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Anhaltende Dürre : Madagaskar droht eine Hungersnot

Madagaskar, Ambovombe: In einer Hand liegen einige wenige Wassermelonenkerne. Die Samen werden in der Not geröstet, um den größten Appetit zu zügeln. Bild: dpa

Die Bevölkerung in Madagaskar ist größtenteils von der Landwirtschaft abhängig – und es hat seit Jahren kaum Regen gegeben. Nun sind mehr als eine Million Menschen von einer Hungersnot bedroht.

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          Drei Jahre ohne Regen: Der Süden von Madagaskar wird von der schwersten Dürre seit 40 Jahren heimgesucht. Das allein ist eine Katastrophe für die fast ganz von der Landwirtschaft abhängige Bevölkerung. In diesem Jahr kommt auch noch die Corona-Pandemie hinzu. Während es früher wenigstens saisonale Jobs im Tourismus und anderen Branchen gab, fehlen jetzt auch diese Einkommensmöglichkeiten für die Bevölkerung.

          Claudia Bröll
          Freie Afrika-Korrespondentin mit Sitz in Kapstadt.

          Die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen warnen vor einer Hungersnot. Mehr als eine Million Menschen im Süden Madagaskars seien von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, 14.000 befänden sich in einer katastrophalen Situation, der höchsten von fünf Krisenstufen, heißt es in einem neuen Bericht des World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen. „Wenn nicht schnell etwas passiert, wird sich diese Zahl während der nächsten mageren Erntesaison von Oktober an verdoppeln.“

          Ärzte ohne Grenzen ist seit Ende März im Amboasary-Distrikt, der am schlimmsten betroffenen Region, im Einsatz. Mehr als 12.000 Menschen seien bisher in mobilen Kliniken an verschiedenen Orten gesehen worden, sagt Djann Jutzeler, Sprecher der Organisation, der F.A.Z. von Amboasary aus. Etwa jeder Fünfte sei unterernährt, überwiegend Kinder im Alter unter fünf Jahren. Ganze Familien kämen bei den Kliniken an, meist seien sie vollkommen erschöpft nach stundenlangen Fußmärschen. Sie erhielten zunächst therapeutische Nahrung aus Erdnussbutter-Paste – doch das ist nur eine erste Nothilfe.

          Tagesmärsche, um Wasser zu finden

          Um Wasser zu finden, müssen die Bewohner des Distrikts weite Entfernungen zurücklegen, oft sind sie von Morgengrauen bis zum Abend unterwegs. Sie trinken das Wasser aus Flüssen, graben teils im sandigen Boden nach Quellen, aber oft ohne Erfolg. Wegen der schlechten Wasserqualität ist laut Jutzeler bereits eine Zunahme von Durchfallerkrankungen und anderen Krankheiten festzustellen, die durch Parasiten hervorgerufen werden. Ärzte ohne Grenzen betreibt derzeit zwei mobile Kliniken an neun wechselnden Orten. Da sich kein schnelles Ende der Krise abzeichnet, plant die Organisation, ihr Einsatzgebiet auszuweiten.

          Madagaskar zählt zu den ärmsten Ländern in Afrika. Etwa 90 Prozent der 26 Millionen Einwohner leben von weniger als zwei Dollar am Tag. Fast die Hälfte der Kinder leidet an chronischer Unterernährung und ist daher unterentwickelt. Das ist laut Weltbank die vierthöchste Quote auf der Welt.

          Normalerweise säen die Kleinbauern im Süden der Insel im November, vor der Regenperiode. Doch in den vergangenen Jahren fiel so wenig Regen, dass die Saat nicht keimte und in der Erde vertrocknete. Sonst gedeihen in dem Distrikt Süßkartoffeln, Maniok, Mais oder Reis. Doch im Juni und September fallen mit Sicherheit viele Ernten komplett aus. Das WFP erwartet einen Rückgang der Erträge um mehr als die Hälfte gegenüber dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre, und schon dieser war nicht üppig.

          Seit einem Jahr nur Feigenkaktus als Nahrung

          Seit jeher sind die sauren Früchte des Feigenkaktus in Dürrezeiten eine Rettung. Manche Bewohner im Süden der Insel essen seit mehr als einem Jahr nichts anderes, wie die Organisation Catholic Relief Fund berichtet. Normalerweise sind die Kakteen überall zu finden, in besseren Zeiten verfüttern die Bauern die Früchte an ihr Vieh. Doch diesmal sind selbst die dürreresistenten Kakteen rar. Seit Dezember fegen auch noch heftige Sandstürme über die Region. Sie verwandeln weite Flächen in kürzester Zeit in Mondlandschaften.

          Der Ausfall der Ernten ist jetzt schon auf den Märkten unübersehbar. Die Preise sind rasant gestiegen. Wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen schreibt, haben sich Reis und Maniok um 26 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor verteuert. Mais kostet doppelt so viel. Die Hilfsorganisationen versuchen jetzt mit Bargeldtransfers, Lebensmitteln, Wasser, landwirtschaftlichen Betriebsmitteln und Saatgut zu helfen, arbeiten mit den lokalen Institutionen zusammen. Doch vom madagassischen Staat seien wenige Hilfen zu erwarten, schreibt die FAO. Die Budgets der Ministerien wurden in der ersten Infektionswelle umgelenkt. „Der nationale Gesundheitsnotstand wegen Corona hat andere regionale Anliegen in den Hintergrund gedrängt.“

          Klimawandel trifft Madagaskar besonders schlimm

          Auch mit Blick auf Umwelt und Klima ist die Dürre verheerend. Madagaskar gehört schon jetzt zu den Ländern in Afrika, die der Klimawandel am schlimmsten treffen wird. Gleichzeitig werden seit Jahren große Waldflächen auf der Insel abgeholzt. Die daraus resultierende Bodenerosion ist auf Satellitenaufnahmen deutlich zu sehen. Man spricht von einem „blutenden Madagaskar“, weil die abgetragene Erde die Flüsse rot färbt. Nach den Ernteausfällen und mangels anderer Einnahmequellen ziehen jetzt viele Anwohner im Süden der Insel mit Äxten los, um Brennholz zu hacken. Es ist für manche das Letzte, was sie noch verkaufen können.

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