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Verunglückter Höhlenforscher Johann Westhauser : Körperlich fit und mental belastbar

Johann Westhauser in der Riesending-Höhle Bild: ZDF / Wolfgang Zillig

Er kennt die Riesending-Höhle wie kaum ein anderer: Der verunglückte Johann Westhauser gehört zu den erfahrensten Höhlenforschern. Einer, der mit ihm unterwegs war, erzählt von den Strapazen und Gefahren im Untergrund.

          „Man darf kein Nervenbündel sein in diesem Metier“, sagt Matthias Leyk, Einsatzleiter der Höhlenrettung Baden-Württemberg. Er kennt Johann Westhauser (Bild oben) seit vielen Jahren und zahllosen Touren. Nur wer körperlich fit und mental belastbar sei, könne die Strapazen dieses Forschungszweiges auf sich nehmen. Allesamt Eigenschaften, die auf Johann Westhauser zuträfen, sagt Leyk. „Er ist die Ruhe selbst.“

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Johann Westhauser, 52 Jahre alt, arbeitet als Techniker am Institut für Angewandte Physik des Karlsruhe Institute of Technology (KIT). Der Speläologe kennt die Riesending-Schachthöhle wie kaum ein anderer. Seit gut zwölf Jahren erforscht er die unterirdischen Gänge, von denen er, zusammen mit seinen Kameraden von der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt, eine ganze Reihe selbst entdeckt hat. Ursprünglich wollten die Höhlenforscher um ihren Forschungsleiter Ulrich Meyer nur die Bildung von Höhlen verstehen. Dass sie dabei mit ihrer Entdeckung in den Berchtesgadener Alpen den Tiefen- und Längenrekord brachen, war eigentlich ein Nebeneffekt. Die jährlichen Touren in die Tiefe sind gefährlich: Ulrich Meyer selbst hatte gleich bei einer der ersten Expeditionen einen Unfall, er riss sich das Innenband am Knie an, kam aber nach drei Tagen Ruhe im Biwak wieder auf die Beine und erreichte den Höhlenausgang aus eigener Kraft. Die bereitstehende Höhlenrettung musste damals nicht ausrücken.

          Beinbruch in fünf Kilometer Tiefe

          Westhauser war schon Dutzende Male im Inneren des Berges. Er ist bestens ausgebildet und verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz. „Er ist top aktiv, bedächtig und für uns alle immer ein Vorbild“, so sein Freund und Kollege Matthias Leyk. Seit rund 20 Jahren sei er Mitglied bei der Höhlenrettung in Baden-Württemberg und habe Gefahrensituationen nicht nur in der Theorie kennengelernt. „Er weiß, dass nicht jede schwierige Situation sofort das Ende bedeutet“, sagt Leyk. Dieses Wissen kann ihm nun zugute kommen: Er kann die Möglichkeiten der Rettungskräfte gut einschätzen und wird somit zum Beispiel nicht in Panik geraten, wenn es lange dauert, bis Helfer bei ihm eintreffen.

          Das ist wirklich ein „Riesending“: ein Entdecker in der Höhle am Untersberg, deren Ausmaß noch keiner kennt Bilderstrecke

          Für Höhlentaucher, sagt Leyk, gebe es zum Beispiel bestimmte Fingerübungen, die man erlernen könne, um sich zu beruhigen, wenn man mit Angstzuständen zu kämpfen habe. Gleichgültig, ob man nun tatsächlich in einer Gefahrensituation sei oder es nur so wahrnehme. Diese Übungen, bei denen man die Fingerkuppen aufeinander stellt, sollen dazu beitragen, ruhiger zu atmen und den Kreislauf zu stabilisieren. Auch wenn Leyk keine Angaben zum Gesundheitszustand des verunglückten Forschers machen kann - die Gefahr der Unterkühlung droht recht schnell. Leyk hat das am eigenen Leib erlebt. Vor zwanzig Jahren brach er in einer Höhle ein Bein und harrte zwei Tage in fünf Kilometer Tiefe aus, bis er geborgen wurde. Doch der Unterkühlung entkam er nicht: Es habe mit einem Frösteln angefangen, das langsam immer stärker geworden sei. „Dann plötzlich schmerzt die Kälte richtig übel, wie Messerstiche.“ Bald darauf ließen die Schmerzen nach, er sei schläfrig geworden. „Das ist der Zeitpunkt, wenn die Körpertemperatur wahrscheinlich schon unter 35 Grad gesunken ist.“ Als Leyk gerettet wurde, war er kurz vor dem Einschlafen. „Doch im Vergleich zu der Rettungsaktion jetzt war das damals ein Kindergeburtstag.“ Die Höhle sei groß gewesen, viel leichter zugängig.

          Trotz seines Unfalls hat Leyk nicht von den Höhlen lassen wollen. Für viele sei es nur dunkel, schlammig und kalt dort unten. „Es ist eine ganz andere Welt: Ohne Lärm, ohne Staub, mit ganz eigenen Gesetzen.“

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