https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/ungluecke/wo-das-sturmtief-antonia-wueten-wird-17820106.html

Orkanartige Böen erwartet : Wo das Sturmtief „Antonia“ wüten wird

  • Aktualisiert am

Potsdam: Ein umgestürzter Baum liegt auf einem Parkweg. Bild: dpa

Beim Durchzug von „Zeynep“ und „Ylenia“ sind mindestens sechs Menschen in Deutschland gestorben. Mit „Antonia“ soll in der Nacht auf Montag ein weiteres Sturmtief teils orkanartige Böen bringen. In NRW stellt die Bahn den Regionalverkehr ein.

          3 Min.

          Wegen des Sturmtiefs „Antonia“ stellt die Deutsche Bahn den Regionalverkehr in Nordrhein-Westfalen am Sonntagabend ein. „Wir schicken ab 20.00 Uhr keine neuen Züge mehr auf die Strecke. Alle, die jetzt noch unterwegs sind, fahren aber natürlich noch bis zu ihrem Zielbahnhof“, sagte eine Bahn-Sprecherin auf Anfrage der dpa. Dies sei eine Vorsichtsmaßnahme, sagte die Sprecherin. Am Montagmorgen sollen S-Bahnen und Regionalzüge dann voraussichtlich den Betrieb wieder aufnehmen. Gestört bleibt vor allem im Norden der Fernverkehr der Deutschen Bahn.

          Da aber mit Sturmschäden zu rechnen sei, müssten am Morgen „umfangreiche Erkundungsfahrten“ erfolgen, wie die Deutsche Bahn weiter mitteilte. Fahrgäste sollten sich daher frühzeitig auf bahn.de oder zuginfo.nrw über ihre Fahrt informieren. Ersatzverkehr könne nicht sichergestellt werden. „Wir empfehlen deshalb dringend, nicht unbedingt notwendige Fahrten zu verschieben“, so die Deutsche Bahn.

          Wetter beruhigt sich erst ab Montagabend

          Nach „Ylenia“ hat zum Wochenende das Orkantief „Zeynep“ für tödliche Unfälle und Millionenschäden gesorgt. Und mit „Antonia“ soll in der Nacht auf Montag ein weiteres Sturmtief vor allem im Nordwesten und Westen teils orkanartige Böen bringen.

          Deutlich beruhigen sollte sich das Wetter nach Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes (DWD) erst ab Montagabend wieder. Für den Durchzug von „Antonia“ von Nordwest nach Südost wurde nicht nur mit Böen mit bis zu 115 Kilometer pro Stunde Windgeschwindigkeit gerechnet, sondern auch kräftigen Schauern und Gewittern. Der DWD gab eine Unwetterwarnung für Teile von Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz aus. Neben Sturmfolgen wie herabstürzenden Dachziegeln seien örtlich Blitzschäden möglich.

          Besondere Gefahr ging zudem von Bäumen aus, wie DWD-Experte Adrian Leyser erklärte: Schon durch die vorangegangenen Stürme in Mitleidenschaft gezogene und in stark aufgeweichtem Boden stehende Bäume könnten leicht umstürzen.

          Vom Sturmflutwarndienst hieß es am Sonntag, dass bis Montag immer wieder mit deutlich erhöhten Wasserständen an der deutschen Nordseeküste sowie im Weser- und Elbegebiet zu rechnen sei.

          Mindestens sechs Tote in Deutschland

          Beim Durchzug von „Zeynep“ und „Ylenia“ waren mindestens sechs Menschen bei Unfällen gestorben. Die beiden Orkantiefs dürften die Versicherer nach ersten Schätzungen mehr als 1,4 Milliarden Euro kosten. „Zeynep“ habe versicherte Schäden von über 900 Millionen Euro verursacht, teilte die auf Versicherungsmathematik spezialisierte Unternehmensberatung Meyerthole Siems Kohlruss (MSK) in Köln mit. Es sei der intensivste Sturm seit „Kyrill“ im Jahr 2007 gewesen. Die versicherten Schäden des Sturms „Ylenia“ schätzte das Unternehmen auf 500 Millionen Euro.

          Es bleibt weiterhin stürmisch.

          Wegen der Räumung umgestürzter Bäume und beschädigter Oberleitungen mussten Bahnreisende auch am Sonntag mit Zugausfällen und Verspätungen rechnen. Bis mindestens Montagnachmittag werde es starke Beeinträchtigungen geben, teilte die DB mit. Es verkehrten keine Fernverkehrszüge zwischen Hamburg und Berlin, Berlin/Hamburg und Rostock/Stralsund, Norddeich Mole/Emden und Köln/Hannover sowie Berlin und Amsterdam, hieß es am Sonntagnachmittag. Eine sichere Prognose zum weiteren Verlauf sei – auch wegen des nahenden weiteren Sturmtiefs – nicht möglich.

