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Tropensturm über Amerika : Welche Fehler bei Harvey gemacht wurden

Viele Einwohner müssen sich angesichts der Flut selbst helfen. Bild: AP

Harvey ist nicht der erste Tropensturm, der auf die amerikanische Golfküste trifft. Trotzdem dominieren Bilder von verzweifelten Einwohnern, die sich auf die Dächer ihrer Häuser retten. Hat man aus vergangenen Stürmen nichts gelernt?

          Der Tropensturm Harvey hat den amerikanischen Bundesstaat Texas nach wie vor fest im Griff. Seitdem er in der Nacht von Freitag auf Samstag das Festland erreichte, sorgen Sturmböen und durch heftige Regenfälle ausgelöste Überschwemmungen für Zerstörung. Niederschlagsmengen von bis zu 125 Zentimetern wurden gemessen, Tausende Einwohner mussten von den Dächern ihrer Häuser gerettet werden. Bislang berichten amerikanische Medien von bis zu 18 Toten, der Schaden soll bereits jetzt in die Milliardenhöhe gehen. Präsident Donald Trump rechnet damit, dass der Wiederaufbau „sehr kostspielig“ wird.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Wie die Nationale Wetterbehörde auf Twitter mitteilte, ist Harvey „beispiellos & die Folgen sind unabsehbar & jenseits von allem, was wir erlebt haben.“ Doch trotzdem bleiben angesichts der Schäden Fragen nach Versäumnissen offen: Hätte man Houston nicht evakuieren müssen? Was ist mit dem Hochwasserschutz?

          Das Nationale Hurrikan-Zentrum beobachtete die Entstehung des Sturms schon ab dem 13. August. Am 23. August intensivierte Harvey sich von einem Tropensturm zum Hurrikan und sollte keine 48 Stunden später Texas erreichen. Der texanische Gouverneur Greg Abbott forderte daraufhin die Bevölkerung zwischen dem Küstenort Corpus Christi und Houston auf, eine Evakuierung in Erwägung zu ziehen.

          Vor zwölf Jahren führte eine Evakuierung zur Katastrophe

          Doch die endgültige Entscheidung über eine Evakuierung obliegt der Lokalpolitik. Houstons Bürgermeister Sylvester Turner wies die Einwohner an, in ihren Häusern zu blieben – aus denen dann viele gerettet werden mussten. Turner verteidigte diese Entscheidung bereits am Sonntag in einer Pressekonferenz. „Wir können nicht einfach 6,5 Millionen Menschen auf die Straße schicken“, sagte er.

          Denn was dann womöglich geschehen wäre, sah man 2005 während des Hurrikan Rita. Damals ordneten die Verantwortlichen eine Evakuierung an, die zu kilometerlangen Staus auf den Straßen führte. Nach Angaben des texanischen Repräsentantenhauses starben dabei 60 Menschen, mehr als durch den Hurrikan selbst. Mittlerweile pflichten einige Experten und Journalisten Turner bei. Durch die Regenfälle wurden zahlreiche Straßen überschwemmt und wären im Fall eines Staus womöglich für Tausende zu einer Todesfalle geworden.

          „Eine solche Evakuierung muss gut organisiert werden, von Houston bis zum Zielort“, so Turner. Fraglich bleibt deshalb, warum eine solche Organisation nicht möglich war. Die Pläne für eine Evakuierung der Bundesstaaten an der Golfküste, darunter Texas, sind nach den Hurrikans Katrina und Rita vom Verkehrsministerium und vom Heimatschutzministerium evaluiert worden. Die Verantwortlichen wurden aufgerufen, die Pläne entsprechend eines Hurrikans in der Größenordnung von Katrina zu überarbeiten. Ob Texas hier etwas versäumt hat oder eine Evakuierung in der kurzen Zeit schlicht unmöglich gewesen wäre, wird wohl erst nach der Katastrophe geklärt werden. „Wir sind über den Punkt hinaus, an dem wir diskutieren können, ob eine Evakuierung sinnvoll gewesen wäre“, so Gouverneur Abbott. „Jetzt müssen wir uns darauf konzentrieren, Leben zu retten.“

          Verschlimmerte die Flächenversiegelung die Flut?

          Zur Katastrophe beigetragen hat womöglich auch die zunehmende Flächenversiegelung. Der Immobilienbau ist ein boomendes Geschäft und in der Millionenmetropole Houston kaum reguliert. Ausgleichsflächen für Hochwasser sind kaum vorgeschrieben. Rücksicht auf wachsende Gefahren durch den Klimawandel nahm dabei wohl niemand: So sagte Mike Talbott, Leiter der Behörde für Flutkontrolle, 2016 zu „ProPublica“, seine Behörde berücksichtige keine Studien zum Klimawandel. Stattdessen ließ man beispielsweise die Grünflächen des Katy-Prairie-Naturerhaltungsgebiets in den vergangenen Jahren auf ein Viertel schrumpfen, wie das Magazin „Slate“ berichtet. Durch das Landschaftsgebiet wurde unter anderem ein Autobahn gebaut, um für eine bessere Anbindung der immer größer werdenden Vororte zu sorgen. Durch die Versiegelung könne weniger Wasser durch die Natur absorbiert werden und das überflute jetzt die Stadt, so „Slate“.

          Allerdings gibt es auch hier Unstimmigkeiten: Der amerikanische Historiker Phil Magness ist der Ansicht, dass es angesichts der immensen Regenmenge auch bei größeren Ausgleichsflächen zu einer Überschwemmung gekommen wäre. Er verweist auf eine weitaus schlimmere Flut in Folge eines zweitägigen Dauerregens im Jahr 1935, „damals müssen es auch schon die vielen Parkplätze gewesen sein“, so Magness spöttisch auf Facebook.

          Der Notruf war oft nicht erreichbar

          Das Ergebnis jedenfalls geht zu Lasten der Einwohner Texas'. Besonders am Sonntag war der Notruf unter der 911 stundenlang überlastet. Die Rettungskräfte mussten sich auf Einsätze fokussieren, in denen es um Leben und Tod ging. Einige Einwohner veröffentlichten deshalb Hilferufe über Twitter, Nachbarn halfen sich gegenseitig. Der Gouverneur stockte daraufhin die eingesetzte Nationalgarde zunächst von 3000 auf 4000 Mann auf, mittlerweile ist mit 12.000 Mann die ganze Truppe im Einsatz. Noch eine Entscheidung, die man womöglich früher hätte treffen können?

          Immerhin einer scheint aus Hurrikan Katrina gelernt zu haben: Präsident Donald Trump scheint sich vorgenommen zu haben, die erste Naturkatastrophe in seiner Amtszeit möglichst gut zu meistern. Während George W. Bush 2005 erst nach Tagen seinen Urlaub abbrach, ließ Trump sich vom Leiter der Katastrophenbehörde regelmäßig informieren und verhängte sogleich den Notstand, sodass Bundeshilfen schneller nach Texas fließen können. Am Dienstag besuchte er dann mit seiner Frau Melania das Katastrophengebiet. Dabei versprach er, mit dem Kongress ein Rettungspaket zu schnüren. Bei Katrina half die Regierung mit rund 100 Milliarden Dollar aus. Derzeit bereiten sich Louisiana und New Orleans auf Harvey vor.

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