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Waldbrände : Russland kämpft gegen atomare Gefahr

  • Aktualisiert am

Feuerwehrleute arbeiten am Rande der Erschöpfung Bild: REUTERS

Tausende Einsatzkräfte in Russland versuchen, ein Übergreifen der Feuersbrunst auf Atomanlagen und radioaktiv verseuchte Gebiete zu verhindern. Für das Aufbereitungslager Majak gaben die Behörden am Dienstag zunächst Entwarnung.

          Radioaktive Gefahr in Russland und giftiger Smog in Moskau: Bei den schwersten Wald- und Torfbränden der russischen Geschichte versuchen tausende Einsatzkräfte, ein Übergreifen der Feuersbrunst auf Atomanlagen und radioaktiv verseuchte Gebiete zu verhindern. Für die Ural-Stadt Osjorsk mit dem großen Atommüllaufbereitungs- und Lagerungszentrum Majak gaben die Behörden am Dienstag aber zunächst Entwarnung. Die Brände in der Nähe der Anlage seien gelöscht, sagte die Sprecherin des Zivilschutzministeriums, Irina Andrianowa, nach Angaben der Agentur Interfax. Der Bürgermeister von Osjorsk, Viktor Trofimtschuk, verhängte dennoch den Ausnahmezustand. Damit sind etwa Picknicks in den Stadtparks und umliegenden Wäldern verboten.

          Frankreich forderte angesichts der Brände den Aufbau einer EU-Eingreiftruppe. „Wir müssen unsere Hilfsmittel zusammenlegen, um eine europäische Notfalltruppe aufzustellen“, sagte der französische EU-Staatssekretär Pierre Lellouche der Zeitung „Le Figaro“. Ein Hilfsangebot der EU für die Unterstützung im Kampf gegen die Waldbrände hat Russland bislang nicht angenommen.Die Kommissarin habe auf höchster Ebene mit dem russischen Minister für Zivilschutz gesprochen, der engen Kontakt mit Regierungschef Wladimir Putin habe. Bislang ziehe Moskau es vor, bilateral Staaten um Hilfe zu bitten, sagte eine Sprecherin. So unterstützten Deutschland, Frankreich und andere EU-Staaten den Einsatz gegen die Flammen.

          Im ganzen Land blieb die Lage am Dienstag gespannt. Nach Angaben des Zivilschutzministeriums brannten am Dienstag noch mehr als 550 Feuer auf einer Fläche von mehr als 1700 Quadratkilometern. Darunter befänden sich knapp 70 Großbrände. Einem Bericht in der Wirtschaftszeitung „Kommersant“ zufolge hat die Feuersbrunst bisher Schäden von umgerechnet elf Milliarden Euro angerichtet. Der Schaden werde rund ein Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts betragen, berichtete die Wirtschaftszeitung. Von der Regierung gibt es noch keine offizielle Schätzung.

          Nach offiziellen Angaben sind bisher 54 Menschen den Waldbränden zum Opfer gefallen

          Atomkonzern warnt vor Panikmache

          Bei den Löscharbeiten waren seit Montag nach offiziellen Angaben mindestens zwei Einsatzkräfte ums Leben gekommen. Unter diesen war auch ein Soldat, der am atomaren Forschungszentrum in Sarow gegen die Flammen gekämpft hatte. Das Feuer dort wurde gelöscht. Die Zahl der Feuertoten erhöhte sich damit auf mindestens 54. Hilfsorganisationen gehen von deutlich mehr Opfern aus.

          Die Feuerwalze nähert sich nach Angaben russischer Behörden immer wieder bedrohlich den Atomanlagen des Landes. Experten befürchten aber vor allem, dass die Waldbrände radioaktiv verseuchte Böden aufwirbeln und das Strahlengift in andere Regionen tragen könnten. Der Atomkonzern Rosatom warnte dagegen vor Panikmache. Die Atommülldeponien seien durch einen mehrschichtigen Mantel aus Beton und Metall geschützt, so dass Feuer sie kaum beschädigen könnten.

          Dagegen äußerte sich die Umweltschutzorganisation Greenpeace besorgt darüber, dass das Feuer auch auf Atomanlagen übergreifen könnte. Die radioaktive Gefahr durch die schweren Waldbrände sei größer als bisher von den Behörden eingeräumt. Auf Satellitenfotos seien 20 Brände in radioaktiv verseuchten Gebieten zu sehen. Das teilte die russische Greenpeace-Stelle am Dienstag in Moskau mit. Davon seien allein drei Feuer in dem besonders stark betroffenen Gebiet Brjansk an der Grenze zu Weißrussland und der Ukraine registriert worden. Die Region um Brjansk war nach der Atomkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl 1986 verstrahlt worden.

