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Drei Kinder ertrinken in Teich : Die Frage nach dem Warum

  • -Aktualisiert am

Zeichen der Trauer: Anwohner legten am Ufer des Dorfteiches Blumen und Stofftiere ab. Bild: dpa

Nach dem Tod von drei Geschwistern in einem Löschwasserteich in Neukirchen wird nun Kritik an der Stadt laut: War das Gewässer nicht ausreichend gesichert? Der Bürgermeister wehrt sich.

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          Bunte Blumen schwimmen auf der Oberfläche des idyllisch gelegenen Teiches im nordhessischen Neukirchen.  Anwohner haben sie im Gedenken an die drei Kinder ins Wasser gelegt, die dort am Samstag vermutlich ertrunken sind. Vieles in diesem tragischen Fall ist nach wie vor unklar. Sicher ist bislang nur, dass der elf Jahre alte Bruder seine drei Geschwister im Alter zwischen fünf und neun Jahren gesucht und dann zunächst den Fünfjährigen im Wasser treibend entdeckt hatte. Daraufhin alarmierte er Nachbarn.

          Eine Augenzeugin berichtet, dass „das halbe Dorf“ bei der Suche nach den beiden anderen Kindern geholfen habe. „Alle waren in heller Aufregung“, sagt die Inhaberin eines Gasthofs im Ort, die die Kinder persönlich kannte. Der Löschteich liegt im Neukirchener Ortsteil Seigertshausen, in dem knapp 700 Einwohner leben. Polizei, Feuerwehr und Freiwillige suchten in der Dämmerung mehr als eine Stunde lang nach den beiden vermissten Geschwistern. „Wir haben überall gesucht im Ort, in den Gärten, in den Gassen, in der Annahme, die wären weggelaufen“, sagt die Anwohnerin.

          Zeitgleich wurden rund um den See Scheinwerfer aufgestellt. Taucher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) stiegen ins Wasser. Sie fanden schließlich die Leichen der beiden Kinder. „Das ganze Dorf steht unter Schock, die Stimmung ist eine Katastrophe“, sagt die Wirtin des nahegelegenen Gasthofs.

          Seigertshausen, das heute zu Neukirchen gehört, ist ein beschauliches Dorf. Viele Familien bauen noch Gerste, Weizen oder Raps an. Fachwerkhäuser säumen die Straßen,  es gibt eine Trachtengruppe, eine Burschenschaft, einen Wanderverein und einen evangelischen Frauensingkreis. Hier kennt jeder jeden. Die muslimische Familie der ertrunkenen Kinder ist laut dem Neukirchener Bürgermeister Klemens Olbrich vor einem Jahr aus Saarbrücken nach Nordhessen gezogen und hat einen syrisch-kurdisch-türkischen Hintergrund. Um die Hinterbliebenen kümmere sich ein Notfallseelsorger, hieß es von der Polizei.

          Vorschriften verletzt?

          Am Tag liegt der Teich wieder still. Frösche quaken, auf den Bäumen am Rand singen Vögel. Eine benachbarte Beachvolleyball-Anlage und ein Vereinsheim liegen verwaist. Zwei Männer kommen mit dem Auto, laufen durch das feuchte Gras. Sie gehören zu der großen Familie der Toten, die aus ganz Deutschland anreist. Einer von ihnen, Jamal B., steht an dem Teich und spricht mit Reportern. Er sei aus Berlin angereist, um der Familie Trost zu spenden. „Es ist sehr schwer. Ein Kind zu verlieren, ist schlimm, aber gleich drei – das ist unglaublich.“

          Am Ufer liegen Blumen, drei weiße Kerzen brennen. Einige Menschen legen Kuscheltiere am Ufer ab. An einem Stoffzebra ist ein Zettel angebracht. Darauf steht in großen Lettern: „Warum?“ Diese Frage treibt die Menschen in Neukirchen und weit darüber hinaus um – auch zahlreiche Kamerateams sind in den Ort gekommen. Noch gibt es darauf keine Antwort. Nur Fremdverschulden schließen die Ermittler gegenwärtig aus. „Wir gehen weiter von einem Unfall aus“, sagt Polizeisprecher Markus Brettschneider in Schwalmstadt. Zeugen des Unglücks seien nicht bekannt. Zum genauen Ablauf lägen bislang keine weiteren Hinweise vor. Er äußerte sich auch nicht zu der Frage, ob die Kinder schwimmen konnten.

          Die Stadt Neukirchen muss sich nun aber bereits kritischen Fragen stellen: Warum ist der etwa 40 Meter breite Löschteich frei zugänglich und nicht umzäunt? Das Ufer ist mit Steinen befestigt, steil und nach dem vielen Regen der vergangenen Wochen rutschig.  Schilder warnen: „Teichanlage. Betreten auf eigene Gefahr. Eltern haften für ihre Kinder.“ Jamal B. hält es für „viel zu gefährlich“, dass der Teich nicht abgesichert ist. Schilder reichten nicht aus, sagt er und blickt auf das trübe Gewässer.

          Nur ein Warnschild weist am Löschteich im nordhessischen Neukirchen auf die potentielle Gefahr hin.

          Laut der „DIN-Verordnung für Löschwasserentnahmestellen“ müssen die Löschteiche zusätzlich mit einem mindestens 1,25 Meter hohen Zaun umfriedet sein. Hat die Stadt also Vorschriften missachtet? Der Bürgermeister von Neukirchen, Klemens Olbrich, wehrt sich im Gespräch mit FAZ.NET gegen die Vorwürfe. Er sagt: „Der Teich fungiert nicht in erster Linie als Löschwasserentnahmestelle.“ Das Gewässer sei vielmehr integriert in ein Naherholungs- und Freizeitgelände, Grillhütten und Sportanlagen grenzen an den Teich an. „Deswegen gilt die DIN-Verordnung für diesen Freizeit-Teich nicht.“

          Die Verantwortlichen seien übereingekommen, dass ausdrückliche Warnhinweise am Ufer ausreichten. „Sonst müsste man jedes stille Gewässer und jeden Bachlauf in der Region, in ganz Deutschland, mit einem Zaun absichern“, sagt Olbrich. Das sei nicht möglich. Was genau mit dem Teich geschieht, in dem die drei Kinder den Tod fanden, müsse man nun in den nächsten Tagen klären. Auch ob in der kommenden Woche ein geplantes Stadtfest an dem Teich stattfinden wird, ist bislang noch offen.

          Derweil erhoffen sich die Ermittler weitere Erkenntnisse von der Obduktion. Die Leichen der Kinder würden in Gießen nun gerichtsmedizinisch untersucht, sagt Polizeisprecher Brettschneider. Ergebnisse werde es jedoch frühestens am Dienstag geben. Ob die Eltern, die drei ihrer sechs Kinder verloren haben, ihre Aufsichtspflicht verletzt haben – dazu machte die Polizei keine Angaben.

          Am Sonntag trauerte die Dorfgemeinschaft in einem Gottesdienst um die drei toten Kinder. Die Besucher sind  tief getroffen. „Die Oma sitzt drinnen, die ist fix und fertig“, sagt eine Frau in weißer Strickjacke vor der Kirche. „Es tut einem ja so leid, so leid“, sagt eine andere Frau. Der evangelische Dorfpfarrer Reinhard Keller betonte in seiner Predigt, das Dorf helfe der Familie, „die in dieser Stunde Unsägliches durchmacht“. Die Last, die auf dem Dorf liege, werde zusammen getragen, sagt er. „Egal, woher sie kommen, egal welcher Konfession oder Religion sie angehören.“

          Mit Material der Agenturen

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