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Ministerium räumt Irrtum ein : Die Sonderlichkeiten im Wilke-Skandal

  • -Aktualisiert am

Geheim geschossene Bilder aus der Produktion bei Wilke Wurstwaren zeigen aus dem Darm geschälten Kochschinken, der offen auf einem verdrecktem Rauchwagen liegt. Bild: Waldeckische Landeszeitung

Die Zahl der Todesfälle durch Listerienkeime hatte im Fall des Wurstherstellers Wilke für Verwirrung gesorgt. Sie liegt inzwischen bei drei. Es ist nicht die einzige Merkwürdigkeit in diesem Fall.

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          Priska Hinz demonstrierte am Freitag ihre Tatkraft in einer Angelegenheit, in der sie selbst unter zunehmendem Druck steht. Hessens Umwelt- und Verbraucherschutzministerin von den Grünen machte sich in Darmstadt selbst ein Bild von der hessischen „Taskforce Lebensmittelsicherheit“, die zur Zeit den Rückruf der Wilke-Waren überwacht. Zuvor war bekannt geworden, dass mittlerweile drei Personen „direkt oder indirekt an der Listeriose“ verstorben sind, die mutmaßlich aus Wurstwaren des Unternehmens stammt.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Das hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) in einem Schreiben bekanntgegeben, ohne direkt auf Wilke zu verweisen. Im „Epidemiologischen Bulletin“ des Instituts heißt es, Isolate der Listerien seien mit jenen aus Lebensmitteln eines „nicht näher genannten Betriebs aus Hessen“ verglichen worden. Festgestellt worden sei eine „sehr nahe Verwandtschaft“. Insgesamt sind demnach bundesweit 37 Personen an dem Listerien-Stamm erkrankt.

          Die verstorbenen Personen stammten dem Institut zufolge aus Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt. Zuvor hatte es von dem für Wilke zuständigen Landkreis Waldeck-Frankenberg geheißen, zwei Personen aus Südhessen seien an Listeriose verstorben. Ein „Irrtum“, wie nun eine Sprecherin der Kreisverwaltung sagte. Ihren Angaben zufolge sei die Herkunft der Verstorbenen, die mit dem Listerienstamm in Verbindung gebracht werden, dem Landkreis bis vor kurzem „nicht bekannt“ gewesen, doch hätten „die vorliegenden Informationen“ den Schluss zugelassen, „dass die Todesfälle sich in Hessen zugetragen haben dürften“. Eine Sprecherin des Verbraucherschutzministeriums zeigte sich am Freitag verwundert über die Angaben der Kreisverwaltung. Das RKI habe bis zum Donnerstag schließlich nicht angegeben, woher die Toten stammten, so die Sprecherin.

          Waren mit dem Kennzeichen DEEV 203EG entsorgen

          Es ist nicht die einzige Sonderlichkeit in diesem Fall. In Wilke-Wurstwaren waren wiederholt Listerien nachgewiesen worden. Die Keime können für Menschen mit geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt nun wegen fahrlässiger Tötung gegen den Geschäftsführer des Unternehmens. Fraglich ist, ob das Ministerium und der für die Aufsicht zuständige Kreis rasch genug reagierten.

          Ob beim Landkreis, der für die Überwachung und die Schließung des Betriebs zuständig war, geschlampt worden sei oder nicht, könne sie noch nicht sagen, sagte Hinz am Freitag. „Das maße ich mir nicht an.“ Der Kreis muss nun innerhalb von 14 Tagen einen Bericht über den Fall abgeben. Hinz forderte zudem abermals mehr Befugnisse des Landes. In diesem Fall habe man den Landkreis nur bitten können. „Wir haben auf eine Schließungsverfügung gedrungen“, sagte Hinz. Letztlich zuständig sei aber der Kreis.

          Allerdings hatte das Ministerium in der Angelegenheit selbst zunächst nur mit Verzögerung reagiert. Am 12. August hatte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die Fachabteilung des Ministeriums über eine Datenauswertung des Roland-Koch-Instituts informiert, wonach Wilke-Wurst im Verdacht stand, Listerien zu erhalten. Im Ministerium allerdings blieb das Schreiben acht Tage lang liegen. „Das hätte nicht liegen bleiben dürfen“, sagte eine Sprecherin am Freitag dazu und gestand „Fehler“ des Ministeriums ein. Als Folge würden nun auch „im Haus“ Prozesse untersucht und gegebenenfalls „optimiert“.

          Erst am 20. August hatte das Ministerium den zuständigen Kreis Waldeck-Frankenberg informiert und gebeten, die Nachforschungen des RKI zum Listerien-Ausbruch zu unterstützen. Am 16. September erhielt Hinz’ Ministerium dann Kenntnis von dem Zusammenhang der Listerienfunde mit Krankheits- und Todesfällen. Geschlossen wurden die Firma aber erst am 2. Oktober.

          Der Betrieb hat mittlerweile Insolvenz angemeldet und geht juristisch gegen den Stopp der Produktion vor. An wen genau zuvor Wurstwaren verkauft wurden, ist weiter unklar. Es gibt nach Angaben des Kreises zwar eine Liste der Großkunden, jedoch keine der kompletten Verkaufsstellen der Einzelhändler. Die Präsidentin des Regierungsbezirks Darmstadt, Brigitte Lindscheid, sagte am Freitag, es sei davon auszugehen, dass keine Ware mehr am Markt vorhanden sei. Hinz riet den Verbrauchern dennoch, Waren mit dem Kennzeichen DEEV 203EG zu entsorgen.

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