          Seit Beginn der Unwetter-Serie am Mittwochabend seien zwischenzeitlich mehr als 6000 Kilometer des Streckennetzes nicht befahrbar gewesen, teilte die Bahn mit. 2000 Mitarbeitende seien seither im Dauereinsatz, noch gebe es auf 874 Kilometer Bahnstrecke Schäden, hieß es am frühen Sonntagnachmittag. „Extrem betroffen ist unter anderem die Bahnstrecke zwischen Hannover und Hamburg. Hier wurden reihenweise Bäume umgemäht und kilometerlange Schäden an den Oberleitungen verzeichnet.“ Vor allem die zweite Sturmwelle habe sich dramatisch ausgewirkt, weil vermehrt Bäume aufgrund der Vorschäden aus dem ersten Sturm auf die Gleise gefallen seien.

          „Es sieht verheerend aus“

          „Zeynep“ hatte Deutschland ab Freitagnachmittag mit Windgeschwindigkeiten von örtlich mehr als 160 Stundenkilometern überquert. Die Feuerwehren zählten Tausende Einsätze, meist wegen umgestürzter Bäume, umherfliegender Gegenstände oder beschädigter Gebäude – allein in Nordrhein-Westfalen rückten sie bis Samstagmittag zu über 12.000 Einsätzen aus.

          In Hamburg gab es am Samstagmorgen erstmals seit 2013 wieder eine sehr schwere Sturmflut mit mehr als 3,5 Metern über dem mittleren Hochwasser. In Bremen stürzte ein 55 Meter großer Baukran in ein im Rohbau befindliches Bürogebäude. „Es sieht verheerend aus“, sagte ein Feuerwehrsprecher. Auch ein vorbeifahrender Laster sei in der Nacht auf Samstag von dem Kran erwischt worden. Der Fahrer sei unverletzt geblieben. In Bad Zwischenahn (Niedersachsen) kippte eine rund neun Meter hohe Fichte auf ein Klinikgebäude. 17 dort untergebrachte Patienten wurden in Sicherheit gebracht. Verletzt wurde niemand.

          Die Nordseeinsel Wangerooge büßte im Sturm etwa 90 Prozent ihres Badestrandes ein. „Auf einer Länge von einem Kilometer gibt es kaum noch Sand“, sagte Wangerooges Inselbürgermeister Marcel Fangohr. Auch auf der ostfriesischen Insel Langeoog wurde der Strand beschädigt. „In Teilen ist gar kein Strand mehr da, die Abbruchkante geht bis zu den Dünen“, sagte Inselbürgermeisterin Heike Horn.

          In London hat der Sturm das Dach der O2-Arena schwer beschädigt.
          In London hat der Sturm das Dach der O2-Arena schwer beschädigt. : Bild: dpa

          Zu den mindestens drei „Zeynep“-Sturmtoten zählte ein 17-Jähriger, der in Hopsten (NRW) als Beifahrer starb. Der Fahrer des Wagens war von der Fahrbahn abgekommen. Ein 56-Jähriger starb bei Altenberge in NRW, als er mit dem Auto gegen einen auf der Fahrbahn liegenden Baum prallte. In der niedersächsischen Gemeinde Wurster Nordseeküste verunglückte ein Mann tödlich, als er während des Sturms das beschädigte Dach eines Stalls reparieren wollte. Der 68-Jährige brach durch das Dach und stürzte rund zehn Meter in die Tiefe. In dem vorherigen Orkantief „Ylenia“ waren mindestens drei Autofahrer in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt bei wetterbedingten Unfällen gestorben.

          Topmeldungen

          Ort der Freiheit? Teilnehmer einer Demonstration gegen den Vortrag der Biologin Vollbrecht in einem Hörsaal der Humboldt-Universität im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften am 2. Juli 2022.

          Humboldt-Uni rudert zurück : Gecancelter Gender-Vortrag wird nachgeholt

          Der gecancelte Geschlechter-Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht wird von der Humboldt Universität nachgeholt. Zur Absage verstrickt sich die Hochschule in Widersprüche. Der „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen“ wähnt sich als Siegerin.
          Kaum zu kriegen: Auf eine neue Rolex müssen Kunden oft mehrere Jahre warten.

          Luxusmarkt für junge Menschen : Bock auf Rolex

          5000 Euro und mehr für eine Uhr: Klassische Luxusuhren gelten bei vielen jungen Menschen als Statussymbol. Daran ändert auch die Smartwatch nichts. Woher rührt der neuerliche Hype?
          Spurensuche vor 100 Jahren an einem Berliner Tatort: Ernst Gennat verfolgt neben der Stenotypistin die Arbeit seiner Ermittler.

          Serienmörder Carl Großmann : Der Schlächter von Berlin

          Mehr als drei Morde gab er nie zu, es könnten jedoch an die 100 gewesen sein. Vor 100 Jahren erhängte sich einer der schlimmsten Serienmörder in der deutschen Kriminalgeschichte. Carl Großmann ist trotzdem fast vergessen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.