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Waldbrände in Colorado : Wie bei einem Vulkanausbruch

  • -Aktualisiert am

Barack Obama mit Feuerwehrmännern in Mountain Shadows Bild: AFP

Nach der Winterdürre sind die Feuerwehren gegen die Brände in Colorado machtlos. Der Chef des örtlichen Löschtrupps spricht von einem „Monsterfeuer“, zwei Menschen sterben in den Flammen.

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          Wer gewöhnlich an einem schönen Sommertag mit dem Auto von Osten kommend in Richtung Colorado Springs fährt, wird mit einem atemberaubenden Anblick belohnt. Nahezu abrupt erhebt sich die Kette der Rocky Mountains: schroffe Bergspitzen, grüne Wälder und an Nachmittagen gewaltige Gewitterwolken, die sich über den Gipfeln türmen. Im Moment ist aber der Blick auf das Felsengebirge verschleiert. Über den Bergen hängen Qualmwolken, und in Colorado Springs, der zweitgrößten Stadt des Bundesstaates Colorado, erschwert dichter Rauch das Atmen. Er taucht die Sonne in einen fahlen, gelben Schein und verschluckt sogar das Blaulicht der Feuerwehrwagen.

          Der Chef der Feuerwehr der Stadt, Rich Brown, spricht von einem „Monsterfeuer“. In den 22 Jahren, die er bei der Feuerwehr ist, habe er einen derart gefährlichen Brand noch nicht erlebt. Als Brown wenige Stunden später Präsident Barack Obama die Lage erklärt, ist die Luft aber klar. Obama, der sich einen Eindruck vom größten Brand in der Geschichte Colorados machen will, hat einen ungetrübten Blick auf die Zerstörung. Ein scharfer Wind hat Rauch und Qualm weggeblasen.

          Es ist dieser Wind, wechselhaft und in Böen stürmisch, der das Waldo-Canyon-Feuer, so der offizielle Name, unberechenbar und bisher unbeherrschbar macht. Mitte vergangener Woche war der Brand noch tief in jenem Tal in den Bergen versteckt, das dem Feuer seinen Namen gab, erzählt Rudy Burns, der im Vorort Mountain Shadows wohnt. Dann schlug das Wetter um. Die Lufttemperatur stieg auf 39 Grad, die relative Luftfeuchtigkeit sank auf 20 Prozent, der Wind frischte heftig auf. Binnen weniger Stunden raste die Feuerwand aus den Bergen in Richtung Colorado Springs. Burns und seine Nachbarn mussten fliehen. Feuerwehrchef Brown verglich die Intensität des Feuers und die Geschwindigkeit der Feuerwalze mit einem Vulkanausbruch.

          Am Freitag schließlich ließ der Wind nach. Zwei Personen, die ihre Häuser nicht verlassen wollten, waren in ihnen verbrannt, 350 Einfamilienhäuser, darunter auch das Anwesen von Burns, den Flammen zum Opfer gefallen. Mehr als 35 000 Einwohner bangten in Notunterkünften um ihr Hab und Gut, und mehr als 1200 Feuerwehrleute versuchten, den Brand einzudämmen. Das Feuer griff sogar auf das Gelände der Luftwaffenakademie, des größten Arbeitgebers in Colorado Springs, über. Soldaten schlugen Brandschneisen rund um das Gelände. Dennoch ließ der Kommandant der Hochschule, Generalleutnant Michael Gould, 1000 neue Kadetten zum Appell antreten, während sich braune Qualmwolken im Himmel auftürmten. Im nahe gelegenen Trainingszentrum der amerikanischen Olympioniken trugen Leichtathleten Atemschutzmasken, als sie sich auf den Bahnen warmliefen. Das Olympische Komitee bereitete Notfallpläne vor, nach denen die Sportler entweder verlegt oder vorzeitig zu den Sommerspielen nach London geschickt werden sollten.

          Das Waldo-Canyon-Feuer ist der gefährlichste von 52 Waldbränden, die gegenwärtig im amerikanischen Westen toben. Allein in Colorado bekämpfen Feuerwehrleute sieben große Brände, vier von ihnen, darunter der Brand nahe Colorado Springs, wurden als „Superbrände“ eingestuft. So wütet seit dem 9. Juni das High-Park-Feuer in der Nähe der Stadt Fort Collins, gut 200 Kilometer nördlich von Colorado Springs. Ein Blitz hatte den Brand entfacht. Inzwischen hat das Feuer den Bewuchs auf einer Fläche von mehr als 360 Quadratkilometern vernichtet und mehr als 150 Häuser.

          Borkenkäfer begünstigen die Feuerwalze

          Obwohl es in den Bundesstaaten des amerikanischen Westens jeden Sommer Hunderte großer Waldbrände gibt, ist die Zahl derart intensiver Brände so früh in der Feuersaison ungewöhnlich. Schon im Mai hatte ein Waldbrand im Gila-Staatsforst in Neu-Mexiko die Vegetation auf einer Fläche von 660 Quadratkilometern zerstört. Es war der größte Waldbrand in der Geschichte des südlichen Nachbarstaates von Colorado. Die Ursache für den frühen Beginn der Brandsaison ist der ausgesprochen trockene Winter. Der Klimatologe Nolan Doesken zeigt in Denver Messdaten: Im Winter fielen 80 Prozent weniger Schnee als im langjährigen Mittel. Zusätzlich sei das Frühjahr extrem trocken gewesen. Zudem wurden in den vergangenen Jahren viele Forste im „Wilden Westen“ von Borkenkäfern befallen. Die Käfer wüteten vor allem in den Kieferbeständen Colorados. Dementsprechend gibt es viele abgestorbene Bäume, der Boden liegt voller Totholz. Weil die Dürre dem Holz nun jegliche Feuchtigkeit entzieht, brennt es wie Zunder.

          Die vom Feuer ausgehende Hitze war enorm. Das stellt auch Rudy Burns fest, als er endlich zu seinem Anwesen in Mountain Shadows an der Rossmere Street zurückkehren konnte. Das Haus war wie die meisten Häuser in Colorado aus Holz gebaut und brannte bis auf das Fundament nieder. Burns bricht in Tränen aus, als er dort, wo vor wenigen Tagen noch die Garage stand, die geschmolzenen Reste seiner geliebten Harley entdeckt. Noch vor einem Monat war der verwitwete Veteran des Vietnamkrieges damit zur großen Motorradrallye in Washington gewesen, und im August wollte er zum traditionellen Bikertreffen nach Sturgis in Süd-Dakota fahren. Daraus werde nun wohl nichts, sagt er und wendet sich ab. Auch dem Bürgermeister von Colorado Springs, Steve Bach, fehlen zunächst die Worte, als er das Ausmaß der Zerstörung sieht. „Wie nach einem Atomangriff“, sagt er schließlich.

          Am Wochenende entspannte sich die Lage etwas, und der Brand zog sich von den Stadtgrenzen zurück und breitete sich in unbewohnte Gebiete nach Süden aus. Bisher hat das Feuer dort die wichtige Brandschneise entlang der Landstraße 24 noch nicht übersprungen. Tief im Cheyenne Mountain befindet sich der größte Atombunker der Welt. Bis vor kurzem war dort das North American Air Defense Command untergebracht, eine von amerikanischen und kanadischen Luftwaffenoffizieren besetzte Kommandozentrale, von der aus im Fall eines gegnerischen Atomangriffs der Vergeltungsschlag gesteuert werden sollte. Die eingemottete Zitadelle des Kalten Krieges haben die Waldbrände bislang verschont.

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