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Weniger Smog : Moskau atmet etwas auf

  • -Aktualisiert am

Klarere Luft: Am Dienstag konnten die Menschen in Moskau etwas durchatmen Bild: AFP

Auf einmal steht der Nachbar wieder auf dem Balkon und raucht. In Moskau hat sich die Lage vorübergehend entspannt. Der Smog ist nicht mehr ganz so dicht wie an den Vortagen. Aber noch immer wüten 600 Feuer in Russland und die Hitze liegt weiter wie Blei über dem Leben in der Stadt.

          Zum ersten Mal seit Tagen erscheint wieder der Nachbar, der sogar im Winter in der Früh eine Zigarette raucht, auf dem Balkon des gegenüberliegenden Hauses. In den vergangenen Tagen war er verschwunden gewesen. Der giftige Smog, der über Moskau wie dichter Nebel liegt, hatte ihn ins Haus verbannt wie die meisten Moskowiter. Seit mehreren Tagen fällt den Bewohnern der russischen Hauptstadt das Atmen schwer, überall in der Stadt hängt schwer ein unangenehmer Brandgeruch. Am Dienstag und Mittwoch konnte man jedoch leicht aufatmen: Winde dünnten den Smog aus, die Sicht verbesserte sich, der Geruch nach verbranntem Holz war weniger aufdringlich, und teils regnete es sogar.

          Die Hitze aber blieb, das Thermometer zeigte bis zu 38 Grad an. Der Grad der Luftverschmutzung überschritt die zulässigen Grenzwerte immer noch um das bis zu Dreifache. Trotzdem schien es, als ob die Leute nach dem Smog nur darauf gewartet hätten, wieder auf die Straße gehen zu können. Am Arbat, einer Fußgängerzone in der Innenstadt, schoben Mütter Kinderwagen durch die Straße, die Straßenmaler hatten ihre Stände aufgebaut, und in den Cafés saßen ein paar Leute.

          Noch immer wüten 600 Feuer im ganzen Land

          Wenn der Wind wieder dreht, wird dieses Spektakel wohl unterbrochen. Die Wald- und Torfbrände, die Ursache für die starke Rauchbildung, sind immer noch nicht unter Kontrolle. Innerhalb eines Tages seien 290 neue Feuer ausgebrochen, teilte das Zivilschutzministerium in Moskau am Mittwoch mit. Allerdings seien auch mehr als 300 Brände gelöscht worden. Insgesamt zählte das Ministerium landesweit noch immer 600 Feuer. Nach Angaben des russischen Katastrophenschutzministeriums wüteten die Brände noch auf einer Fläche von 92.700 Hektar, am Dienstag hätten sie sich noch auf 174.000 Hektar erstreckt.

          Mittagsschläfchen im Alexandergarten beim Kreml

          Es wird noch lange heiß bleiben. Alexander Frolow, Leiter des staatlichen Meteorologie-Dienstes Roshydromet, sagte, erst vom 20. August an könne mit einem Sinken der Temperaturen und einer Verbesserung der Lage gerechnet werden. Er sprach von einer „Jahrtausendhitze“. Die Hitzewelle und die Rauchgasglocke soll gar zu einer Verdoppelung der Sterblichkeitsrate in Moskau geführt haben. Durchschnittlich starben bislang bis zu 380 Personen, derzeit sind es etwa 700 am Tag.

          Wer es sich leisten kann, verlässt die Stadt

          Der giftige Smog hatte in der Stadt keine Panik ausgelöst. Vielmehr zeigten die Moskowiter die angeblich für Russen typische Leidensfähigkeit und den Hang zum Pragmatismus. Möglicherweise ist es auch nur Ignoranz. Unvergesslich das Bild eines Brautpaars, das in einem Cabrio am Samstag durch dicken Moskauer Rauch fuhr. Der Samstag war der schlimmste Tag, was Luftverschmutzung und eingeschränkte Sicht anging. Wer es sich geschäftlich und beruflich leisten kann, verlässt die Stadt. Beliebte Spontanziele sind unter anderem die Türkei und Ägypten, weil russische Staatsbürger für diese Länder keine Einreisevisa benötigen.

          Die Moskauerin Irina hatte etwas Glück. Der Urlaub der Büroangestellten begann diese Woche. Sie ging aber nur auf ihre Datscha, wenige Kilometer nordöstlich von Moskau entfernt. „Die letzten Tage hatten wir auch Smog wie in der Stadt, es ist aber auf dem Land nicht so heiß“, erzählt sie. In der Stadtwohnung habe sie zwar eine Klimaanlage im Schlafzimmer, sie ziehe die Datscha aber vor. Den umgekehrten Weg schlug die 38 Jahre alte Ludmilla ein, die in Australien verheiratet ist und derzeit einen längeren Heimaturlaub verbringt. Die Datscha ihrer Familie ist drei Fahrstunden von Moskau entfernt, in östlicher Richtung. Auch in diesen Gebieten lodern die Flammen.

          Vor rund zwei Wochen war die Lage auf der Datscha unerträglich geworden: Der beißende Rauch machte einen Aufenthalt im Grünen unmöglich. In Moskau schaffte die Sprachschule, in der sie vorübergehend unterrichtet, erst in der vergangenen Woche Ventilatoren an. Weder zu Hause noch am Arbeitsplatz habe sie klimatisierte Räume. In der Wohnung duschte sie im Dreißig-Minuten-Takt. Und auch auf dem Weg ins Stadtzentrum muss sie ohne Klimaanlage auskommen: In Kleinbussen (Marschrutka), Vorortzügen (Elektritschka) und Metro müsse man schwitzen. Für Ludmilla waren die im Fernsehen verbreiteten Gesundheitstipps wenig sinnvoll, die dazu rieten, sich nicht draußen aufzuhalten und Fenster und Türen zu verriegeln. Aber die Moskauerin macht sich ohnehin keine Illusionen: „In Russland sind die lokalen, regionalen und zentralen Stellen nicht einmal auf den jährlichen Wintereinbruch vorbereitet. Es verwundert nicht, dass die Regierung auch die Waldbrände verschlafen hat.“

          Arbeitgeber punkten mit Klimaanlagen

          Mit Klimaanlagen können Arbeitgeber punkten - manche Angestellte übernachten sogar im klimatisierten Büro. Auch sonst ist der Umgang der Unternehmen mit dem ökologischen Desaster flexibel, zumal gerade Ferienzeit ist. In manchen Unternehmen wird den Leuten freigestellt, ob sie zum Arbeitsplatz kommen wollen, wenn der Arbeitsweg besonders aufwendig ist. Einige arbeiten dann von zu Hause aus. Einige ausländische Unternehmen ließen ihre Mitarbeiter gar ausfliegen. Manche Botschaften wie die deutsche halten den Betrieb mit verringerter Mannschaft aufrecht. Patrick Heymann, Generaldirektor der Lufthansa-Tochter Swiss in Russland, erzählt, dass Büros und Call Centers wie üblich geöffnet seien. Bis auf eine Mitarbeiterin, die mit ihrem Kleinkind die Stadt verlassen habe, arbeiteten alle. Sie werden vom Unternehmen zu einem Mittagessen im Büro eingeladen, damit sie das Haus nicht verlassen müssen.

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