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Dombaumeister über Notre-Dame : „Das Feuer breitet sich enorm schnell aus“

Nach dem Großbrand sieht die weltberühmte Pariser Kathedrale Notre-Dame am Dienstag wieder ganz friedlich aus, das Ausmaß des Schadens ist aber noch unklar. Bild: EPA

Der Wiener Stephansdom ist 1945 in Flammen aufgegangen. Wolfgang Zehetner, heute Dombaumeister in Wien, spricht im Interview über Parallelen zum Unglück von Notre-Dame, gefährliche Dachstühle und den schwierigen Wiederaufbau.

          Herr Zehetner, wie haben Sie sich gefühlt, als Sie am Montagabend die Bilder von der brennenden Kathedrale Notre-Dame in Paris gesehen haben?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Das war ein ganz tiefer Schock für mich. Notre-Dame ist die Mutter aller Kathedralen und damit auch des Wiener Stephansdoms, für den ich die Verantwortung trage. Dass so etwas heutzutage möglich ist, würde man fast ausschließen. Wir haben in Wien dieses schreckliche Erlebnis im April 1945 gehabt. In den letzten Kriegstagen hat Feuer von den umliegenden Gebäuden auf das Domdach übergegriffen. Da waren die Folgen noch dramatischer, weil am Ende das Gewölbe durch brennende Dachteile durchschlagen wurde und das Feuer auf den Kirchenraum übergegriffen hat. Als ich diesen großen Turm in Paris umstürzen sah, habe ich gefürchtet, dass das auch passiert. Das hat sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet.

          Der Dachstuhl ist ein bekannter Schwachpunkt?

          Natürlich. Das sind hunderte Tonnen brennbares Holz. Wenn da die kritische Temperatur erreicht ist, breitet sich das Feuer enorm schnell aus. Der Wiener Dachstuhl wurde 1942 mit einem Brandschutzmittel imprägniert, das auch in manchen Deutschen Kathedralen genutzt wurde, zum Beispiel beim Naumburger Dom. Das hat allerdings in Wien dazu geführt, dass der Dachstuhl drei Tage lang gebrannt hat, auch weil es keine organisierte Feuerwehr mehr gab. In Paris ist das Dach innerhalb weniger Stunden abgebrannt. Das Brandschutzmittel aus dem Krieg hat jetzt dort, wo die Dächer nicht abgebrannt sind, Spätfolgen: Das Holz löst sich auf und gibt giftige Gase ab, das führt zu großen Sanierungsproblemen.

          Unter anderem der amerikanische Präsident Trump hat auf Twitter am Montagabend angeregt, dass man den Brand großflächig mit Wasser aus Hubschraubern löschen solle. Wäre das eine gute Idee gewesen?

          Ich wäre da sehr skeptisch, das wäre eher kontraproduktiv. Wenn sehr heiße Gewölbefelder ganz plötzlich abgekühlt werden, kann das zu einem Einsturz führen. Manchmal ist der Schaden durch das Wasser nach einem Brand größer als durch das Feuer. Man kann über so einer Riesenflamme nicht ganz präzise mit dem Hubschrauber stehen und metergenau löschen.

          In Wien und zum Beispiel auch in Köln ist der Dachstuhl heute aus Stahl. Warum wurde früher Holz genutzt?

          Das war die einzige Methode, die es im Mittelalter gab. Da hat man ganze Wälder verbaut. Im Stephansdom zum Beispiel 1200 Tonnen Lärchenholz. Der Kölner Dom wurde im Neunzehnten Jahrhundert mit einem Stahldachstuhl fertig gebaut, in Wien wurde das nach dem Brand 1945 genauso gemacht. Die Türme sind also nicht unmittelbar brennbar, deswegen könnte so etwas wie in Paris nicht passieren. Andererseits kann Stahl einknicken, wenn eine bestimmte Temperatur erreicht ist. Ist genug brennbares Material in der Nähe, kann ein Stahldachstuhl sehr gefährlich werden: Man hat keine Zeit, die Kirche zu evakuieren, sondern der Turm kollabiert plötzlich.

          Das Gewölbe ist durch Flammen relativ schwer zu beschädigen?

          Der Stein brennt nicht. Aber die Gotik ist bekannt dafür, dass sie damals an die Grenzen der Statik gegangen ist. Die Pfeiler sind zum Beispiel nicht bis zum Kern aus Quadern, sondern oft gefüllt mit Schotter oder Bauschutt. Durch die extreme Hitze kann sich der Stein so ausdehnen, dass Teile abspringen, die Füllung austritt und das ganze Gebäude einstürzt, auch wenn es unten gar nicht brennt.

          Die Brandursache in Paris ist noch unklar, aber es ist davon die Rede, dass sich bei Renovierungsarbeiten etwas entzündet haben könnte. Kann das sein?

          Ja, das Dach besteht nicht nur aus den Hauptdachflächen, sondern auch aus vielen verschachtelten Baukonstruktionsteilen, die man abdichten muss. Und dabei wird mit Flammen gearbeitet. Die Notre-Dame-Kathedrale ist 130 Meter lang, die umlaufenden Dachrinnen wahrscheinlich einen Kilometer. Wenn da irgendwas noch heiß ist, kann das schnell gefährlich werden.

          Wie groß ist das Ausmaß der Zerstörung in Paris jetzt?

          Auf der Grundlage von unseren Analysen des Brandes in Wien von 1945 war ich mir relativ sicher, dass die Steinkonstruktion nicht zerstört wird. Das hat sich Gott sei Dank als richtig herausgestellt. Das Dach ist oben, die Hitze steigt nach oben, deswegen kann man hoffen, dass das Gros der Konstruktion stabil ist. Aber zum Beispiel an den Stellen, wo die Türme ans Dach anschließen, sind die Steine bestimmt massiv geschädigt. Ab einer bestimmten Hitze verliert der Stein seine Druckfestigkeit und muss ausgewechselt werden. Das ist in Wien über Jahrzehnte geschehen.

          Wolfgang Zehetner ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Dombaumeister der Domkirche St. Stephan zu Wien.

          Wie lang hat der Wiederaufbau dort gedauert?

          Da gibt es mehrere Daten. 1946 wurde ein Betondecke über dem Gewölbe eingezogen, 1949 war das Dach wieder zu. 1952 konnte der Innenraum wieder komplett genutzt werden. Aber eine Teilnutzung war schon 1945 möglich. Ich weiß, dass es sehr exakte Pläne vom Bestand der Kathedrale Notre-Dame gibt, auch dreidimensionale, eine Rekonstruktion sollte möglich sein. Für mich wäre es allerdings eine Horrorvision, wenn da jetzt Teile aus dem 3D-Drucker verbaut werden. Das ist nicht mehr das Gleiche, auch wenn es von der Ferne so aussieht. Alles wieder von Hand herzustellen, ist sicherlich nicht einfach. Ich bin Vorsitzender der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister, wir überlegen, wie wir den Wiederaufbau mit unseren Fachleuten unterstützen können.

          Es ist viel von der Krise der Kirche die Rede. Hat es Sie überrascht, wie emotional Menschen auf der ganzen Welt jetzt auf den Brand reagiert haben?

          Es hat mich schon gerührt. 1945 war eine andere Zeit, aber da konnte man das auch beobachten. Es gab Mütter, die drei Söhne im Krieg verloren hatten und sagten, dass der größte Schock der Brand des Domes gewesen sei. Es ist doch ein Teil der Identität, der in so einer durch viele Jahrhunderte von vielen Generationen immer wieder aufgesuchten Stätte steckt. Die wird im Stein gespeichert.

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