          Greenpeace: Gefahr nicht unterschätzen

          Das Moskauer Greenpeace-Mitglied Wladimir Tschuprow warnte die Behörden davor, die radioaktive Gefahr herunterzuspielen. Zwar hatte Zivilschutzminister Sergej Schoigu anfänglich noch darauf hingewiesen, dass durch die Feuer und Löscharbeiten Boden mit radioaktiv verseuchten Partikeln aufgewirbelt werden könnte. Genaue Informationen zu dem Thema ließen die Behörden aber bisher vermissen, kritisierte Tschuprow.
          Greenpeace-Experten haben nach eigenen Angaben Daten der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA sowie Satellitenaufnahmen ausgewertet. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Behörden nicht alle Brände in den betroffenen Gebieten gemeldet hätten. Zuletzt hatten staatliche Stellen lediglich erklärt, dass Feuer gefährlich nahe an verschiedene Atomanlagen im Land herankamen. Nach Messungen in Brjansk hatte das Zivilschutzministerium Entwarnung gegeben.

          „Die erhöhte radioaktive Strahlung wird zwar nicht zu einer neuen Belastung wie bei Tschernobyl führen. Gleichwohl sollten kleinere radioaktive Mengen nicht unterschätzt werden“, sagte Tschuprow. Zudem sei bislang nicht untersucht, wie gefährlich das Zusammenspiel von giftigem Smog von den Wald- und Torfbränden und radioaktiver Strahlung ist. In der gesamten Geschichte Russlands habe der Staat noch nie ein „solches Chaos“ angerichtet wie mit seiner Waldpolitik und der Bekämpfung der Brände, hieß es in der Greenpeace-Mitteilung.

          Greenpeace-Atomexperte Christoph von Lieven warnte in der „Neuen Presse“ vor allem Feuer vor Majak. „Es liegt viel radioaktives Material in der Umgebung, viel Material wurde damals einfach in einem See versenkt“, sagte von Lieven. Majak gelte bis heute als der größte radioaktiv belastete Ort und damit als eines der gefährlichsten Gebiete der Welt. Ein Sprecher der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA sagte, dass Majak nicht zu den Anlagen gehöre, die Russland freiwillig von den Atominspektoren kontrollieren lasse. Die Sicherheit einer Anlage und des Atommaterials liege immer in der Verantwortung des Landes.

          Gefährdete Atomanlagen

          Die Waldbrände in Russland bedrohen auch einige der zahlreichen Atomanlagen des Landes bedrohen. Besonders gefährdet sind derzeit drei Stätten:

          Majak: Rund um die Atomanlage von Majak in der Ural-Region Tscheljabinsk verhängten die Behörden angesichts der herannahenden Flammen den Ausnahmezustand. In Majak werden radioaktive Abfälle wiederaufbereitet und gelagert. Der gigantische Komplex kann offiziellen Angaben zufolge 400 Tonnen Atomabfälle pro Jahr wiederaufbereiten. Im Jahr 1957 ereignete sich hier einer der schwersten Atomunfälle der Menschheitsgeschichte, als eine Kühlanlage explodierte. Umweltschützer vergleichen die Folgen des Unfalls mit dem Unglück von Tschernobyl 1986. Auch in jüngster Zeit sorgten Pläne für Atommüllager in der Region für Schlagzeilen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace nennt Majak „einen der radioaktivsten Orte des Planeten“.

          Sneschinsk : Die Anlage zur Entwicklung von Atomwaffen, liegt ebenfalls im Ural, rund 1500 Kilometer östlich von Moskau. Am Wochenende hatte das Katastrophenschutzministerium in Moskau die Rettungskräfte aufgefordert, in der Umgebung der Anlage rund um die Uhr präsent zu sein. Rund sieben Hektar Land rund um die Einrichtung stehen in Flammen.

          Sarow: Die Atomanlage liegt in der Region von Nischni Nowgorod, etwa 500 Kilometer östlich von Moskau. Seit Sowjetzeiten wird hier Atomforschung betrieben und an der Entwicklung von Atomwaffen gearbeitet. Rund 800 Mann sind nach Angaben des Innenministeriums hier im Einsatz, um den Flammen Einhalt zu gebieten. Explosive Substanzen und spaltbares Material waren der staatlichen Atombehörde Rosatom zufolge zwischenzeitlich aus Sarow entfernt worden, mittlerweile teilte Rosatom aber mit, das Material sei wieder in die Anlage zurückgebracht worden. (AFP)

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