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Flug MH370 : „Es war der Pilot“

Kein Wrackteil zu finden: Eine P 3 Orion der königlich-neuseeländischen Luftwaffe ist im März 2014 auf Suchflug über dem Indischen Ozean. Bild: Reuters

Auch ein Jahr nach dem Verschwinden von Flug MH370 gibt es nur Hypothesen über die Ursache. War es „Cyberhijacking“? Eine Entführung? Die CIA oder gar Putin? Glaubwürdig sind die meisten Erklärungen nicht, aber eine von ihnen hat viel für sich.

          Am Samstag, dem 8. März 2014, um 00.41:43 Uhr malaysischer Zeit hob der Linienflug MH370 der Malaysia Airlines nach Peking von der Rollbahn 32R am Internationalen Flughafen Kuala Lumpur ab. An Bord der Boeing 777-200ER waren 227 Passagiere und zwölf Besatzungsmitglieder. Um 01.19:24 Uhr gab die Luftraumüberwachung von Kuala Lumpur dem Piloten die Anweisung, sich beim Luftverkehrskontrollzentrum von Ho-Tschi-Minh-Stadt zu melden. Aus dem Cockpit wurde dies mit dem Ausspruch „Good night Malaysian Three Seven Zero“ beantwortet. Um 01.21:13 Uhr verschwand das Flugzeug vom Radar der Zentrale in Kuala Lumpur.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Das Flugzeug erschien nie im vietnamesischen Luftraum. Sämtliche Kommunikationssysteme (Transponder und ACARS-System), die eine Ortung des Flugzeugs erlaubt hätten, funktionierten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Es gibt deshalb nur noch einige Hinweise auf die Route, die das Flugzeug danach genommen haben soll. So will das malaysische Militär mit Primärradar ein Flugzeug beobachtet haben, das über dem Südchinesischen Meer eine Kehrtwende machte und über das malaysische Festland in die Straße von Malakka flog. Die Firma Inmarsat berechnete außerdem aufgrund der „Handshakes“ (rudimentärer Kontaktaufnahmen des Flugzeugsystems mit einem Kommunikationssatelliten), dass das Flugzeug noch etwa sieben Stunden lang in Richtung des südlichen Indischen Ozeans geflogen war.

          Was genau passiert ist, bleibt aber auch noch fast genau zwölf Monate nach dem Verschwinden von MH370 eines der größten Rätsel der Luftfahrtgeschichte. Bis heute wurde kein Wrackteil gefunden. Das gibt viel Raum für Spekulationen. Unter vielen Fachleuten gilt zurzeit die Variante als wahrscheinlich, dass einer der beiden Piloten, womöglich der erfahrenere Flugkapitän Zaharie Ahmad Shah, das Flugzeug absichtlich vom Kurs abgebracht hat. Einiges spricht dafür: Die offenbar absichtlich veränderte Flugroute mit mehreren Wendemanövern und das offenbar manuell vorgenommene Abschalten der Kommunikationssysteme deuten darauf hin, dass die Person über profunde Kenntnisse verfügt haben muss. Außerdem fehlt jeder Hinweis auf andere mögliche Täter.

          Dass es der Pilot war, ist auch die Hypothese einer neuen Dokumentation des Senders „National Geographic“. Demnach muss ein Kenner das Flugzeug gelenkt haben. So könnte der damals 52 Jahre alte Pilot seinen Kopiloten Fariq Abdul Hamid etwa zum Kaffeeholen aus dem Cockpit geschickt haben. Dann könnte er sich selbst eine Sauerstoffmaske aufgesetzt und den Druck in der Kabine manuell gesenkt haben. Spätestens nachdem die Sauerstoffnotversorgung der Passagiere nach etwa zwölf Minuten zur Neige gegangen wäre, wären die Insassen ins Koma gefallen.


          Flug MH370 von Malaysia Airlines


            Was ist passiert?

            Der Flug MH370 von Malaysia Airlines verschwand auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking am 8. März 2014 um 2.40 Uhr Ortszeit vom Radar. Bislang sind weder das Flugzeug noch Überreste der Maschine entdeckt worden

            In welchem Zustand befand sich das Flugzeug?

            Die Boeing 777-200ER („Extended Range“) wird von vielen Fluggesellschaften für Langstreckenflüge genutzt und ist ein äußerst zuverlässiges Flugzeug. Die Maschine mit der Kennung 9M-MRO war nach Angaben von Malaysia Airlines im Hangar in Kuala Lumpur am 23. Februar 2014 zuletzt gewartet worden. Mechaniker hätten beim sogenannten A-Check keinerlei Probleme an der Maschine entdeckt. Der nächste Check sei erst am 19. Juni 2014 fällig gewesen. Die Maschine war 2002 ausgeliefert worden und hatte gut 53.000 Flugstunden hinter sich. Am 9. August 2012 kollidierte das Flugzeug mit einem Airbus A340, woraufhin die rechte Tragflächenspitze abriss. (dpa)

            Wie viele Menschen waren an Bord?

