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Mammutbäume in Kalifornien : Sobald sie brennen, gibt es kaum eine Überlebenschance

  • -Aktualisiert am

Der Sequoia National Forest in Kalifornien: Feuerwehrleute versuchen am 19.09.2021 den Hain zu schützen, nachdem im „Windy Fire“ mindestens zwei Mammutbäume verbrannten. Bild: dpa

Waldbrände sind wichtig für die Fortpflanzung von Mammutbäumen – solange sie nicht zu heiß brennen. Doch inzwischen kann fast jeder Brand zur Katastrophe werden.

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          Der größte Baum der Welt trägt in diesen Tagen eine eigentümliche Schürze aus Aluminiumfolie. Kalifornische Feuerwehrleute haben die unteren zwei Meter des dicken Stamms des nach dem amerikanischen Bürgerkriegsgeneral William Sherman benannten Mammutbaums im Sequoia Nationalpark in die silbrige Hülle verpackt, um ihn vor einem herannahenden Waldbrand zu schützen. Nicht nur der Sherman-Baum, fast alle der riesigen, im Durchmesser oft mehr als zehn Meter messenden uralten Nadelbäume im Park sind inzwischen mit der hitzeabweisenden Folie eingehüllt. „Wir wollen ein Desaster wie im vergangenen Jahr vermeiden“, sagt der Superintendent des Nationalparks, Clayton Jordan.

          Damals verbrannten im sogenannten Castle Fire mehr als 10.000 Mammutbäume. Das entspricht etwa zehn Prozent aller dieser nur in der kalifornischen Sierra Nevada vorkommenden Riesenbaumart. Wieviele Bäume der Art Sequoia­dendron giganteum es in dem Granit­gebirge gibt, weiß niemand genau. Fachleute hatten aber geschätzt, dass es insgesamt bis zu 120.000 Exemplare geben könnte. Dabei werden nur Bäume mit einem Stammdurchmesser von mehr als 1,20 Meter gezählt. Jüngere und dünnere Bäume werden in der Statistik nicht erfasst. Diese Mammutbäume kommen nur an den Westhängen des Gebirges zwischen dem Lake Tahoe im Norden und der Kreisstadt Visalia im Süden in einem eng begrenzten Höhenbereich zwischen 1400 und 2400 Meter vor. Insgesamt gibt es in diesem Gebiet etwa 80 Stände von Sequoias, deren dicke Rinde bei günstigem Licht in herrlichem Rot erscheint – daher der amerikanische Name Mountain Redwoods.

          Waldbrände sind wichtig für die Fortpflanzung

          Die Baumart kann bis zu 3000 Jahre alt werden, und Feuer spielt eine wichtige Rolle im Lebenszyklus der Art. Trotz ihrer gewaltigen Größe – der Sherman Tree ist beispielsweise fast 90 Meter hoch – sind ihre Zapfen kaum größer als eine dicke Pflaume. Allerdings können die darin steckenden Samen nur dann sprießen, wenn sie von Flammen zum Leben erweckt werden. Waldbrände sind daher wichtig für die Fortpflanzung der einzigartigen Baumart. Außerdem ist die Rinde dieser Bäume so dick, dass leichte Feuer keinen größeren Schaden anrichten.

          Im kalifornischen Sequoia Nationalpark werden die sogenannten Sherman-Bäume in Alufolie gewickelt, um sie vor kommenden Waldbränden zu schützen. Bilderstrecke
          Waldbrand in Kalifornien : Das „Windy Fire“ greift im Sequoia National Forest um sich

          Allerdings sind die Flammen für die Mammutbäume nur dann lebensspendend, wenn sie nicht zu heiß brennen. Bevor die kalifornische Sierra Nevada vor etwa 170 Jahren wegen des Goldrauschs großräumig besiedelt wurde, waren die meisten Waldbrände dort recht zahm. Häufige, von Blitzen entzündete Feuer führten dazu, dass sich keine großen Mengen von trockenem Unterholz und toten Ästen auf dem Waldboden ansammelten. Die amerikanischen Ureinwohner taten mit selbstgelegten Bränden ein Übriges, um die Wälder weitgehend frei von leicht brennbarem Totholz zu halten.

