hätten sich gegenseitig erschossen oder Selbstmord begangen, weil sie nicht elend ertrinken wollten. Auf den Treppen zum Deck werden Frauen und Kinder totgetrampelt. Der am Kopf verwundete Soldat Franz Huber wird später berichten: "Es war stockdunkle Nacht und schrecklich kalt. Ich versuchte, die höchste Stelle des Schiffs zu erreichen, in der Hoffnung, dieser Teil würde zuletzt untergehen. Ich saß lange dort im Dunkeln, alleine, und hörte die Schreie auf dem Schiff. Ich hörte sie das Vaterunser beten, mit einer Stimme, wie man sie selten gehört hatte und kaum jemals wieder hören wird." Hunderte springen von dem sich neigenden Schiff in die eiskalte Ostsee. Um die Plätze in den Rettungsinseln in der See bricht ein erbarmungsloser Überlebenskampf aus. Von den 4.300 Menschen an Bord der Steuben werden nur etwa 650 gerettet, die meisten von dem Torpedoboot "T196", das die "Steuben" begleitet.

          Entdeckung bereits im Mai

          Knapp sechzig Jahre später: Ein Schiff des Hydrographischen Büros der polnischen Kriegsmarine in Gdingen (Gdynia), die "Arctowski", führt im Mai 2004 Vermessungsarbeiten auf dem Meeresgrund durch. Laufend überwacht das Büro die Befahrbarkeit der Schiffahrtsrinnen in der Ostsee. Vor der Küste in Höhe des Ortes Ustka (Stolpmünde) entdecken die Forscher plötzlich ein Wrack. Anhand der Größe, des Aussehens und des Zustands schließen sie, daß es sich um die "Steuben" handeln muß. Mit dem modernen Gerät an Bord machen die Mitarbeiter Aufnahmen von dem Wrack. Sie zeigen, daß das Schiff von zwei Torpedos mittschiffs getroffen wurde und auf der Steuerbordseite liegt.

          Die Polen-Ausgabe des Magazins "National Geographic" veröffentlicht in der Juli-Ausgabe einen kurzen Bericht über den Fund der polnischen Kriegsmarine und druckt Bilder von dem Wrack. Der Bericht wird jedoch kaum beachtet. In der deutschsprachigen August-Ausgabe des Magazins wird nun abermals der Fund der "Steuben" nachgezeichnet. Der Pressesprecher des Hydrographischen Instituts, Juliusz Tuszynski, sagt am Freitag, daß es sich bei dem aufgefundenen Wrack tatsächlich um die "Steuben" handele. Endgültige Gewißheit wird erst eine Unterwasser-Untersuchung mit Tauchern bringen, die bislang wegen schlechten Wetters nicht möglich war.

          Topmeldungen

          Zukunft der Koalition : Heißer Herbst

          Die Koalition versucht zur „Halbzeitbilanz“ im Dezember zu retten, was noch zu retten ist. Nun entscheidet auch die Wahl des neuen SPD-Vorsitzenden über ihre Agenda.
          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.