            Von den 239 Menschen an Bord waren 227 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder. Die meisten der Passagiere stammen aus China (152), weitere Opfer aus Malaysia (38, davon gesamte Besatzung), Indonesien (7), Australien (6), Indien (5), Frankreich (4), den Vereinigten Staaten (3), Iran (2), Kanada (2), Neuseeland (2), Ukraine (2), Taiwan (1), Niederlande (1), und Russland (1). Die Identität einer Person ist ungeklärt. Ein Passagier war mit einem chinesischen Pass an Bord, dessen Inhaber allerdings den Pass weder als gestohlen gemeldet noch seine Heimat, die Provinz Fujian, verlassen hatte. Zwei Iraner, die mit gestohlenen Pässen eines Österreichers und eines Italieners an Bord gekommen waren, wurden zunächst verdächtigt, Terroristen zu sein. Sie suchten aber wohl nach Asyl in Europa und gehörten offenbar keiner terroristischen Organisation an.

            Welche Ursachen kann das Verschwinden haben?

            Bisher wurden mehrere Theorien aufgestellt: 1. Das Flugzeug ist durch einen terroristischen Anschlag zerstört worden. Dagegen spricht die Tatsache, dass vom Pentagon bei der weltweiten Satellitenüberwachung des Luftraums keine Lichtblitze registriert worden, die auf eine Explosion hindeuten. 2. Einer der Piloten wollte Selbstmord begehen. Dagegen sprechen die Änderung der Flugroute und der über mehrere Stunden fortgeführte Flug. 3. Die Maschine verunglückte durch einen technischen Fehler. Dagegen sprechen ebenfalls der Kurswechsel und die weitere Flugzeit. 4. Die Maschine verunglückte in schweren Turbulenzen. Dagegen sprechen das gute Wetter und die weitere Flugzeit. 5. Das Flugzeug wurde entführt und ist über dem Ozean verunglückte. Auch für diese These gibt es keine Anhaltspunkte.

            Wie kann ein Flugzeug einfach verschwinden?

            Welche Technik an Bord moderner Verkehrsflugzeuge Daten aufzeichnet und kommuniziert, haben wir in einem Artikel zusammengefasst.

            Wie groß ist der Schaden für die Airline?

            Dem „Handelsblatt“ zufolge bestätigte die Allianz-Versicherung, dass sie ein Konsortium aus verschiedenen Versicherern von Malaysia Airlines anführt. Die Versicherungssumme belaufe sich unbestätigten Angaben zufolge auf insgesamt rund 100 Millionen Dollar (etwa 72 Millionen Euro), es sei aber unklar, welchen Anteil daran die Allianz trage. In der Luftfahrtversicherung ist es demnach üblich, die Versicherungssummen an Fluggesellschaften und Angehörige von Insassen im Schadensfall früh auszuzahlen. Die Auszahlung an die Fluggesellschaft sowie an die Angehörigen der insgesamt 239 Insassen der Maschine von Malaysia Airlines wurde bereits im März 2014 abgeschlossen. Der Schaden für Malaysia Airlines ist kaum zu beziffern. Auf Flug MH370 folgte der übver der Ukraine abgeschossene Flug MH17. Die doppelte Katastrophe könnte die ohnehin angeschlagene Fluggesellschaft endgültig in die Knie zwingen. (AFP)

          Beweise dafür gibt es allerdings nicht. Die malaysische Polizei hat bislang keine Details aus ihren Ermittlungen veröffentlicht, in deren Verlauf auch der Flugsimulator aus dem Haus des Piloten untersucht worden war. Daher blühen auch andere Theorien. So glaubt der Autor Jeff Wise, das Flugzeug sei nicht, wie von Inmarsat dargestellt, entlang des südlichen von zwei berechneten möglichen Korridoren geflogen, sondern entlang des nördlichen. Er tippt deshalb darauf, dass der russische Präsident Putin etwas mit dem Verschwinden zu tun haben könnte. Ausgerechnet! Der Autor gibt sogar einen potentiellen Landungsort an einem Flughafen in Kasachstan an. Eines seiner Argumente: Dass nur vier Monate nach Verschwinden von MH370 ein Flugzeug der Malaysia Airlines über der Ostukraine abgeschossen wurde, nämlich Flug MH17 von Amsterdam nach Kuala Lumpur, könne kein Zufall sein.

          Glaubwürdig ist das nicht - dabei klingt diese Überlegung weniger verrückt als viele andere Verschwörungstheorien. Demnach wurde MH370 von Außerirdischen entführt, von der CIA auf der Insel Diego Garcia versteckt oder ist womöglich sogar nie gestartet. Ebenfalls weit hergeholt dürfte die Erklärung sein, dass MH370 Opfer des ersten Falls von „Cyberhijacking“ geworden sein soll, der drei amerikanische Autoren in ihrem neuen Buch „Somebody is hiding something“ anhängen. Aus der Luft gegriffen erscheint auch die Idee, die der Autor Nigel Cawthorne im ersten der vielen MH370-Bücher dargelegt hat. Demnach wurde die Boeing - wohl während einer amerikanisch-thailändischen Militärübung - versehentlich abgeschossen.

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