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Bissiger Hund : Wie die Stadt Hannover im Fall Chico versagt hat

Nach der Tat verhaltensunauffällig: Staffordshire-Terrier-Mischling Chico im Tierheim Hannover. Bild: dpa

Der Staffordshire-Terrier Chico hätte seinen Haltern eigentlich schon vor Jahren entzogen werden müssen. Stattdessen biss er sie später tot. Der Anwalt der Hinterbliebenen prüft jetzt mögliche Ansprüche seiner Mandanten gegen die Behörden.

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          Die Debatte über sogenannte Kampfhunde hätte kaum auf grausamere Weise befeuert werden können. Im hessischen Bad König ist ein sieben Monate alter Säugling nach einem Biss des Hundes der Familie gestorben, wie die Polizei am Dienstag mitteilte. Der Hund – nach Einschätzung der Behörden vermutlich ein Staffordshire-Terrier-Mischling – hatte den Jungen am Montag aus ungeklärter Ursache in den Kopf gebissen. Der junge Vater alarmierte sofort die Rettungskräfte, und sein Sohn wirkte in der Klinik zunächst auch stabil. Später jedoch verstarb das Kind. Der Hund wurde in ein Tierheim gebracht, wo er sich weiter aggressiv verhalten haben soll.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Erst in der vergangenen Woche war es zu einem tödlichen Angriff durch einen Staffordshire-Terrier gekommen. In Hannover hatte ein rund acht Jahre alter Hund namens Chico seine eigenen Halter, einen 27 Jahre alten Mann und dessen 52 Jahre alte Mutter in ihrer Wohnung totgebissen. Die niedersächsische Landeshauptstadt hat mittlerweile zugegeben, dass ihrer zuständigen Behörde in dem Fall vor Jahren ein massiver Fehler unterlaufen ist. Im März 2011 war das Veterinäramt konkret auf die Gefährlichkeit des Tieres hingewiesen worden. Das Diakonische Werk, das damals die Betreuung der Familie wahrnahm, bat eine Hundetrainerin, sich Chico anzusehen.

          Die Trainerin erinnert sich nach einem Bericht der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“, dass damals ein Mitarbeiter der Diakonie gemeinsam mit dem Hund und dem Sohn zu ihr gekommen sei, der allerdings widerwillig auf sie wirkte. Der Hund habe einen sehr aggressiven Eindruck gemacht. Ihre Empfehlung lautete deshalb, den Hund nur noch mit kurzer Leine und Maulkorb zu führen und ihn rasch dem Veterinäramt vorzustellen. Das Vormundschaftsgericht sandte diesen Ratschlag zusammen mit einer Stellungnahme der zuständigen Betreuerin und einem psychiatrischen Gutachten über den Halter an das Veterinäramt der Stadt. Die Behörde forderte den Halter dann auch dazu auf, mit dem Hund vorstellig zu werden. Dem kam der Sohn nicht nach – die Behörde aber blieb tatenlos. Warum, kann sich Ordnungsdezernent Axel von der Ohe bis heute nicht erklären. Er spricht von einem „gravierenden Versäumnis“, denn es könne „mit Sicherheit“ davon ausgegangen werden, dass bei einem korrektem Arbeitsablauf „dem Halter das Halten des Hundes untersagt worden und ihm dieser entzogen worden wäre“.

          Mit Chico völlig überfordert

          Auch viele Anwohner hatten den Eindruck, dass der von gesundheitlichen Problemen schwer gezeichnete Halter mit Chico völlig überfordert war. Das Leben des jungen Mannes hatte ebenso wie das seiner Mutter einen tragischen Verlauf. Die aus dem Kosovo stammende Mutter war 2005 mit ihren Sohn und den drei jüngeren Töchtern aus dem Allgäu nach Hannover gekommen. Auf der Flucht vor ihrem früheren Mann suchte sie dort zunächst in einem Frauenhaus Schutz. Nach Niedersachsen kam sie wohl auch, weil ihr an Leukämie erkrankter Sohn zwei Jahre zuvor in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), einem großen Zentrum für Transplantationsmedizin, eine neue Lunge bekommen hatte und dort auch weiter in Behandlung war. Davon allerdings wusste auch der Vater. Er lauerte der Mutter in der Nähe auf und schlug mit einem Beil auf ihren Kopf ein. Die Frau saß seither schwerbehindert im Rollstuhl. Der Mann wurde vom Landgericht Hannover zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er kam allerdings bereits 2012 frei. Es gibt Spekulationen, nach denen die Anschaffung von Chico im Zusammenhang mit der bevorstehenden Entlassung des brutalen früheren Mannes gestanden haben könnte. Rechtsanwalt Andreas Hüttl, der die drei Töchter der Frau vertritt, will dies aber nicht bestätigen. Der Hund sei „sicherlich nicht“ vorrangig aus Angst vor dem früheren Ehemann angeschafft worden.

          Wohnsiedlung in Hannover: Hier biss Chico seine beiden Besitzer tot.
          Wohnsiedlung in Hannover: Hier biss Chico seine beiden Besitzer tot. : Bild: dpa

          Mit Blick auf das Versäumnis der Stadt Hannover sagte der Anwalt, dass er mögliche Ansprüche seiner Mandanten gegen die Behörden prüfe. Hüttl kritisierte auch, dass die Stadt die Hinterbliebenen bislang weder kontaktiert habe noch bei der Klärung des weiteren Schicksals von Chico einbezogen habe. „Formaljuristisch ist der Hund als Sache zu behandeln und damit Teil der Erbmasse“, sagte Hüttl. Die Stadt Hannover hatte zunächst die zeitnahe Einschläferung des Hundes angekündigt. Das führte allerdings zu erheblichen Protesten. Eine Online-Petition gegen die Einschläferung des Tieres haben inzwischen mehr als 250.000 Personen unterzeichnet. Zudem gab es eine Demonstration vor dem Veterinäramt der Stadt Hannover sowie womöglich einen Versuch, Chico zu befreien. Am Tierheim Langenhagen, in das der Hund nach der Tat verbracht worden ist, wurden Einbruchsspuren gefunden. Das Tierheim, das sich wegen der geplanten Einschläferung massiven Anfeindungen ausgesetzt sah, schlug in Anbetracht der Proteste vor, Chico in einem auf Gnadenhof für als gefährlich eingestufte Tiere unterzubringen. Die Stadt will das nun prüfen.

          Anwalt Hüttl kritisierte am Dienstag den Verlauf der Diskussion über Chico. Unzählige Menschen äußerten sich im Internet ohne weitere Kenntnis zu dem Fall. „Das hat Dimensionen angenommen, die die Hinterbliebenen sehr betroffen macht. Egal wie sie sich entscheiden – hunderttausend Leute werden dagegen sein“, sagte Hüttl. Die Tendenz seiner Mandantinnen gehe aber dahin, Chico einschläfern zu lassen.

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