          Diesem natürlichen Feuerzyklus stand mehr als ein Jahrhundert lang die Strategie der weißen Siedler zur Feuerbekämpfung entgegen. Waldbrände mussten sofort intensiv bekämpft werden. Als Folge sammelte sich mehr und mehr altes brennbares Material in den Wäldern an. Mittlerweile gibt es so viel „Brennstoff“ entlang der Westhänge der Sierras Nevada, dass nahezu jeder Waldbrand zu einer Katastrophe werden kann.

          Kaum Überlebenschance, sobald sie brennen

          Eines der dramatischen Beispiele für so ein extrem heißes Feuerverhalten gab es im vergangenen Jahr im Landkreis Tulare, der große Teile des Sequoia Nationalparks und des gleichnamigen Staatsforstes umfasst. Das von Blitzeinschlag entzündete Castle Fire brannte viereinhalb Monate lang und fraß sich dabei durch 700 Quadratkilometer Waldgebiet. Dabei erfasste es auch 20 der etwa 80 Stände von Mammutbäumen in der Sierra Nevada.

          Die Flammen waren teilweise so heiß und loderten so hoch, dass sie die Kronen selbst großer Mammutbäume erreichten. Sobald sie brennen, gibt es für die Bäume kaum eine Überlebenschance, denn wenn erst einmal alle Äste verbrannt sind, können sich die zarten Nadeln nicht regenerieren, und der Baum stirbt.

          Nachdem das Castle Fire erst in diesem Januar endgültig erloschen war, verbrachten die Biologen Nathan Stephenson vom Geologischen Dienst der Vereinigten Staaten und Christy Brigham vom Sequoia Park Wochen in dem verheerten Waldgebiet. Zu Fuß und vom Hubschrauber aus zählten sie in den 20 vom Feuer erfassten Ständen alle verbrannten Mammutbäume. Die resultierende Zahl war für die Biologen ebenso schockierend wie für die kalifornische Öffentlichkeit. Etwa 10.000 Mammutbäume, gut ein Zehntel des gesamten Bestandes an diesen ikonischen Gewächsen, waren dem Feuer zum Opfer gefallen.

          Schürzen aus Alufolie schützen

          Damit es in diesem Sommer nun nicht zu einer ähnlichen Brandkatastrophe kommt, entwickelten die auf die Waldbrände spezialisierten Feuerwehrleute Schutzmaßnahmen für die Mammutbäume. Dazu gehört es, Gestrüpp und Totholz in den Sequoiaständen unter kontrollierten Bedingungen in Brand zu setzen – und die größten Bäume mit Alufolie vor einem Übergreifen der Flammen zu schützen.

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          Wie effektiv diese Maßnahmen sind, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Zur Zeit brennen nämlich im Sequoia Nationalpark wieder zwei vor knapp zwei Wochen von Blitzen entzündete Feuer. Es wird damit gerechnet, dass sich die beiden Brände in den kommenden Tagen zu einem Brand vereinigen, der dann den wohl berühmtesten Stand von Mammutbäumen bedroht. In diesem sogenannten Giant Forest stehen nicht nur der General Sherman Tree, sondern Dutzende weitere, ähnlich riesige Mammutbäume.

          Normalerweise besuchen jährlich mehrere hunderttausend Menschen den Stand – im Moment aber ist die ganze Gegend vollständig gesperrt. Selbst die Mitarbeiter der Parkverwaltung und die Ranger mussten den Wald verlassen. Abgesehen vom Rascheln der Aluminiumfolie im Wind ist es deshalb ungewöhnlich still im Park – nur gelegentlich hört man das Dröhnen eines Tankflugzeugs, das Wasser und Feuerlöschmittel auf die aktiven Brände sprüht.

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