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Interview zu Bahnchaos : „Wo rote Züge fahren, können auch weiße Züge fahren“

Bäume und Äste liegen am Donnerstag in Niedersachsen auf der ICE-Trasse zwischen Hannover und Göttingen. Bild: dpa

War es wirklich nötig, den Fernverkehr am Donnerstag bundesweit einzustellen? „Nein“, sagt Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes „Pro Bahn“. Die Bahn habe für solche Fälle keinen Plan. Ein Interview.

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          Herr Naumann, wie findet Ihr Fahrgastverband „Pro Bahn“, dass die Deutsche Bahn am Donnerstag zum ersten Mal seit elf Jahren den Fernverkehr komplett eingestellt hat?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Für den Kunden ist das keine nachvollziehbare Entscheidung gewesen. Dass man dort den Verkehr einstellen muss, wo eine Gefährdung vorliegt, ist ja völlig klar: im Schwarzwald oder anderen Gebieten, wo wirklich die Bäume über den Schienen liegen. Aber wieso fahren zwischen Hamburg und Hannover beispielsweise Regionalzüge, aber kein Fernverkehr?

          Was ist Ihre Erklärung ?

          Es lässt einfach auf mangelnde Vorsorge schließen, die Bahn hat für solche Fälle nichts in der Schublade. Innerhalb von fünf Minuten kann ich da keinen Plan entwickeln, das muss vorher passieren. Streckensperrungen wird es immer wieder geben. Aber dann braucht man einen Plan B. Wenn ich nur 30 Prozent der Gäste nach Hause bringen kann, ist das besser, als niemanden nach Hause zu bringen. Dass es dafür offenbar kein Konzept gibt, bedauern wir sehr.

          Die Bahn hat gestern zu Ihrer Kritik gesagt, es wäre fahrlässig, die Züge irgendwo fahren zu lassen, wo man noch hin kommt – und dann bleiben Hunderte Fahrgäste auf irgendeinem Bahnhof oder auf freier Strecke hängen.

          Noch mal: Es geht um Strecken, die nachweislich frei waren und auf denen auch Regionalbahnen gefahren sind. Wo ein roter Zug fahren kann, kann doch auch ein weißer fahren. Selbst wenn ein Zug nicht von Frankfurt nach Stuttgart fahren kann, kann man die Gäste, die nach Mannheim wollen, doch dort hinbringen. Da könnten Schnellzüge hin- und herpendeln, dann müsste man auch nicht unzählige Übernachtungen in Hotels bezahlen. Aber das Einfachste ist es eben, nicht zu fahren. Das kann man als Kunde aber nicht verstehen, vor allem wenn dann die Regionalzüge völlig überfüllt sind.

          Macht man es sich mit der Kritik vom Schreibtisch aus nicht etwas einfach, wenn währenddessen Bahnmitarbeiter unter extrem gefährlichen Bedingungen in dunkler Nacht die Strecke frei räumen müssen?

          Das hat damit nichts zu tun. Ich danke jedem Arbeiter für seine Überstunden. Aber dort, wo andere Züge auch fahren, versteht der Kunde nicht, warum er nicht weiter kommt.

          Viele Menschen mussten die Nacht in Turnhallen oder Hotelzügen verbringen. Könnte man das verbessern?

          Da hat sich die Bahn viel Mühe gegeben und in meinen Augen genau das Richtige gemacht – im Rahmen dessen, was möglich war. Es ist klar, dass man nicht 2000 Hotelzimmer in einem kleinen Ort finden kann, oder 2000 Taxis auf einen Schlag bestellt. Die Busse sind auch unterwegs, da haben sie keine Chance, etwas zu organisieren. Und wenn Bäume auf der Strecke liegen, und der Zug steckt in einem Dorf fest, bleibt eben nur die Turnhalle.

          Leere Anzeigentafel am Hauptbahnhof in Dortmund
          Leere Anzeigentafel am Hauptbahnhof in Dortmund : Bild: EPA

          Könnte mehr gemacht werden, um die Strecken von Bäumen freizuhalten?

          Man sollte das Thema Grünschnitt weiter diskutieren. Vater Staat muss jetzt Geld in die Hand nehmen, damit ein vernünftiger Grünschnitt realisiert werden kann. Es geht nicht darum, alles rund um die Schienen Platt zu machen. Aber es gibt gute Konzepte, den sogenannten V-Schnitt zum Beispiel: Da pflanzt man auf den ersten fünf, sechs Metern neben den Schienen niedrig wachsende Pflanzen und erst dahinter die großen Bäume. Die Wahrscheinlichkeit ist dann groß, dass die Büsche die Bäume abfangen. Und trotzdem gibt es einen schönen Lebensraum für die Insekten. Außerdem müssen jetzt Konzepte erarbeitet werden, wie man auf Streckensperrungen reagiert. Auf Autobahnen funktioniert das ja auch. Niemand käme auf die Idee, bei einem Sturm alle Autobahnen zu sperren. Es geht uns ums Augenmaß, nicht um Pauschallösungen.

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