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Metrojet-Flug 9268 : Was auf dem Spiel steht

  • -Aktualisiert am

In tausend Teile zerrissen: Wrackteil an der Unglücksstelle. Bild: dpa

Ein in Deutschland gebautes Flugzeug einer russischen Fluglinie mit Turbinen eines internationalen Herstellerverbunds stürzt über Ägypten ab. Jetzt soll die Unglücksursache ermittelt werden, doch jede Partei verfolgt eigene Interessen.

          War es menschliches Versagen, ein technischer Defekt, ein Abschuss? Niemand weiß genau, warum der Metrojet-Flug 9268 am Wochenende über dem Sinai abstürzte. Die Flugschreiber sind gefunden, aber noch nicht ausgewertet. Nicht alle am Unglück Beteiligten bekommen die Informationen, die sie wollen. Es ist ein komplexes Konstrukt aus russischen und ägyptischen Interessen, Hersteller Airbus und Betreiber Metrojet. Wer verfolgt welche Motive? Ein Überblick:

          Russland

          Warum ist Russland involviert? Metrojet ist eine russische Charterfluglinie. Flug 9286 war auf dem Weg nach St. Petersburg, fast alle der Passagiere und die gesamte Crew stammten aus Russland. Es ist das größte Flugunglück in der Geschichte des Landes. Immer wieder stehen russische Fluglinien wegen Verfehlungen in der Kritik.

          Was tut Russland? Ursprünglich hieß es, die Flugschreiber würden in Moskau ausgewertet werden. Experten aus Russland trafen unmittelbar nach dem Unglück in Ägypten ein. Doch nach Angaben des Chefs der russischen Zivilluftfahrtbehörde Alexander Neradko weigern sich die ägyptischen Behörden, Radardaten vom Boden und Daten der Flugschreiber an die Russen herauszugeben.

          Was steht für Russland auf dem Spiel? Syrien ist der einzige Verbündete Russlands in der Region. Putin unterstützt Assad offiziell im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS), bekämpft aber vor allem Assad-Gegner. Ein Ableger des IS hatte behauptet, das Flugzeug wegen Russlands militärischen Engagements in Syrien abgeschossen zu haben.

          Unterwegs im Trümmerfeld: Russische Ermittler untersuchen die Absturzstelle des Airbus um anhand der Flugzeugreste mehr über den Absturzgrund zu erfahren. Bilderstrecke

          Ägypten

          Warum ist Ägypten involviert? Das Flugzeug sollte russische Touristen vom Badeort Scharm el Scheich zurück nach St. Petersburg bringen. Über der Sinai-Halbinsel stürzte es ab. Der Sinai ist eine Krisenregion, die der Tourismusbranche zu schaffen macht. Das Militär kämpft gegen bewaffnete Islamisten. Westliche Touristen meiden das im Süden der Sinai-Halbinsel gelegene Scharm el Scheich zunehmend und fliegen eher nach Hurghada oder Marsa Alam weiter südlich in Ägypten. Der lokale Tourismus ist auf russische Touristen angewiesen.

          Was tut Ägypten? Die Ägypter werden die Untersuchungen leiten und können bestimmen, welche internationalen Ermittler wie viel Zugang zur Absturzstelle haben. Außerdem haben sie Kontrolle über die Herausgabe von Flugschreiber-Daten, Radardaten und Augenzeugenberichte.

          Was steht für Ägypten auf dem Spiel? Die Ägypter sind im Kampf gegen den IS Alliierte des Westens, haben aber auch gute Beziehungen zu Russland. Die Wirtschaft ist vom Tourismus abhängig, doch extremistisch motivierte Anschläge schrecken viele Besucher ab. An einzelnen Orten machen viele westliche Touristen Urlaub, auf dem Sinai mittlerweile aber hauptsächlich Briten und Russen. Individualtourismus ist aufgrund der Sicherheitslage weniger verbreitet.

          Metrojet

          Warum ist Metrojet involviert? Die Fluggesellschaft Kogalymavia, die unter dem Namen Metrojet operiert, hat den Charterflug durchgeführt.

          Was tut Metrojet? Nach dem Unglück gab die Frau des Kopiloten an, er habe sich vermehrt über den schlechten technischen Zustand des Airbus A321-200 beklagt. Das Flugzeug war 2001 bei einem Tailstrike beschädigt worden. Metrojet selbst hat derzeit nur begrenzt direkten Zugang zum Wrack, darf aber nicht auf Flugschreiber und andere Daten zugreifen.

          Alexander Smirnow, Top-Manager der betroffenen Airline Metrojet

          Auf einer Pressekonferenz bemühte sich der Metrojet-Vizechef Alexander Smirnow vorsorglich trotzdem um Schadensbegrenzung: Die Besatzung sei zum Zeitpunkt der Katastrophe „vollständig arbeitsfähig“ gewesen. Das Flugzeug sei in „hervorragendem technischem Zustand“ gewesen, der Pilot habe als sehr erfahren gegolten. Der Airbus habe in weniger als einer Minute massiv an Geschwindigkeit verloren und sei abgesackt. Das geht unter anderem aus öffentlich verfügbaren Daten von Flightradar24 hervor. Russische Meteorologen schließen Wetterturbulenzen als Ursache aus. Zum Unfallzeitpunkt herrschten demnach gute Flugbedingungen. Metrojet behauptet, „äußere Einflüsse“ hätten zum Absturz geführt. Ägyptische Ermittler verneinen das.

          Was steht für Metrojet auf dem Spiel? Metrojet ist eine sehr kleine Fluggesellschaft, deren Existenz nach dem Unglück bedroht ist. Die bisherigen Sicherheits- und Wartungsmaßnahmen der Fluglinie werden jetzt näher beleuchtet werden. Bislang hat es in der Geschichte des Unternehmens einen Zwischenfall mit Toten gegeben, als am 1. Januar 2011 eine Tupolev Tu-154, die von Surgut nach Moskau fliegen sollte, noch vor dem Start in Flammen aufging. Obwohl die Maschine rasch evakuiert wurde, starben drei Menschen, 43 wurden verletzt. Bis zur Klärung der Umstände des Sinai-Absturzes hat die russische Zivilluftfahrtbehörde es Metrojet verboten, mit ihren A321-Modellen Flüge durchzuführen. Die Flotte besteht allerdings nur aus zwei Geschäftsreiseflugzeugen und vier Airbus A321. Metrojet arbeitete bis August 2014 mit dem russischen Ableger von TUI zusammen und führte Flüge für TUI aus.

          Europa/Airbus

          Warum ist der Westen involviert? Eine Maschine des europäischen Herstellers Airbus absolvierte den fraglichen Flug. Der Hauptsitz von Airbus liegt in Frankreich. Der Airbus A321 und seine Flugschreiber wurden 1997 in Deutschland hergestellt. Die Maschine flog, wohl aus Kostengründen, unter irischer Flagge, Metrojet hatte sie von der niederländischen AerCap geleast.

          Was tut Europa, was tut Airbus? Ermittler von Airbus und Behördenmitarbeiter aus Deutschland, Frankreich und Irland sind an der Unglücksstelle präsent und haben Zugang zu Wrack und Daten.

          Was steht für Airbus auf dem Spiel? Airbus-Flugzeuge gelten als äußerst sicher. Airbus ist bestrebt, seine Reputation in dieser Hinsicht aufrecht zu erhalten und die Experten von Airbus sind am ehesten in der Lage, Hilfestellung bei der Erforschung der Unglücksursache zu leisten.

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