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Amatrice in Italien : Ein einziger Kran als Symbol für den Wiederaufbau

Ein Feuerwehrmann geht in Amatrice an eingestürzten Häusern vorbei. Bild: dpa

Vor fünf Jahren starben mehr als 300 Menschen bei einem Erdbeben in Italien. Die meisten Opfer verzeichnete das Städtchen Amatrice. Mittlerweile ist das Leben hier zurückgekehrt, doch Zerstörung und Stille blieben. Nun verspricht Rom Hilfe.

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          Touristischer Hochbetrieb in Amatrice. Motorräder, Wohnmobile und Autos mit Fahrradträger verstopfen die Behelfsstraße um den zerstörten Ortskern. Das Geschäfts- und Dienstleistungszentrum „Il Corso“, ein gestaltloser Modulbau aus Fertigteilen mit knarrendem Bodenbelag, ist gut besucht. In den Restaurants der „Area Food“, einer Holz- und Glaskonstruktion des Mailänder Stararchitekten Stefano Boeri, ist mittags und zumal am Abend ohne Reservierung kaum ein Platz zu bekommen.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Doch das Gewimmel während der Sommerferien ist kein verlässlicher Indikator für den Stand beim Wiederaufbau des einst pittoresken Städtchens am fünften Jahrestag des verheerenden Erdbebens in Amatrice und Umgebung. Wer außerhalb der Reisezeit in die Gegend auf knapp tausend Metern Meereshöhe kommt, etwa an einem trüben Werktag im Frühsommer, erlebt ein nach wie vor schwer verwundetes Gemeinwesen, über welchem bedrückende Stille liegt.

          95 Prozent der Gebäude zerstört

          Am 24. August 2016 um 3.36 Uhr bebte in Mittelitalien die Erde. Von dem Beben der Stärke 5,9 auf der Richter-Skala waren 138 Städte und Gemeinden in den Regionen Latium, Marken, Abruzzen und Umbrien betroffen. 303 Menschen starben, 299 unmittelbar in den Trümmern der zerstörten Häuser, vier erlagen an den folgenden Tagen ihren Verletzungen. Im mittelalterlichen Ortskern von Amatrice wurden 95 Prozent der Gebäude vollständig zerstört oder blieben als unbewohnbare Ruinen stehen. Allein in dem Städtchen mit damals knapp 2700 Einwohnern, ehedem für seine „Spaghetti Amatriciana“ mit Tomatensoße, Guanciale-Speck und Pecorino-Käse berühmt, verloren 237 Menschen ihr Leben.

          Dem ersten Beben folgten weitere Erdstöße, die schwersten am 30. Oktober mit einer Stärke von 6,5 sowie am 18. Januar 2017. Das letzte Beben könnte die Lawine mitverursacht haben, die ein Hotel in Rigopiano am Fuß des Gran-Sasso-Massivs verschüttete, weitere 29 Menschen starben dabei.

          Amatrice gilt als Zentrum dessen, was italienische Medien als „Bebenkrater“ im zentralitalienischen Apennin bezeichnen. Was wurde in den fünf Jahren seit dem Beben geleistet? Es wurden zweieinhalb Millionen Tonnen Schutt abgeräumt und fortgeschafft. Es wurden gut sechs Milliarden Euro ausgegeben – für Aufräum- und Sicherungsarbeiten, für den Neubau von Straßen- und Bahnverbindungen, für die Unterbringung der obdachlos gewordenen Menschen in Notunterkünften und Hotels, auch für den Bau von provisorischen Strukturen wie dem Geschäftszentrum „Il Corso“ und der „Area Food“.

          Altstadt bis heute gesperrt

          Aber der Wiederaufbau hat noch kaum begonnen. Nur sieben Prozent der beschädigten Häuser in den Wohngebieten von Amatrice wurden wiederhergestellt. Die Altstadt, auf einem Felsplateau gelegen, darf als „rote Zone“ noch immer nicht betreten werden und besteht aus einer Handvoll abgestützter Ruinen und zwei eingerüsteten Turmgerippen. Erst wenige Tage vor den Gedenkfeierlichkeiten zum fünften Jahrestag der Katastrophe wurde der erste Kran auf das abgesperrte Territorium der einstigen Altstadt geschafft. Der Kran muss nun als Symbol für den überfälligen, aber nun ganz gewiss beschleunigten Wiederaufbau herhalten.

          Die üblichen bürokratischen Hindernisse würden nun endlich aus dem Weg geräumt, heißt es. Der gegenwärtig amtierende Sonderkommissar der Regierung in Rom für den Wiederaufbau des Erdbebengebiets – es ist der vierte in fünf Jahren – werde den Auf- und Durchbruch ermöglichen.

          Premierminister Mario Draghi während der Messe zum Gedenken an die Opfer des Erdbebens
          Premierminister Mario Draghi während der Messe zum Gedenken an die Opfer des Erdbebens : Bild: dpa

          Am Dienstag kam Ministerpräsident Mario Draghi mit dem Hubschrauber aus der rund 140 Kilometer entfernten Hauptstadt nach Amatrice geflogen, um an der Messe zum Gedenken an die Opfer teilzunehmen. Eine Rede hielt Draghi nicht, das überließ er dem Bischof von Rieti, Domenico Pompili, der seinerseits den nun endlich beginnenden Wiederaufbau beschwor. Draghi weiß, dass Regierungschefs in Rom schon zu viele Reden mit zu vielen Versprechungen für Amatrice und den „Krater“ gehalten haben. Stattdessen legte er in aller Stille einen Kranz am Denkmal für die Opfer der Katastrophe nieder und traf sich mit Einwohnern, die das Beben überstanden haben und seit fünf Jahren zäh am Wiederaufbau ihrer eigenen Existenz arbeiten. „Ich bin heute hier um zu zeigen, dass der Staat für euch da ist“, sagte Draghi nach Angaben des Ministerpräsidentenamts bei dem Treffen mit den Bebenopfern. Draghi habe außerdem beklagt, dass der Wiederaufbau bisher so schleppend verlaufen sei. „Doch jetzt ist die Situation eine andere“, versicherte Draghi: „Die Arbeiten zum Wiederaufbau werden nun schneller vorankommen. Ich bin heute gekommen, um Ihnen zu zeigen, dass die Regierung ihre Verpflichtung erfüllt.“

          Es ist nicht ausgeschlossen, dass dies nun tatsächlich geschieht. Und dass die privaten Initiativen und Spenden, die wesentlich für den Wiederbeginn der Wirtschaftstätigkeit, des Fremdenverkehrs und der Kulturlebens in Amatrice gesorgt haben, durch die Hilfe von staatlicher Seite untermauert werden. Damit nicht nur Tagestouristen auf Motorrädern und in Wohnmobilen zum kurzen Solidaritätstrip ins Katastrophengebiet kommen, sondern Wanderer und Mountainbiker länger bleiben, hat der italienische Alpenverein Wanderpfade und Fahrradwege in der Umgebung vorbildlich ausgeschildert. Aus Anlass des fünften Jahrestages der Katastrophe gibt es Konzerte und Kulturveranstaltungen.

          65 Kinder wurden seit dem 24. August 2016 geboren. Die meisten zwar nicht in Amatrice selbst, weil die Stadt noch immer kein eigenes Krankenhaus hat, aber es sind dennoch zusätzliche Einwohner, jedenfalls nominell. So wie viele ehemalige Einwohner zwar noch immer in ihrer Heimatstadt gemeldet sind, aber seit dem Erdbeben die meiste Zeit anderswo leben. Offiziell zählt Amatrice heute noch rund 2300 Einwohner. Aber wenn der Regen im Herbst und später der Schnee kommt, dann bleiben noch etwa 600 Leute zurück, um in Amatrice und in den Dörfern der Umgebung zu „überwintern“. Die wenigsten von ihnen sind jünger als 30 Jahre.

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